Wenn Angie lächelt

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Ein fiktives Rücktrittsschreiben

Jogi Löw bleibt also. Ein seltenes Zeichen des Rückhalts, der Standfestigkeit, der Kontinuuität, wie man so schön sagt. Doch ich mag nicht mehr. Kann nicht mehr. Will nicht mehr.

Hier, auf meinem schicken Schreibtisch, steht ihr Bild. Angies Lächeln, wenn die nicht ganz heruntergezogenen Mundwinkel als Lächeln durchgehen. Das muss so sein, das gehört sich so in einer konservativen Partei. Die Vorsitzende und ihre Weisungen immer im Blick, und ja nicht zu sehr aufmucken, sonst gibt es was aufs Dach. Irgendwann. Da ist sie wie Kohl, der hat seine Gegner auch meist leise erledigt. Telefonate, SMS, alles das gleiche. Wozu soll ich mir das noch antun.

Nein, es geht mir nicht um Inhalte, es geht in diesem Betrieb eigentlich niemandem mehr um Inhalte. Nach einer gewissen Zeit. Alles wird zu einer taktischen Frage. Aber der Jogi macht weiter. Der hat gut Lachen. Ist ja auch bekennender Fan der "Andschela Merkel", wie er sagt. Die Nationalmannschaft auch. Ihre Besuche würden die Mannschaft motivieren. Deshalb sind die bei der WM wohl so schnell gelaufen, weggelaufen. Aber ich muss hier sitzen, dieses Bild ertragen. Ich kann nicht mehr.

Die schlimmsten Momente hat man beim Bürgerkontakt, wenn einem die Menschen sagen, wie toll die Kanzlerin doch sei - und vor allem, dass sie eine Frau ist. Wirkliche Blitzmerker, diese Wähler. Dann noch diese Journalisten, die diese Frau als Durchbruch des Feminismus feiern. "Neuer weiblicher Stil". Was für ein Quatsch, wenn das neuer weiblicher Stil ist, dann ist Aspirin die medizinische Entdeckung des Jahres! Würde ich meinen besten Kumpel so ins Messer laufen lassen wie die Merkel die von der Leyen bei der Nachfolge des Bundespräsidenten, wäre ich ein Beispiel für die männliche Arroganz der Macht, die keine Freundschaften kennt.

So wird Merkel zum Inbegriff einer Frauenpolitik, die sich auf einen Kopf und das Geschlecht beschränkt, die Inhalte entleert und auf formelle Quoten reduziert. Wie man frauengerechtere Politik macht, Ausbildung und Arbeitsplätze weiblichen Bedürfnissen anpasst und eben auch politische Laufbahnen anders gestaltet, darüber wird nicht diskutiert. Wenn ich morgen zurücktrete und eine Frau mir nachfolgt, wäre das ja nur ein Erfolg für die Emanzipation, wenn sie das Amt an ihre Bedürfnisse anpassen könnte. Kann sie aber kaum. Ich auch nicht, und deshalb gehe ich. Jetzt. Nächste Woche ist Elternabend bei meiner Tochter. Da will ich auch mal hin. Als Vater. Aber dafür muss ich diesen Job abgeben, am gleichen Abend wäre sonst Händeschütteln bei einem Empfang angesagt. Ich will nicht mehr. 12 Stunden am Tag Ministerpräsident sein, das reicht. 24 Stunden schafft kein Mensch, kein Mann, keine Frau. Nicht in dieser Welt.

Jogie bleibt. Ich gehe.

Ihr Ministerpräsident a.D.

Hochmut vor dem Fall


18:02 20.07.2010
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Geschrieben von

starkerkaffee

Nordlicht mit Wohnsitz Brüssel.
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starkerkaffee

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