1989: The Great Disintegration

Premierenkritik Das Performancekollektiv andcompany&Co. schließt am Berliner HAU die Wendezeit mit der "Unendlichen Geschichte" von Michael Ende kurz
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Kapitalismus und Demokratie seien das „Ende der Geschichte“, formulierte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in seinem gleichnamigen (1992 erschienen) Buch. Er verwendete hier geschichtsphilosophische Thesen von Hegel und Marx vom Ende der weltpolitischen Widersprüche. Das Buch fällt nicht zufällig in die Jahre nach der 1989er Wende und des Zusammenbruchs des Ostblocks. 2019 begeht das wiedervereinigte Deutschland den 30. Jahrestag dieses Jubiläums.

Zu jenem Anlass rief das Berliner Performancekollektiv andcompany&Co. im 16. Jahr seines Bestehens ebenfalls „The & of History“ aus und widmete dem Jubiläum seine neue Produktion 1989: The Great Disintegration. Und dieser große Zerfall, das geschichtliche Nichts also, wurde hier lustiger Weise mit dem Kultbuch Die unendliche Geschichte von Michael Ende kurzgeschlossen. „1989: Ganz Phantasien ist bedroht“ hieß es da ironisch provokativ. Ein Spiel mit den verschiedenen Auffassungen, Geschichte zu interpretieren. Oder auch ein Versuch, der in Ost und West ja bekanntlich unterschiedlich betriebenen Aufarbeitung von Geschichte spielerisch beizukommen.

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Hätte die Massenproduktion der Marmor-Jeans die DDR retten können? Gute Frage. „Marmorjeans ... galten als das Aushängeschild der Popper, einer Kultur, die die bürgerliche Jugend im Westen genauso begeisterte wie die sozialistische Mittelschicht im Osten“, schreibt Rebecca Menzel, Autorin des Buchs Jeans in der DDR. Vom tieferen Sinn einer Freizeithose (Ch. Links Verlag 2004) in einem gerade in der Wochenzeitung Der Freitag erschienenen Artikel über die „Popularität der amerikanischen Arbeiter- und Cowboy-Hose“, die in der Ost-Stonewashed-Variante zum Konsumobjekt der DDR-„Normalos“ wurde. Die Wende brachte also 1989 das deutsche Volk diesseits und jenseits der Mauer im Marmorjeans-Einheitslook zusammen. Als Pop-Referenz für den Zusammenbruch des Ostens gilt den andcompany&Co.-PerformerInnen auf der Bühne des HAU 1 aber The-Cure-Heulboje Robert Smith, „der depressivste Mann der DDR“, wie es hier ironisch heißt, mit dem Album Disintegration, erschienen im Wende-Jahre 89.

Und da 89 ein auf den Kopf gestelltes 68 ist, ist dann wohl auch die Wende eine auf den Kopf gestellte Revolution, von Konter- will dann aber lieber doch keiner reden. Eher von 89 als Ost-68, also einer Chance auf Veränderung, die leider relativ ungenutzt blieb, da alle Ossis lieber wie die Lemminge ihre 100 DM Begrüßungsgeld abholten. Etwas nostalgisch schwärmt man hier dann auch vom Geruch der Intershops. Um „Phantasie statt Bürokratie“ geht es in einer an die Konstitutionsrituale runder Tische gemahnenden Diskursrunde, in der Rennschnecke Nicola Nord (andcomapny&Co.), Irrlicht Luise Meier (Autorin des postmarxistischen Sachbuchs MRX Maschine) und der Historiker Karsten Krampitz als aus dem Überraschungsei gepellter Chronist (alles Figuren aus der Unendlichen Geschichte) sich recht spaßig über Anfang und Ende der Geschichte und die Auflösung der Gesellschaft austauschen. Für die Nachwende-Geborenen steht die junge Performerin Amanda Heinau, die sich hier als Amanda Anfang und Michael Ende vorstellt.

Aus der Tonkonserve singen alte Ost-Barden wie Hansi Biebl „Es gibt Momente, da stellen sich die Weichen“ oder die Band Karussell „Nichts ist unendlich“. Aber der Tanz der Einheit und neuen Freiheit 1989 war dann doch eher der Lambada. Zum Sound der Wendezeit steuert Andcomapny&Co.-Musiker Sascha Sulimma noch eigenes auf dem Keyboard bei. Es gilt einem „Nichts“, das wie ein Greenscreen im Film alles aufsaugt, Widerstand zu leisten und blinde Flecken der Erinnerung wieder sichtbar zu machen. Ein- und Ausgang steht als wechselnd leuchtende Schrift über der sich öffnenden Bühne und ein großer grüner Kohlkopf spuckt selbige und Kohl‘sche Sprüche vom kollektiven Freizeitpark, für den der Wende-Kanzler die DDR wohl hielt.

Und da sich Geschichte nicht von ihrem Ende aus erklären lässt und der Zeitzeuge der natürliche Feind des Historikers ist, wie Karsten Krampitz weiß, ist es Zeit für die Aufarbeitung der Aufarbeitung. Es sollen „aus den alten Lügen neue Geschichten werden und phantastische Erzählungen“ ist im Ankündigungstext der Produktion zu lesen. Dass das nicht ohne Schmerzen abgeht, zeigt die Operation am lebenden Subjekt, bei der Krampitz Symbole, bekannte Köpfe und Devotionalien einer vergangenen Zeit aus dem Bauch geschnitten werden. Aber vielleicht gebiert das Ganze ja doch noch so etwas wie eine neue Idee von Gesellschaft. Am Ende sitzen die Performerinnen jedenfalls in einer Art fliegenden Untertasse und träumen von einer anderen Geschichte, die möglich ist. So etwas wie „eine DDR ohne Mielke, nur ein bisschen cooler“. Wenn‘s weiter nichts ist.

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Zuerst erschienen am 01.11.2019 auf Kultura-Extra.

1989: The Great Disintegration
Im Rahmen von "16 Jahre andcompany&Co. / The & of History"
Konzept & Regie: andcompany&Co. (Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma)
Bühne: Jan Brokof
Mitarbeit Bühne und Kostüme: Ángela Ribera Adrovar
Licht: Sebastian Zamponi
Regieassistenz: Verena Katz
Technische Leitung: Marc Zeuske
Company Management: Caroline Farke
Produktionsleitung: Rahel Häseler
Von & mit: Jan Brokof, Amanda Heinau, Alexander Karschnia, Karsten Krampitz, Luise Meier, Nicola Nord, Sascha Sulimma
Die Premiere war am 25.10.2019 im Hebbel am Ufer (HAU 1)
Termine: 26., 27.10.2019

Weitere Infos siehe auch: http://www.andco.de/

13:17 02.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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