Zum Stande der Integration

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Wieder einmal wird über in den Medien über Integration diskutiert, Politiker geben inkompetente Kommentare ab und die Konservativen reduzieren die Debatte auf die Frage von Sprachkenntnissen. Doch Integration bedeutet Teilhabe, beteiligt werden, aneinander Teil haben. Wie viele Menschen fühlen sich in Deutschland ausgegrenzt, obwohl sie Deutsche sind, deutsch sprechen, aber eben nicht mehr gebraucht oder gewollt werden? Menschen, die sich allein gelassen fühlen, denen es nichts hilft, eine Ausbildung zu haben oder fehlerfreie Texte verfassen zu können? Wer über die Integration der türkischen Einwanderer, oder korrekter: türkisch-stämmiger Mitbürger und Mitbürgerinnen wirklich reden will, der sollte sich zunächst mal fragen, wie die deutsche Gesellschaft denn im Moment aussieht. Eine diffuse deutsche Leitkultur ist ja keine hinreichende Darstellung eines Gesellschafts- und Menschenbildes, an dem sich der Einzelne orientieren kann. Wenn die neoliberale Haltung der letzten Jahre sich weiter durchsetzt, deren Kern ist, dass die Schwachen in der Gesellschaft keinen Platz haben, solange sie nicht bereit sind, für einen Hungerlohn zu arbeiten - so bin ich jedenfalls nicht bereit, mich weiter in eine Gesellschaft einzufügen, die Menschen nur noch als Kostenfaktor sieht und will auch von niemandem Verlangen, sich in eine solche Gesellschaft zu integrieren. Doch wenn die Frage nach dem eigentlichen Integrationsziel nicht klar formuliert werden kann, weil weder Medien noch der neoliberal geprägte politische Mainstream grundlegende Debatten über die gesellschaftliche Realität zulassen, wie sollen dann die Menschen aufeinander zugehen, Wege in diese neue Gesellschaft finden oder aufzeigen? Wer je wirklich in einem Viertel gelebt hat, in dem viele unterschiedliche Kulturen leben, verschiedene Nationalitäten zu Hause sind, der stellt schnell fest, dass letztlich soziale Isolation das Hauptproblem ist - wer sollte auch schon die Sprache von Leuten sprechen, die nie mit einem reden werden?

Vor einiger Zeit habe ich dazu folgende kleine Geschichte geschrieben:

Trennlinien

Kurt stand vor der türkischen Teestube und betrachtete die Plakate im Schaufenster. Wie schlecht man doch seine Umgebung kennt, dachte er bei sich. Da war von Veranstaltungen die Rede, von denen er noch nie gehört hatte, und von Läden, die er noch nie besucht hatte. Dabei fanden sie ganz in der Nähe statt, ja teilweise in der nächsten Straße. Auch in der Teestube war er nie gewesen, dabei war sie nur zwei Häuser von seiner Wohnung entfernt. Oft hatte er schon vor diesem Schaufenster gestanden, doch nie hatte er sich getraut, hineinzugehen. Irgendetwas hielt ihn zurück. Dabei würde er jetzt gerne etwas Warmes trinken. Einen Kaffee vielleicht, wenn es den neben dem Tee auch gab. Mit Tee konnte Kurt nämlich nichts anfangen.

Irgendwie, fand er, war das schon eine komische Situation, denn wahrscheinlich lebten die meisten türkischen Bewohner seines Stadtteils länger hier als er, der erst vor einem Jahr in diese Stadt gezogen war. Er als Fremder traute sich nicht, mit den anderen Fremden zu reden. Fremde leben voneinander getrennt, Einheimische leben von allen Fremden getrennt – und wer lebte zusammen?

Er rieb sich die Hände, es war kalt war geworden, doch er wollte nicht allein zu Hause sitzen. Reden wollte er, und nur zu gerne würde er die Geschichten der Menschen hören, wo sie herkamen, wen sie in der Heimat zurückliessen und was sie hier in Deutschland hielt. Doch er konnte sich nicht überwinden, seine Beine wollten sich nicht bewegen. Wie angewurzelt stand er da. Dann öffnete sich die Tür. Der Wirt kam heraus und sah ihn an. „Ist alles in Ordnung? Sie sehen ja so durchgefroren aus. Wollen sie nicht hereinkommen und einen heißen Tee trinken?“ Kurt überlegte kurz um dann zu antworten: “Gerne. Aber haben Sie vielleicht auch Kaffee?“ Der Wirt lächelte und winkte ihn herein.

Jens Festmann

00:57 28.03.2010
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starkerkaffee

Nordlicht mit Wohnsitz Brüssel.
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