Literatur wurzelt in Literatur

KULTURFEUILLETON Van Gogh - Hommage an die Eigenwilligkeit
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Falls wir Gottes Ebenbild sind, ist er unseres und könnte nur glücklich sein, falls wir glücklich leben können!“ - „Du kannst eine schwärende Wunde an einen Spiegel halten, sie sieht dann aus wie ein Schmetterling.“

THEATRALISCHES WESEN:
Leben ist Dschungel, der Weg wächst hinter mir zu. Ich saß in einer Straßenkneipe. Zwei Alkis am Tisch, sie stritten, ob van Gogh, van Gosch oder van Gug gesprochen wird, sie waren sich einig, dass er keine Sonnenblumen gemalt hatte, sondern Augen. Van Gogh in mir nickte.

SPIELMATERIAL MESSER AN AUGE, OHR, ZUNGE.

THEATRALISCHES WESEN:
Es ist oft herzzerreißend, - die Leute sind still, und buchstäblich nirgends habe ich etwas gehört, was aufrührerisch klang. Aber sie sehen ebenso wenig fröhlich aus wie Droschkengäule oder wie Schafe, die im Dampfschiff nach England verfrachtet werden. Sie hungern und kaufen Lotterielose. Wir sind Fischer auf dem Ozean Wirklichkeit.

Wir brauchen Festland. Ich war gelegentlich Nichtstuer wider willen, der innerlich von einem heftigen Wunsch nach Tätigkeit verzehrt wird, der nichts tut, weil es ihm unmöglich ist, etwas zu tun, weil er wie in einem Gefängnis sitzt, weil er nichts hat, was er braucht, um produktiv sein zu können. Ich hoffe, dass die Dornen, die ich im Fleisch fühle, weiße Blüten tragen werden, und dass dieser anscheinend unfruchtbare Kampf nichts anderes bedeutet als Geburtswehen. Manchmal gelingt es dem Steuermann, sich einen Sturm zunutze zu machen, um vorwärts zu kommen, statt dass er vom Sturm zum Scheitern gebracht wird. Ich bin oft grässlich und auf ärgerliche Art melancholisch, reizbar, ich sehne mich nach Mitgefühl mit einer Art Hunger und Durst, und wenn ich dieses Mitgefühl nicht finde, gebe ich mich gleichgültig und scharf und gieße oft selber Öl ins Feuer. Aber gerade dann spüre ich, was Arbeit bedeutet, wie sie, unabhängig von Beifall oder Ablehnung, Leben Klang gibt, und wie man an Tagen, da man sonst melancholisch werden würde, froh ist, wenn man arbeiten kann. Ein Maler ist wie die Natur, die für einen Schatten spendenden Baum tausende Samen auswirft.

Ich ließ sagen, ich sei wegen Tripper im Krankenhaus. Auch andere mussten Verbannung erdulden. Ich wurde zwischen Menschen, die wie Tiere schreien, eingesperrt. Ich hatte, als sicher war, dass die Idee einer Künstlerkolonie gescheitert ist, ein Stück vom Ohrläppchen abgeschnitten und es einer Hure ins Bordell gebracht, "Heben Sie diesen Gegenstand sorgfältig auf." Als ich mich Tage später entschuldigen wollte, sagte sie: "Kein Problem, so etwas kommt öfters vor." Ich gedachte meinen Beruf als Verrückter ebenso gelassen hinzunehmen wie andere den Beruf als Notar. Aber ich fühle nicht die nötige Kraft, eine solche Rolle zu übernehmen.

Wenn ich gegen verschlossene Türen trommele, sagen sie: "Sie sehen doch, wie verrückt sie sind." Wenn ich still bin, sagen sie, dass es mir gut täte, eingesperrt zu sein. Sie teilen mir das Malzeug zu. Ich könnte die Ärzte fragen: und wo sind die vernünftigen Leute? Sind das die Zuhälter im Bordell? Die Geldschuld, die ich machen musste, weil ich geboren wurde, ist so groß, dass die Anstrengung Bilder hervor zu bringen, die ich verkaufen könnte, mein ganzes Leben aufgezehrt hat, als hätte ich gar nicht gelebt. Mein ganzes Leben oder wenigstens fast mein ganzes Leben habe ich alles andere gesucht als ein Märtyrerdasein.

