Die beste Waffe gegen Nazis: schwer & tödlich

"Kristallnacht" Letzte Nacht vor nur 74 Jahren war "Holocaustbeginn", Ende offen, könnte man zuspitzen. Denn die schärfste Waffe (nicht nur) gegen Nazis lehnt oft faul an der Wand.
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http://sandoragaly.files.wordpress.com/2012/09/421px-laura_nelson_high_res.jpgPostkarte: die gelynchte Laura Nelson, 1911, Oklahoma.
Autor unbek.; Wikimedia Commons.

Anmerkung zum Bild: Der Holocaust an den Juden war singulär - mir aber geht es nicht um das Singuläre daran, sondern um das verderbenbringende, immer wiederkehrende, dem Menschen sogar mehr oder weniger innewohnende Muster der Menschenverachtung - deshalb steht hier, zum Anlass der "Reichskristallnacht", mit vollem Sinn eine andere, arme Opfergruppe.

Vor gerade mal einer Lebensspanne, lang, lang ist es keinesfalls her, senkte sich hier die "Reichskristallnacht" nieder: in der die großflächigen Scherben jüdischer Existenzen zu Boden klirrten, die Funken und Feuer aus ihren tiefsten Zufluchtsorten nur so stoben und schlugen, und man, erstmal unsystematisch (später aber doch ganz gründlich) begann, die Lebenslichter Unschuldiger, jüdischer Bürger, Menschen, die auf ein pathologisches Feindbild zufällig passten, auszublasen... erst eins, dann zwei, dann abertausende Väter, Mütter, Kinder, und dann kurz darauf Millionen... - Zahlen von Menschen, Einzelschicksale, so unfassbar wie der Rauch, zu dem sie industriell verarbeitet wurden.

Damals (wie heute) traten hassverzerrte, wildentschlossene "Vorreiter", die oft nichts zu verlieren hatten (wie der mit den Postkarten), traten dann die vielen, allzu vielen menschenleeren Mitläufer auf den Plan, Letztere arm an Werten, Orientierung, persönlicher Substanz, aber sich wohlig in der Masse gegenseitig anstachelnd, und mit echter Schwarmintelligenz: Wo geht die Reise im Lande hin, wo schlage ich also mit der Faust hin, um mit meinen Ressentiments, meinem Hass (eigentlich etwas gesellschaftlich Tabuisiertes) dennoch im sicheren normativen Trend liegen zu können? Wobei dieser nazistische Trend heute zum Glück "nur" noch gruppen-/umfeldbezogen ist, nicht aber, wie damals, wirklich im Ganzen betrachtet dominant - als schließlich das ganze, alltäglich wirksame Gefüge der Moral und überhaupt der Weltwahrnehmung durch und durch mit Menschenhass verseucht war: und umso normaler erschien.

Doch heute noch, wie jeder weiß, sind die menschlich Entfremdeten am Werk, auch Andere kaputtzumachen, oft irreversibel - physisch, psychisch, in gesellschaftlicher Hinsicht, was man natürlich nicht gern sieht im Staat - Manche tun auch von dieser Seite engagiert etwas dagegen, kämpfen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln; andere Zuständige gucken vor dem "Unangenehmen" weg oder ziehen sich die Schlafmütze des berühmten "deutschen Michels" tief in die Stirn, drehn sich einmal um...

- diese zipfelige Mütze, die kann ich mir (nebst einem gemütlichen Bademantel) leider so gut an unserem derzeitigen Innenminister vorstellen, etwa, während er den zuständigen Institutionen, die im Fall NSU so außergewöhnlich versagt haben, loyal-doof generell eine "fantastische Arbeit" bescheinigt. So wird in dieser "Arbeitsteilung" insgesamt wohl öfter nur ein Mittelding oder auch weniger herauskommen an Effektivität im zu halbherzigen Kampf gegen das rechte Verbrechen. Das reicht nicht mehr und reichte nie!

