Wir Rechtsradikale

Ewiges Hellersdorf? "Asylanten", Schwaben (B.), Juden, Kritiker Israels (=Antisemiten) & unser Heilig' WIR - Ur-"Ingroup-Outgroup": Wer ist so (viel wert) wie wir - wohin mit den "Andern"..
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http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/7e/Man_holding_sign_during_Iranian_hostage_crisis_protest%2C_1979.jpg/800px-Man_holding_sign_during_Iranian_hostage_crisis_protest%2C_1979.jpgBruder Eichmann, wohnhaft Hellersdorf. Aber auch ein Weltbürger sondergleichen.

"Die Bewohner der Notunterkunft stammen aus der Russischen Förderation, aus Syrien, Afghanistan, Serbien, Vietnam und anderen Ländern. Es seien sowohl Familien als auch Einzelpersonen." (Tagesspiegel)

Ja, über Syrien lamentieren und Syrer, wie sie sind, in der Nachbarschaft zu haben, das ist schon etwas Anderes: Aus Menschen in unfassbarem Leid werden so echte fremde, stinkende (oder dazu neigende) Araber, der alte "Ausländer" in aller spießbürgerlichen Abwertung... Das heißt: WIR!!! nicht aber ihr... Wie im verbrecherischen Apartheid-Regime der USA, das noch in den Sechzigern sogar hochoffiziell war in der "greatest nation on the planet" (so Obama, der wohl seine Wurzeln und eine Haltung dazu heute - er sagte das u.a. beim Wahlsieg 2013 - nicht mehr opportun genug findet): Da musste nämlich die erste schwarze Schülerin für eine gemischte weiß-schwarze (oder wie Korrekte Menschen das nennen mögen) Klasse mit Polizeischutz gegen den US-Mob in die Schule gebracht werden - genau wie jetzt die ersten Asylbewerber in Hellersdorf! Tja, Syrer sind schon was Übles, jedenfalls potenziell, genauso wie gentrifzierende Schwaben mies sind, wirklich! Sie sind mies als Gesamtgruppe, nicht wie die Juden, wo man gar nicht weiß (so meine Vermieterin in Heidelberg, eine sonst sehr nette Frau von 90 Jahren)...aber immerhin doch eine verschworene Gemeinschaft von - Schädlingen irgendwo? - vielleicht wie die Iren im protestantischen 19.-Jh.-Amerika, die nicht die Würde aufbrachten, damals in der Potato Famine Irlands würdevoll zu verhungern, kommen rüber alle, der Ku-Klux-Klan richtete sich nicht umsonst auch gegen Katholiken... Am Ende kleistert man es dort als vermeintlichen "Schmelztiegel" zu, während hier, wie viele Neuerungen technischer Art, die Gaskammer erfunden wurde. Zunächst übrigens mobile Lastwagen, in deren abgedichtetem Laderaum Juden zuhauf darauf warteten, dass bei voller Fahrt dieser "Kammern" die ganzen Autoabgase hinten hineingeleitet wurden, so die frühen Experimente des SS-Offiziers Globocnik im "Generalgouvernement", die sich aber als zu aufwendig erwiesen; bei Globocniks (ein echter Deutscher Herrenmensch übrigens, wie der Name schon zeigt) Versuchen wurde übrigens dem vom RSHA auf Inspzier-Reise gen Osten geschickten, damals noch am Beginn der Karriere stehenden Adolf Eichmann bekannter Maßen schlecht bei.

Aber lasst uns vielleicht nicht von viel kleinem Näherem, vielleicht deshalb gar Unangenehmerem schweigen, Schwaben in Kreuzberg, ein zu Scherzen reizendes Grüppchen, und dazu mit allem Recht kritisiert. Berechtigte Kritik schadet ja nicht, und doch: Bei mikroskopischem Hinschauen ist da, immerhin in äußerst geringer Konzentration noch unter unseren Wohlstandsbedingungen, denk-mäßig der widerliche Keim für jeden echten Birkenauer Totenkopfler zu entdecken, der in jedem Menschen neu entsteht, und zugleich zwischen Generationen, in biologisch anpassungsfähiger Form, ewig überleben wird - weshalb mich auch ein leichtfertiger Umgang mit dem Begriff "Antisemitismus", der uns immer not tun wird!, das moralistisch-großmäulige "Geflattere" (und Mitläufertum) damit gegenüber Grass z.B. oder Augstein, der vom vormals angesehenen Wiesenthal Center (nach Wiesenthals Tod freilich) auf die öffentliche Liste der Antisemiten gesetzt wurde, so empört - und dies selbst durch angesehene Leute wie (wenn man ihn dazuzählen will) Broder oder, was mich erschütterte, selbst den sonst so postiiv-humanistisch engagierten Volker Beck, der sich teils haarsträubender Logik als Autorität beim Richten über das Antisemiten-Sein oder nicht wägt... Das ist dann leider nicht viel anders als das mit den Schwaben, den Juden, den Iren, den Asylbewerbern, Menschen eben, die aufgrund von hergeholten Merkmalen in Schubladen gesteckt werden, die sie entwerten oder gar, und sei es auch nur mit dem m.E. schlimmsten urteilenden Begriff, trotz gegenteiliger Beteuerungen zu "verdammen"oder, zunehmend aus politischen (Kampf-) Gründen "abzustempeln".

Aber schon bei den Schwaben und den zunächst ja auch ganz lustig scheinenden oder einen "kitzelnden", aber bei Manchem eben fließend in den Hass übegehenden Witzeleien um sie herum (wie ich es auch in der Diskussion mit einem Sozialdemokraten erlebt habe, es geht ja auch um eine Art Rassismus aus sozialen Gründen hierbei) geht es um das "Recht des dort im Kiez allein richtigen" Berliners, es geht schon auch um eine Art Vertreibungswunsch gegenüber den "Eingedrungenen" z.T. (ich bin übrigens 1991 bereits eingedrungen, da kannte ich diesen Rassismus gegen Schwaben, um es deutlich zu benennen, noch nicht im Geringsten - und wieder ist es die *Angst* vor Kiez-/Wohnungsverlust als Nährlösung dieses Virus', die das anheizt, wenn auch auf vergleichbar geringem, mir gleichwohl widerlichem Niveau)...- der Kiez als höchst harmslos getarnte Brutstätte für das..... Das, wofür es keine Worte gibt, oder nur wenige, die es tief charakterisieren können, wie die von Paul Celans Todesfuge... Doch es fängt immer im harmlosen Alltag an, alles. Der befremdliche und doch so vertraute Zug fährt mitten in unserer Zivilisation los wie ein normaler ICE, doch bis zur Endstation gelangen nur noch endlos viele Güterwagen voll halbtoter Menschen in ihren Exkrementen - und Manchen von uns sieht man dort unerwartet als Peiniger wieder, wenn die Bedingungen danach sind, die Frage ist wen und in welchem Gewand. Denn so etwas wie das Dritte Reich wird es 1:1 nie wieder geben, wohl aber das Wiederauferstehen seines Wesens, und zwar immer wieder, jetzt in Syrien (Alawiten), jetzt in Hellersdorf, denn die Idee ist kaum von den Nazis...wo und in welcher Weise konkret auch immer es sich zeigt. Denn es ist im homo sapiens. Der Virus steckt in gewisser Dosis in uns allen (und die Dosis macht bekanntlich das wirkende oder nur latente Gift), und aus berechtigter Abgrenzung entstehen manchmal harmlose (wirklich harmlose!), uns Kapazität sparende, vereinfachende Stereotype (Walter Lippmann: Public Opinion (1922) zur Ambivalenz und teils gar Notwendigkeit von solchen Vereinfachungsmustern), die wir aber bei eigener Misere, dem Gefühl vielleicht, selbst nichts, aber auch gar nichts zu bedeuten oder vor lauter Leere und Leid, vielleicht nur dumpf erlittenem Leid, mit Ressentiments anzureichern beginnen, mit plötzlich "echtem" Hass und Wünschen nach einer Lösung....auf Kosten dieser Anderen; meist nie in großem Maß, aber vielleicht doch irgendwann, begünstigt von einflüsterenden und v.a. Halt gebenden "Freunden" und schlimmen Verkettungen und hetzenden Politikern oder gar einem Systemwechsel wie 1933, wie jetzt in Arabien; da mag es passieren, dass man beginnt, ganze Gruppen als *Menschen* abzuwerten, bei Übergriffen dabei zu sein, bis hin zur "ordentlichen Entsorgung", sollte sie gar staatlich als Normalzustand legitimiert sein.