Ich fühle mich als Maler wie ein Schmied oder Arzt. Aber die Gesellschaft ist so, dass Malen wie ein Feldzug, eine militärische Kampagne, ein Kampf oder Krieg ist. Geld ist, was früher das Recht des Stärkeren war. Du widersprichst, - er schlägt nicht mit der Faust zu, er kauft nichts mehr von dir.

Ihre Moral ist so, dass sie Eingeborene mit der Begründung, dass sie ab und zu einen Menschen verspeist hätten, töteten und sich ihr Land aneigneten. Leben hat Gehetztes, Gejagtes; es ist gerade, als sei der Tod darüber hinweg gegangen. Kaltblütig muss ich mit der einen Hand das Steuer festhalten, damit die Arbeit weiter geht, und mit der anderen Hand dafür Sorge trachten, dass ich anderen keinen Schaden zufüge. Ich kann nicht auftreten als einer, der anderen Vorteil bringen kann oder eine Sache im Kopf hat, die sich finanziell bezahlt macht, nein, im Gegenteil, es ist voraus zu sehen, dass es auf ein Defizit hinausläuft – und doch, doch fühle ich eine Kraft in mir gären, ich habe ein Werk zu schaffen.

Warum tun sich Künstler nicht zusammen, um gemeinsam zu arbeiten, wie Soldaten in Reih und Glied? Ich hoffe auf eine gewaltfreie Revolution, die sich aus dem Bedürfnis nach Liebe vollzieht. Jesus ist der bedeutendste Künstler, Material: Menschen. Meine Bilder Predigten. Das junge Korn kann wie etwas unsagbar Reines, Zartes wirken, das ebenso anrührt wie der Ausdruck eines schlafenden Kindes. Das zertretene Gras am Rande einer Straße hat etwas Müdes und Bestaubtes wie die Anwohner eines Armenviertels. Als es geschneit hatte, sah ich ein Grüppchen Wirsingkohl, das so verfroren in der Kälte stand und mich an Frauen erinnerte, die ich am Morgen in dünnen Röcken und alten Umschlagtüchern in einem Wasser- und Feuerkeller hatten stehen lassen.

Im Gegenlicht haben Dinge einen Strahlenkranz. Ich will Männer und Frauen mit diesem Ewigen malen, wofür der Heiligenschein Symbol war, ich benutze Leuchten, Zittern, Schwingen der Farben.

Der Saal, in dem man sich an Regentagen aufhält, ist wie ein Wartesaal III. Klasse in irgendeinem abgelegenen Dorf, zumal höchst ehrenwerte Verrückte darunter sind, die Hut, Brille, Stock und Reiseausrüstung tragen, wie in einem Seebad.

Mit einem Ohr aus Pappmaché will ich nicht in die Tropen.

Ich komme mir wie ein alter Droschkengaul vor, von dem ich weiß, dass er sich wieder vor dieselbe Droschke spannt. Ich würde lieber auf einer Wiese leben mit einer Sonne und einem Fluss und würde die Gesellschaft anderer Pferde haben, die so frei sind wie ich, und den Zeugungsakt.

Die Erfolgreichen schaffen durch ihren Neid eine Wüste um sich. Ich schieße mir in den Bauch, nicht den Kopf. Mein Kopf hätte, wenn ich ohne Bauch hätte leben können, nicht sterben müssen. Als ich jung war, hatte ich trocken Brot essen, auf hartem Boden schlafen wollen, um mich in die einzufühlen, die so leben müssen. Es ist ein Unterschied, ob du hungern willst oder musst.

THEATRALISCHES WESEN:
Im Van-Gogh-Museum verkaufen sie Keramikohren, die du als Aschenbecher benutzen kannst.

Langfassung: http://textlandschaft.de/woerter/messer_am_ohr.pdf
Quelle: van Goghs Briefnachlass

18:57 12.07.2018
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Geschrieben von

Soziokultur

Sprach-, Literatur-, Kulturwissenschaft. Kulturjournalistin.
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