Browsergate

Android Nur Wettbewerbsrecht und billig: Google muss mit selbem Maß gemessen werden wie seine Mitbewerber. Microsoft musste nicht nur zahlen, sondern für die auch noch werben.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Kartellwächter der EU haben Android ins Visier genommen. Über dessen knapp 80% Marktanteil drücke Google Geräteherstellern und also dem Nutzer neben dem Betriebssystem eigene Software auf, so deren Einschätzung. Das deren Bloatware keineswegs und gerade doch so sehr an den Fall EU ./. Microsoft erinnert, kommt nicht von ungefähr.

Nachdem klar war, das Obama Merkels Telefonate regelmäßig belauscht kam dieselbe auf eine glorreiche Idee: Sie forderte von der hiesigen IT bei einem der zahlreichen Gipfel ein "eigenes Google". Eine auf den ersten Blick spannende aber doch realitätsferne Idee, die das Redemanuskript nicht überdauerte. Denn natürlich bliebe Google einerseits Markt beherrschend, es sei denn den deutschen Softwareingenieuren fiele zur Abwechslung doch mal wirklich etwas ein, die das zustande bringenden Start ups würden entsprechend angeschoben und all das wäre in einen echten, konkurrenzfähigen Markt gebettet. Dennoch würde nicht nur die Suchmaschine zu ersetzen sein, sondern insbesondere auch Android, denn hiermit generiert man neben der Suche nebst darüber vertriebener Werbung die meisten Umsätze. Googles Geschäft hat sich inzwischen verlagert.

Gatekeeper-Geschäftsmodell

Google wird nunmehr im Grunde das selbe vorgeworfen, wessen sich Microsoft als Vorwurf ausgesetzt sah: Wer ein Android-Gerät herausbringen will, müsse neben dem Betriebssystem eine Vielzahl für Google lukrative Gatekeeper wie Google Music, Google Books, Google sonstwas nicht irgendwo auf dem Endgerät unterbringen, sondern möglichst weit vorne. 1300 Hersteller kämpfen vor allem im niedrigen Preissegment um jeden Kunden für ihre etwa 24000 Gerätetypen, und der Ausgang des Verfahrens dürfte bei all jenen mit großer Spannung erwartet werden. Denkbar ist das die Hersteller die prominenten Plätze mit eigenen Apps versehen oder höchstbietend anbieten. Umsätze die den Geräteherstellern die ohnehin geringe Marge aufbessern dürften.

Umsätze seitens der Benutzer sind auf lange Sicht allerdings, was sich wirklich lohnt. Denn trotzdem die Zahlungen sich Micropayment nennen, versprechen sie das ganz große Geld.

Demgegenüber manifestiert jeder in dem ein oder anderen Ökosystem ausgegebene Cent natürlich auch die Bindung an das jeweilige. Wer Unsummen in Android-Apps investiert hat wird sich zwei Mal überlegen Apple oder Microsoft denselben Betrag für die gleichen Apps nochmal hinterher zu werfen.

Wenn die Google angedrohte Strafe zudem im Verhältnis zu der einstmals für Microsoft für einen wenig lukrativen Browser stehen soll, dann muss sie sich bei einem Schuldspruch hieran eher messen lassen.

Und damit darf sich die Europäische Kommission nicht genügen. Mit einer halben Milliarde Euro war der Missbrauch der Markt beherrschenden Stellung für Microsoft seinerzeit nicht erledigt. Abgegolten wurde darüber hinaus auch noch, indem Microsoft verpflichten wurde, per Browserchoice Werbung für alle Mitbewerber zu machen, und zwar mitten auf dem Desktop und beim Systemstart. Und auf so einen Vergleich wird sich Google und werden sich die Hersteller ebenfalls einlassen müssen: Bis jetzt jedenfalls sind die so genannten Systembrowser nicht nur eine der größten Sicherheitslücken, sondern vor allem auch genau so ein de facto Monopol wie der Internet Explorer einstmals für Wettbewerber. Natürlich sind Opera und Firefox auch im Store erhältlich, vorinstalliert aber ist als diese wichtige Komponente nur Chrome.