Wer weiß übrigens, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Dorf in Polen rasch noch ein Pogrom gemacht wurde - aber *von Polen* (die ja selbst unter den Nazis gelitten hatten) durchgeführt, polnischen Zivilisten aller Art - an den Juden vollbracht, nachdem Hitler schon ein paar Jahre niedergerungen war? Das ist unfassbar. Aber wie gesagt, wir alle tragen den Virus in uns, der unter günstigen Bedingungen - äußeren oder inneren - "übernehmen" kann. Als ob der Teufel in uns, denn es gibt vielleicht nichts, was diese archaische Metapher mehr rechtfertigte, plötzlich aus uns herausleuchtet, seine Fratze im Gesicht, im Sprechen und den Taten von deutschen SS- und Wehrmachtsangehörigen oder vom Nachbarn von uns, der plötzlich Unglaubliches zu erkennen gibt, was mit Gas zu tun hat; dann ist es bereits fast zu spät. Eichmann war zwar (wie man von Äußerungen grausiger Intensität von ihm eben doch weiß) zu fanatisch als SS-Mann und Holocaust-Cheflogistiker, als dass man von einer "Banalität des Bösen" sprechen könnte - Arendt ließ sich hier von seiner geschickten Befehlsnotstands-*Strategie* bei Verteidigung vor Gericht in Jerusalem täuschen, als es um seinen Kopf ging, sah nicht mehr das spezifisch "psychisch Kranke und Entmenschlichte" in ihm, den vielleicht bislang in keiner klinischen Klassifizierung kategorisierten Wahn, wie man ihn bei Hitler selbst kaum bezweifeln würde. Dagegen von "Bruder Eichmann", wie Heinar Kipphardts herausragendes, auf den originalen Vehöraussagen bestehendes Dokudrama über eben jenen Prozess heißt, müssen wir sprechen:

Eines Mals, oder Jeden Tag kann es plötzlich nötig sein, wenn wir unter großem Druck und in großer Angst und Aussichtslosigkeit - oder, in leerer Dummheit, nur um einer Pointe oder der Lacher willen - in Versuchung geraten, den einzelnen anderen Menschen über einer Gruppenzugehörigkeit zu vergessene, die ihn insgesamt minderwertig machen soll, wie uns ein vielleicht empfundener "gerechter Zorn" oder Hass eingeben. Sind wir immun? Sind wir Bürger der Aufklärung mit unvergänglichen, schlummernden monströsen Qualitäten?

"Oh, Fear.. Fear is the Mother of Violence...", so heißt ein alter Song von Peter Gabriel, und Angst kennt tausend Formen, so dass die Versuchung nicht so weit weg ist, wie man im Alltag vielleicht denkt. Schwaben in Berlin, Gentrifizierung wo wir weiter wohnen möchten, WIR, Mensch, wie früher.. ein WIR!!!!!, das, anders als der Beiklang, die Konnotation des Worts eigentlich, schrecklich ist. Schwaben und das Asylbewerberheim machen uns das Leben, das WIR kaputt, also macht kaputt, was Euch kaputtzumachen droht! Es ist das alte, im Menschen evolutionär angelegte "Ingroup-Outgroup"-Problem, wer zählt dazu und warum, wer ist wie wir, so gut wie wir?! das dazu führt, dass oft mit Minderheiten schlecht umgesprungen wurde und wird. Schwaben, nehmt Eure Spätzle und verp... Euch - nur ein harmloser Satz, fast ein Witz - oder schon ein ein ganz, ganz kleiner Auschwitz?


Es ist der fließende, subtile, schrittchenweise, für einen selbst vielleicht unmerklich stattfindende Übergang in die Ressentiments und die Verächtlichmachung gegen Menschen, nur weil sie einer Gruppe angehören bzw. bestimmte Eigenschaften haben, von denen auf den Wert als Mensch geschlossen wird - und die Tatsache, dass der Ausgangspunkt uns schon bei Geburt innewohnt, der dem etwas altbacken klingenden Spruch "Wehret den Anfängen" Recht gibt, wie belanglos Schwabenwitze (Türkenwitze?) auch erscheinen mögen oder auch wie harmlos sie gemeint sein mögen. Ich weiß nur: Im behaglichsten und wohlhabenden Dorf Schwieberdingen, wo ich zur Grundschule ging, kamen bald zwei Italienierinnen neu in unsere Klasse, die dadurch auffielen; mit einem netten Eindruck auf mich, aber sie konnten kaum deutsch, wir konnten uns nicht unterhalten. Ich weiß aber noch, dass sie von einigen Mitschülern, weil sie kein deutsch konnten und weil sie waren und (italienisch, schwarzhaarig) aussahen, wie sie eben waren und aussahen, wiederholt von einer Überzahl von Schülern ausgelacht und "angemacht" wurden deshalb (und dass sie mir Leid taten, so richtig einzugreifen traute ich mich, so meine vage Erinnerung, nicht).

Der Punkt ist: Wir waren um die 8 Jahre alt damals, achtjährige, geliebte Kinder.......


Photo: "Studentendemonstration in Washington D.C. während der Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran. Ein Teilnehmer hält ein Schild in die Luft mit der Aufschrift: 'Deportiert alle Iraner. Verschwindet aus meinem Land'

Von Trikosko, Marion S., Photographin der U.S. News & World Report. Public Domain/Wikimedia
"This image is available from the United States Library of Congress's Prints and Photographs division under the digital ID ppmsca.09800"

02:58 21.08.2013
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Geschrieben von

Sandor Ragaly

Politik- und Medienwissenschaftler
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Sandor Ragaly

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