Nur der klare personelle, institutionelle, konzeptionelle und geistige Wandel kann den notwendigen Erfolg bringen: das Richten der Hauptkräfte - und das sind gewaltige Ressourcen aller Art, wenn man will, wenn man das als top issue wirklich ansieht! - gegen die bislang so vernachlässigte Flanke. Die Bedrohung ist tödlich gefährlich und aufgrund ihrer oft diffusen Strukturen und der kulturellen Unterwanderung von Vierteln und Gemeinden so heimtückisch und widerwärtig anhängend wie die Pest - es ist ja auch die Braune Pest!

Daher, in welcher kleinen oder großen, privaten oder öffentlichen Situation oder Rolle auch immer man gerade sei, wichtig ist:

Nein sagen! Nein "machen"!

Aber nicht in bequemer Eingrenzung des Themas auf Rechtsextremismus, das griffe zu kurz und zeigte: Worum es geht ist nicht verstanden worden! Die Frage geht weiter, denn bereits Anfänge sind wichtig, und eine Krankheit wie die Pest kommt oft wieder in anderen, erstmal singulär erscheinenden Formen zu neuen Erfolgen, obwohl es um altbekannte Muster geht, wenn man hinschaut - nach denen der Mensch sich, oft gut begründet, über Andere aufwirft und sich zu deren Wolf macht:

Wo überall findet denn in vermeintlich ganz anderen Weisen schon wieder das Wesensgleiche statt?! - ein unauffallendes Mitlaufen mit der Masse wider dem eigenen Rückgrat und trotz anderer Meinung? Und wo dies bei mir selbst? Und wo nicht in der Uni vielleicht, sondern früh im Schulhof?! Wo ist der Druck aggressiver Mehrheiten (worüber definiert auch immer) gegenüber schwächeren Gruppen nicht "nur" dominant, sondern wird dies begründet mit Ressentiments, "klugen" Halbwahrheiten ohne Achtung vor dieser Minderheit und dem einzelnen Menschen? Wo gehen der Shitstorm sowie die wohlfeile (da im Mainstream mitschwimmende) und "eloquente" (aber wenig reflektierende) Verdammung von Personen durch Berufsschreiber unserer heiligen Menschenachtung oder -würde vor? Und "heilig" meine ich dabei ohne einen Funken Ironie! Denn diese Menschenachtung ist und darf für uns nicht weniger sein als unser säkulares demokratisches Heiligtum, das niemals fallen darf!

Manchmal gibt es neue, komplizierter zu beurteilende bzw. ambivalentere Fälle von "Sünde" im Sinne dieses Wertmaßstabs, s. etwa die "Begründete Hetze", wie ich das ironisch kritisiere, gegen Wulff und Grass - auch so etwas, neue mediale Phänomene, müssen möglichst früh erkannt werden und kritisiert - und wenn meinetwegen auch sonst alle, alle Wichtigen differenzierungslos mit drauf haun, sag Nein! Denn damit fängt Reichskristallnacht schon ganz langsam an...

Aber wir dürfen auch nicht unsere vielleicht stärkste Waffe vergessen gegen solche Tendenzen, schon im Fall des aggressiven Islamismus und auch teils des Islams generell - mit seinen negativen Tendenzen wie sie nun mal leider vielfach real existieren! - ebensowenig wie im Fall des Rechtsextremismus und Führerglaubens und auch bei anderen Formen der Unterdrückung von Menschen durch Gruppen, die sich besser und stärker wähnen, nicht!

Wovon ich rede ist beinahe ein Wundermittel, und eigentlich gleich zur Hand, aber doch alles andere als einfach in der Anwendung... durchaus mühsam für den Menschen, wie er nicht-ideal existert...

Bei Menschen, die andere Menschen, die andere Gruppen je nach Charakteristika unterdrücken und dies noch gut erklären können, geht es um eine schwere Waffe - um den unter "K" oft nur noch staubig archivierten Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit! Um das kritische Selbst-Denken(-Können) selbstsicherer Individuen, die nicht gleich bejahen, was Tradition oder die eigene Gruppe bejaht (außer sie heißen es selbst gut); um die Achtung des Individuums und seiner Würde; um die Fähigkeit, als Außenseiter gegen die Masse zu stehen, wenn das eigene Urteil dies bestimmt. Es geht (nach Manuel J. Smith) wesentlich darum, dass jeder sein eigener oberster Richter ist. Ja, dies sein muss und sein darf, was soviel Gestaltungsmacht für das eigene(!) Leben wie auch die dann nicht mehr abwälzbare Verantwortung in die Hand des Einzelnen legt.