Obwohl mit dem Google Play getauften Ökosystem jeden Tag über Irland versteuert satt Umsatz gemacht wird, obwohl Apple aus einem von ihm überhaupt erst gegründeten Markt wie in einer Drehtür gedrängt wurde und obwohl die Bindung an eine Plattform gar nicht zur Diskussion stehen, muss sich Google auch implizit diese Vorwürfe Gefallen lassen, da der Fall so deutlich an den der europäischen Wettbewerbshüter gegenüber Microsoft erinnert. Und das nicht nur wegen Irland, allen drei Playern als Sitz ihrer europäischen Holding gemein.

Es ist an der Zeit darüber nachzudenken, all das anzugehen.

Marktmacht statt Marktbeherrschung

Und zwar einerseits als Verbraucher. Indem man die Marktmacht durch mehr Wettbewerb kaputt macht, indem man in eine andere Plattform oder doch zumindest in Projekte wie das FairPhone investiert. Der Markt wird es schon richten? Dann aber los! Andererseits als Anbieter von Browsern. Die lukrativen Öko-Systeme hinter iOS und Android müssen endlich Konkurrenz bekommen; eine offene Alternative ist überfällig. Im neuesten Microsoft Edge ist eine entsprechende API hinterlegt, die vielversprechend aber noch wenig verbreitet ist, vermutlich auch weil Google mit Chrome zwar gern mit Standards wirbt, aber natürlich auch einen Interessenkonflik hat: Jeder Cent kann nur auf einer Plattform ausgegeben werden, und solang die geschlossen und man deren Anbieter ist kann man mehr verdienen als im freien Markt. Und mit einer API, die Zahlungen fernab der eigenen Zahlungsströme ermöglicht, wird aller Voraussicht eher weniger verdient als mit einer, bei der der Konsument höchstens eine Wahl über die Zahlungsmittel hat, nicht aber über den Anbieter.

Nicht zuletzt ist es auch an uns Europäern, vor allem an der der Institutionen und Informationsgesellschaft, Silicon Valley nicht nur zu kopieren, sondern besser zu machen. Europa muss wirklich mal den Arsch hoch kriegen und die digitale Revolution nicht nur als Worthülse verballern. Es gibt ja ein paar nette Netzökonomie-Ansätze in Berlin und darüber hinaus. Alles in allem fehlt es aber 2016 immer noch an Infrastruktur, Innovationskultur und Investitionsanreizen. In Sachen Infrastruktur: Innerhalb der EU müssen die Wettbewerbswächter sich die Netze ansehen; Telekom und andere Monopolisten der letzten Meile müssen eliminiert und gemeinnützig in Bandbreite investiert werden. In Punkto Innovationskultur: Ideen genießen den Ruf vergänglich zu sein, und viele verkaufen sie lieber an liquide Investoren; aus dem selben Grund werden viel zu viele davon nie realisiert während in den USA zeitgleich Milliarden werden ohne das ein Lid zuckt. Und zu guter Letzt Investitionsanreize: Wenn (insbesondere Firmen-) Erbe steuerfrei bleibt, der bürokratische Aufwand einem Startup ohne Kapazitäten in den Ruin führen kann, läuft was falsch und der Markt richtet nur und nicht es.

Google bzw. die Alphabet Inc. haben binnen einer Dekade nicht nur einen Markt beherrschenden Marktanteil erlangt, sondern Apple aus demselben gerade erst entstandenen Markt mit einem viel schlechteren Produkt verdrängt. Und während dessen hat die Europäische Union genau so zugesehen wie bei der Besteuerung deren Umsätze. Die Kartellwächter der Europäischen Kommission sind so träge wie unsere, im Zweifelsfall agitiert der Wirtschafstsminister denen sogar in die Parade. Aber hier bestehen übergeordnete Interessen. Wenn die EU hier mal Interessen vertritt anstatt sich die Zeit vertreiben, dann ja ihre ureigenen: Das alte Europa wieder zur Keimzelle kultureller und kapitalistischer Modelle werden zu lassen. Wenn nicht die alle und alles bedrohende allumfassende Digitalisierung die Risiko und Chance zugleich ist?

07:30 21.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

springfeld

Meine Maße: 194 38 85
Schreiber 0 Leser 0
springfeld

Kommentare 8

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar