Die Revolution der Frau

Frauenkampftag Ein Plädoyer für eine revolutionäre Frauenbewegung
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Heute ist Weltfrauentag. Traditionell werden an diesem Tag Blumen an Frauen überreicht. Große Organisationen bekennen sich zu den Frauenrechten und Politiker betonen, dass die Frauenrechte ein wichtiger Bestandteil der „westlichen Kultur“ seien. Die Idee der Gleichberechtigung von Mann und Frau scheint ein „prägendes Merkmal“ der westlichen Gesellschaften zu sein. Immer wieder wird betont, dass die Frauen sich im Westen ja glücklich schätzen könnten, da „der Westen“ ja die Frauenrechte garantieren und schützen würde. Das Patriarchat gilt als fast überwunden und die einzige Bedrohung für die Frauenrechte seien entweder die Flüchtlinge, die Ausländer und ihre „Parallelgesellschaften“ oder der Islam. Gerade nach den sexistischen Ausschreitungen in Köln an Silvester schwangen sich bekannte Anti-Feministen plötzlich zu den Verfechtern von Frauenrechten auf, die ja ein wichtiger Aspekt des „christlich-jüdischen Abendlandes“ bzw. des „Westens“ sei.


Doch ein Blick unter die Fassade widerlegt die angebliche Gleichstellung von Mann und Frau. Die Anzahl von Frauen, die in Führungspositionen sind, ist äußerst gering und die Idee einer Frauenquote gilt einigen als abenteuerlich. Frauen verdienen für denselben Beruf im Durchschnitt immer noch weniger als Männer. Sexismus und die Objektivierung der Frau ist immer noch allgegenwärtig. Egal ob in Werbung, Fernsehen oder Radio: Das Selbstwertgefühl der Frau wird an ihre Übereinstimmung mit männlichen Schönheitsnormen gekoppelt. Eine Frau, die davon abweicht, ist entweder eine „Kampflesbe“ oder eine „Emanze“. Frauen haben sich den männlichen Idealen zu unterwerfen, oder sie werden Ziel übler Anfeindungen.

Symptombehandlung als Kampf für Gleichberechtigung?

Einige tendieren dazu, die existierenden patriarchalen und sexistischen Zustände einfach mit einer Änderung des Lifestyles oder durch die Forderung einer Frauenquote bekämpfen zu wollen. Und so gut diese Vorschläge gemeint sind: Sie verfehlen die Ursache des gesellschaftlichen Patriarchats und behandeln nur dessen Symptome.

Die Ursache für Sexismus und Patriarchat ist kein durch Reformen auszugleichender „Unfall“, sondern das Produkt einer systematischen Diskriminierung und Herabsetzung des weiblichen Geschlechtes. Mit der Zerstörung der natürlichen Gesellschaft aufgrund der Bildung von (männlich dominierten) Priesterkulten und Hierarchien und daraus resultierenden Staaten begann auch die systematische Herabsetzung der Frau. Die Frau wurde aus der Ökonomie vollkommen verdrängt und mithilfe des gesellschaftlichen Sexismus wurde nicht bloß die wirtschaftliche und politische Unterdrückung, sondern auch die kulturelle Unterdrückung der Frau aufgebaut. Frauen gelten als das „schwache“ Geschlecht. Erst mit der Unterdrückung der Frau konnten dann die anderen Unterdrückungsmechanismen entstehen. Erst durch die Hierarchien, die zur Zerschlagung der Freiheit der Frau eingesetzt und errichtet wurden, konnten weitere Unterdrückungsmechanismen und die daraus resultierenden Unterdrückungen wie Rassismus oder Sozialchauvinismus entstehen.

Deshalb muss ein Feminismus, der die tatsächlichen Ursachen von Patriarchat und Sexismus bekämpfen will, immer eine revolutionäre Perspektive haben. Es hilft nichts, eine Frau in ein mächtiges Amt zu wählen: Weder wurde die Bundesrepublik unter Kanzlerin Merkel weniger sexistisch, noch war die US-Außenpolitik unter Außenministerin Clinton feministisch oder humanitär. Das liegt nicht unbedingt darin, dass sie ausgesprochene Gegner der Gleichberechtigung seien könnten, sondern eher daran, dass die patriarchalen Zustände sich nicht dadurch verändern, dass sie weibliche Masken aufgesetzt bekommen. Solange es ein System gibt, das Frauen systematisch davon abhält, gleichberechtigt in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft partizipieren zu können, solange es als „normal“ gilt, Frauen als das „schwächere Geschlecht“ zu bezeichnen und sie zu den Objekten männlicher Wünsche zu machen, wird das Patriarchat nicht enden. Auch, wenn die US-Präsidenten vielleicht Hillary Clinton heißt.

Selbstorganisation stärken – den sexistischen Normalzustand angreifen!

Den gesellschaftlichen Sexismus und das Patriarchat kann man nur dadurch bekämpfen, dass das patriarchale System und die „männliche Gesellschaft“ überwunden werden, die sexistische Objektivierung und Patriarchat produzieren bzw. voraussetzen, um existieren zu können. Ein feministischer Kampf kann nicht bloß bei einer Symptombehandlung stehen bleiben, sondern muss ein revolutionärer Kampf sein, der die Unterdrückung der Frau und die daraus resultierenden Unterdrückungen bekämpft. Es muss ein Kampf sein, der das System bekämpft, dass Frauen als Erstes von der gesellschaftlichen Partizipation ausschloss, bevor es begann, weitere Gruppen zu diskriminieren bzw. auszuschließen.

Doch wie könnte solch ein Kampf aussehen?

Glücklicherweise müssen wir für einen solchen Kampf nicht das Rad neu erfinden, sondern können aus anderen Teilen der Welt inspirieren lassen im Kampf gegen den sexistischen Normalzustand. In Argentinien gibt es Madres de Plaza de Mayo, eine Frauenorganisation, die trotz Verboten und staatlicher Gewalt durch den argentinischen Staat bzw. die Militärdiktatur mutig für die Aufklärung des „Verschwindens“ ihrer Kinder kämpfte. In der Türkei gibt es die Friedensmütter, die als Mütter von Soldaten und Zivilisten, die im Krieg der Türkei gegen die demokratische und kurdische Freiheitsbewegung gestorben sind, sich für ein Ende von Diktatur und für ein Ende des Krieges einsetzen. In Indien gibt es die Gulabi-Gang, die mit Bambusstöckern gegen Unterdrückung und Unrecht kämpft.

Das Modell Rojava als Ausweg aus Patriarchat und Sexismus:

Das wohl wichtigste und prägendste Beispiel ist die Frauenbewegung in Kurdistan bzw. Mesopotamien. Die kurdische Freiheitsbewegung hat früh mit dem Aufbau autonomer Frauengliederungen begonnen und den Kampf gegen das Patriarchat in das Zentrum gerückt. In Rojava wurde ein Gesellschaftssystem aufgebaut, das als einen Pfeiler den Feminismus bzw. die Frauenrevolution hat. Die bewaffneten Volksmilizen haben einen autonomen Frauenflügel, die YPJ, der unabhängig entscheiden kann und seine Kämpferinnen auch in einem feministischen Weltbild schult. Die Volksräte in Rojava haben eine 40% Geschlechterquote und müssen eine Doppelspitze aus Mann und Frau haben. Ebenso gibt es zusätzlich den Volksräten auf allen Ebenen auch Frauenräte, die nicht bloß als „Frauenhäuser“ fungieren, sondern die Unabhängigkeit der Frauen z.B. durch den Aufbau von Frauenkooperativen fördern, feministische Perspektiven fördern und ein Vetorecht auf allen Ebenen haben. Die kurdische Freiheitsbewegung hat schon vor einiger Zeit mit dem Aufbau einer unabhängigen Frauenwissenschaft, der Jineolojî, begonnen. Aramäische und arabische Bewohner Rojavas haben diese Revolution ebenso eigenständig durchgeführt und stellen, wie die Aramäer, nicht bloß Frauenzentren und zivile Frauenräte, sondern auch eigene Frauenverteidigungskräfte (HSNB).

Die Revolution in Rojava hat es damit geschafft, nicht bloß auf patriarchale Zustände hinzuweisen und diese anzugreifen, sondern sie hat es geschafft, einen Ausweg aufzuzeigen, Frauen zu befreien und feministische Perspektiven und Strukturen tief in der Gesellschaft zu verankern. Die Revolution in Rojava ist ohne die Frauenrevolution nicht zu denken.

Schafft viele Frauenrevolutionen!

Und damit zeigt die Frauenrevolution in Rojava, wie sich das Patriarchat nicht nur angreifen, sondern auch zertrümmern bzw. überwinden lässt:

Durch militante Selbstorganisation, das heißt nicht bloß durch fromme Anregungen oder Wünsche, sondern durch die Stärkung der Selbstverteidigung von Frauen, um das Opfer-Paradigma durchbrechen zu können.

Durch Interventionsrechte und Geschlechterquoten, um zu verhindern, dass Frauen von Männern wieder überstimmt und übergangen werden. Eine feministische Bewegung kann nicht eine Versammlung von Männern sein, die den Frauen vorschreiben wollen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Durch den Aufbau einer alternativen Wissenschaft bzw. alternativer Bildungsstätten, die nicht patriarchale Zustände reproduzieren, sondern angreifen, demaskieren und durch die Wissenschaft der Frau ersetzen. Wenn Mädchen und Frauen bereits mit einer patriarchalen Bildung und Wissenschaft indoktriniert werden, ist es für sie schwerer, Opfer-Paradigma und Unterdrückung zu überwinden. Deshalb ist der Aufbau einer feministischen Wissenschaft, die patriarchale Mythen demaskiert und feministische Perspektiven eröffnet, ein wichtiger Bestandteil einer feministischen Bewegung mit dem Ziel einer Revolution der Frau.

Und durch den Aufbau solidarischer Betriebe und die dadurch entstehende Stärkung der wirtschaftlichen Eigenständigkeit der Frau. Auch der Feminismus als bloße Theorie und wissenschaftliches bzw. geistiges Rüstzeug kann einer Frau nicht allein dabei helfen, den Kreislauf aus Ausbeutung, Objektivierung, Unterdrückung und Patriarchat zu durchbrechen. Erst eine Frau, die wirtschaftlich auf eigenen Beinen steht, kann auch gesellschaftlich wirklich eigenständig sein und gleichberechtigt intervenieren und partizipieren.

Wenn man also mit dem Aufbau eines revolutionären Feminismus beginnt, der nicht bloß Symptome, sondern Ursachen patriarchaler Zustände bekämpft, dann muss eine Revolution der Frau nicht ein Wunsch bleiben, sondern kann Realität werden. Dafür sollte man sich jedoch klar machen, dass eine Revolution der Frau nicht bloß ein Zusatz für den Kampf für eine freie Gesellschaft ist, sondern ihr elementarer Bestandteil ist:

Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.

19:53 08.03.2016
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Geschrieben von

Sozialchrist

Blog über den globalen Kampf für demokratische Selbstverwaltung und die Revolution der Frau.
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