Der Negativ-Beispiele sind natürlich endlos viele, Drittes Reich, Vietnamkrieg (und falsche deutsche Loyalität), die weitgehende Medienkonsonanz beim Libyen-Trick der NATO (Mandatsbruch), naiver Umgang mit der Internet-Revolution, etwa die kritikarmen Begeisterungsstürme und das Anstaunen der Piraten (als seien die von "Apple") ohne näher zu denken (Ernüchterung später, genauer: jetzt gerade); die Anhimmelung vermeintlich per se guter Begriffe wie "Transparenz", "Information" etc., die mich eher an Sekundärtugenden erinnern, nimmt man einen Schritt Abstand; das etwaige Zurückhalten von Kritik im Freundeskreis oder unter renommierten Professoren, oder das im Mainstream untergegangene Auftauchen von Kritik an den Pussy Riots...

Deren Strafmaß u.a. waren weit übertrieben, doch in der Netzkommunikation wurden sie zu hehren Kämpferinnen ohne Fehl und Tadel aufgeblasen. Einfach dem Grundtenor folgen, und taucht ein witziges Propgagandabild zum Thema im Facebook-Stream auf: einfach "Teilen" klicken, Denken unnötig, 50mal "Gefällt mir" sind anzunehmen... Dabei haben die Riots die Verletzung religiöser Gefühle, die in Russland sicherlich noch schwerer wiegen als hier, dazu instrumentalisiert, TV-Aufmerksamkeit für ihre (isoliert betrachtet positiven) Ziele zu generieren. Das mit der Religiösität liegt uns hier natürlich fern, aber was, wenn politsche Gruppierungen anfangen, zu PR-Zwecken vor Kameras über die Stelen zu tanzen, eine Show auf dem Mahnmal für die ermordeten Juden in Berlin abzuziehen - weil ihre Ziele ggfs. gut sind!? Kaum ein kritisch-differenzierender Ton aber in der ganzen deutschen versagenden Medienlandschaft bei dieser Thematik...

Kurzum, es geht wesentlich um die unglaubliche, emanzipierende Kraft der Ideen der europäischen Aufklärer, des "Enlightenments", Kants "Ausgang des Menschen...", Lessings "Niemand muss müssen" (in Nathan der Weise), die Grande Encyclopédie von Diderot und D'Alembert, die in umfassender Weise kritisches Wissen jenseits der damaligen Mächte (wie der Religion) zusammentrug. Das ist alles so aktuell wie immer, und ich weiß wirklich nicht, was, bei aller Bedeutung hierzulande, doch zu der gleichzeitig so häufigen Missachtung dieser Werte in unserer Politik, Gesellschaft und in privaten Sphären führt - vermutlich ist es einfach angenehmer und bequemer, in der Herde zu laufen und in Vielem "abzuschalten"...

Doch mit dieser, daher schon Mühe erfordernden, aber sehr effektiven Waffe muss jetzt geübt und gekämpft werden gegen die Braune Pest, nicht das staubige "Erbe", die agile, topaktuelle Kampfansage in Form der Aufklärung und ihrer Ideen kann hier letztlich schärfer wirken als alliierte Befreiungs-Divisionen oder die heutige Polizeigewalt etc. - sie ist, als auch individuell befreiende Idee (oder als Ideenbündel) ja selbst ein für das Rechtsextreme tödlicher, diffus sich verbreitender und heilsam-befreiender Virus!

Man muss üben und üben, aber dieser Ansatz ist wirksam gegen prinzipiell alle, die etwa dem Sog rechtsextremen oder jedes anderen Gruppenhasses nachgegeben haben - gegen Zustände und Gedankenwahnsinn überhaupt, wo schwächere Gruppen, Minderheiten, Einzelne, "Abweichler" abgewertet, unterdrückt, gefährlich schlecht behandelt, entrechtet oder mit einem Baukran öffentlich gehenkt werden.

23:27 10.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sandor Ragaly

Politik- und Medienwissenschaftler
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Sandor Ragaly

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