Es brummt, glimmert und quatscht

100 Jahre Volksbühne Die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird ein Jahrhundert alt, und Regisseur Jürgen Kuttner feiert mit einer Revue
Ausgabe 50/2014

Jürgen Kuttners Künste ragen hoch über die Kuppel der Berliner Volksbühne auf. Seine Videoschnipselvorträge füllen seit Jahren das Haus. Rund um die Ostbühne mit Geschichte, die in den vergangenen 100 Jahren zeitweise rasend schnell die Gewänder wechselte, hat der Regisseur nun mit André Meier eine Revue gestrickt. Ach, Volk, du obermieses wartet auf mit viel technischem Gebrumm, Glimmer und Gequatsche, mit cineastischen Molotows, stechenden, schlagenden, zum Fenster hinaussegelnden Kämpfern nach Art der Chinaoper und einer Unzahl sonstiger artistischer Juxereien.

Die Devise: Mit dem Volk am Beispiel der Volksbühnentradition mal richtig umzuspringen. Kuttner ist nicht, er spielt Volk mit seiner Crew, wirft es hoch und lässt es fallen, plaudert und streitet mit ihm. Das klingt manchmal vergnüglich. Mit dem Verweis auf den Intendanten (1962–1966) Erwin Piscator zeigt er Filme und dreht am Ende sogar einen mit dem Publikum. Scharfen Auges und koddrigen Maules hängt der Spielmacher am Draht des eigenen Theaters. Selbst vor dem teuflischsten Missbrauch schreckt die Revue nicht zurück. Sie stiehlt ihren Mitwirkenden Zeit. Schauspielprominenz zottelt sie in volksbühnenübliche Niederungen.

Zum aktuellen Niveau

Ursula Karusseit darf sich an ihre Rolle in Bertolt Brechts Der gute Mensch von Sezuan erinnern und darauf ein Lied singen: Der achte Elefant, müde begleitet von der Band des Abends. Henry Hübchen, Urgestein des Hauses, räkelt sich per Filmbild in einem Ostwohnwagen und stößt öde Sprüche aus. Lachen macht das nicht. Die Szenerie wechselt ständig. Filmsequenz: Benno Besson, Brechtschüler, lange Chefregisseur, veranstaltet Theater mit Laien im Glühlampenwerk Narva und diskutiert mit Arbeitern. Das Volk erstürmt mit ihm die Höhen der Kultur. Warum, darauf weiß die Show nicht recht zu antworten. Der Bitterfelder Weg sei schiefgelaufen, weil die Arbeiter fleißig malocht hätten und abends zu erschöpft für Gedichte gewesen seien, mutmaßt der Moderator. Falsch. Die Wirtschaft war störanfällig, weil Zulieferer nicht rechtzeitig lieferten und oft Stillstand regierte. Die materielle Produktion ließ Lustlosigkeit und Blaumachen zu. Das war die Stunde des Bitterfelder Wegs, weil die Arbeiter fauler und also freier waren als ihre Westkollegen, was Kultur und Seelenleben guttat.

Irgendwann dann eine Brüll-Arie. Silvia Rieger, hochbegabte Schreierin im jetzigen Volksbühnenensemble, haut den Leuten einen Text von René Pollesch um die Ohren. „Ooch wenn keener hier säße, ick würde die Revue durchziehen“, sagt der freche Kuttner. Das entspricht dem aktuellen Volksbühnenniveau. Bei der vierten Vorstellung von Frank Castorfs Regiestreich Die Soldaten frei nach Jakob Michael Reinhold Lenz saßen nur vier Leute im Saal.

Dann der Clou: Brecht als über Weiber und Ähnliches schnatternde Puppe und Hitler, halb Weib, halb Mann und zugleich Puppe hinterm Rednerpult, buchhalterisch beklagend, was der Hitlerstaat selbst verursacht hatte, den Verlust der römischen Helme und sonstiger martialischer Requisiten nach Bombentreffern auf das Haus. Das ließ sich gut hören, geriet aber zu lang.

Die niedrigen Massen, durch die Epochen geschleudert – die aber fehlen selbstredend in dieser Revue. Nicht mal zwei Takte lang, als langsamer Satz, tauchen sie auf.

Ach, Volk, du obermieses Regie: Jürgen Kuttner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Termine unter volksbuehne-berlin.de

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