Ruhig gestellt - was ich noch nie wissen wollte

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Nun war es also so weit - am Samstag lief "Wetten, dass ...?". Nein, ich habe die Sendung nicht gesehen, ich kann sie nicht ertragen. Trotzdem ist es nicht zu umgehen, die vermeintlichen "Inhalte" solcher Sendungen wahrzunehmen, sie werden ja anschließend bei allen Mainstream-Onlinemedien und in den relevanten Tageszeitungen besprochen. Ich habe nie DSDS gesehen, und dachte anfangs, das sei eine Abkürzung für einen Rüstungskonzern. Ich kann auch gar kein deutsches Privatfernsehen empfangen hier in Brüssel. Aber dennoch wird mir diese Bohlenmania immer wieder in den Schlagzeilen entgegengeschleudert. Gibt es denn nichts wichtigeres?

Denkt man über diese Frage ernsthaft nach, so komme ich zu der Erkenntnis: Nein, es gibt nichts wichtigeres. Denn Medien sind heutzutage zur Beruhigung der Gesellschaft da, sie sollen nicht anstacheln oder objektiv informieren, sondern vorwiegend im Interesse ihrer Verlagsgesellschaften - und damit vor allem ihrer Anzeigenkunden und Aktionäre - handeln, sprich unterhalten. Denn gebildete, informierte Menschen stellen das Existierende in Frage, und das ist gefährlich für den Profit. Deshalb wird lieber DSDS dreimal in Spiegel-online besprochen, während wir durch Arbeitsmarktstatistiken aufs Neue hinters Licht geführt werden. Die Arbeitslosenstatistik wird gefeiert, und keiner fragt: Wo sind die? Was verdienen die jetzt? Bloß weil Menschen nicht arbeitslos gemeldet sind, heißt das ja nicht, dass sie eine vernünftige Voll- oder auch nur Teilzeitstelle haben. Wie viele Selbständige leben oft unter dem Hartz IV Satz? Dazu erstmal keine Fragen.

Aber zurück zu "Wetten, dass ...?". Fernsehen als Nullmedium ist seit langem ein Begriff, und dass der IQ eines Menschen enorm sinken muss, wenn er auf Dauer dem Privatfernsehen ausgesetzt wurde, ist wohl jedem denkfähigen Menschen klar. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen - ebenso wie die Radiosender - haben auch vor langer Zeit damit begonnen, die kritischen Sendungen oder auch Programme über alternative Kultur an den Rand zu drängen. Denn auch für die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten gilt es, das System zu erhalten. Es geht wohl gemerkt nicht um Parteinähe, sondern um ein politisches und gesellschaftliches System, in dem wirklich freie Berichterstattung nicht mehr in erster Linie bedeutet, politisch unabhängig zu sein, sondern frei von den wirtschaftlichen Interessen der Werbekunden oder Anteilseigner agieren zu können. Wer sich samstags ab und an mal die Sportschau ansieht, weiß, wie weit es mit dieser Unabhängigkeit her ist. Wenn im CDU-Haussender ZDF schon die Absetzung eines Chefredakteurs betrieben wird, weil dieser zu kritisch berichten würde, dann ist von wirklichem Journalismus nicht mehr viel übrig. Die heute-Nachrichten lenken dann auch lieber mit einem überdimensionalen Tisch von den Meldungen ab, und allgemein wird wirklich Kritisches lieber ins Kabarett oder die Satire verschoben. "Neues aus der Anstalt" und die "heute-show" haben dann auch oft mehr politische Wahrheiten im Gepäck als eine Woche "heute-journal", aber es wird drüber gelacht, wieder vergessen, und ist nicht weiter gefährlich. In den Zeitungen findet sich Kritik oder Hintergründiges mittlerweile gleich im Feuilleton, das liest dann schon gar keiner mehr, der arbeitstätig ist und sich nicht selbst als intellektuell bezeichnet. Abgehakt.

Diese Entwicklung ist übrigens auch das Ende des Berufsbildes Journalist. Denn DSDS ansehen und dann irgendeinen billigen Online-Artikel zusammen tippen kann auch jeder Praktikant, das ist billiger und erfordert keine Recherche. Letztere ist ohnehin bei der modernen Art der Berichterstattung nicht mehr notwendig oder besser unerwünscht, denn es soll im wesentlichen ja nur Vorgekautes wiedergegeben werden. Quote oder Auflage macht man heute durch möglichst "hippe" Präsentation, Sex, Blut und Gewalt. Eine Zeitung wird halt eher gekauft, wenn eine halbnackte Paris Hilton - noch mal: warum muss ich die kennen? - auf der Titelseite zu sehen ist. Es gab mal Zeiten, da wurden Zeitungen wegen exklusiver Informationen, guten Hintergrundberichten, gut geschriebenen Artikeln gekauft. Sicher, früher war nicht alles besser,trotzdem ist das Gegenwärtige nicht zu ertragen. Dabei gibt es sogar gutes Fernsehen. Des öfteren auf Arte zu sehen, aber das schaut ja keiner, der nicht auch das Feuilleton liest. Da gute Information zum Randthema verkommen ist, braucht man sich auch nicht zu wundern, dass schlechte Unterhaltung im Zentrum der Gesellschaft steht. Das hat man auf der Regierungsbank erkannt, darum macht schwarz-gelb alles, um von Politik abzulenken. Damit alles bleibe, wie es sei, und die Ackermänner unserer Zeit weiter ruhig ihre Millionen zählen können. Wetten, dass ...?

14:44 31.03.2010
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Geschrieben von

starkerkaffee

Nordlicht mit Wohnsitz Brüssel.
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