Almanya 2018

Premierenkritik Das Maxim Gorki Theater Berlin veranstaltete eine Festivalreihe zur problematischen Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen
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Mit Nurkan Erpulats plakativ-satirischem Singspiel "Lö Grand Bal Almanya" feiert das Maxim Gorki Theater 57 Jahre deutsch-türkische Scheinehe

Gerade veranstaltete das Maxim Gorki Theater eine Festivalreihe zu den deutsch-türkischen Beziehungen mit dem Titel „Almanya 2018“: „Über das Netz persönlich-politischer Geschichten befassen sich Theaterstücke und Gespräche mit der deutschen wie der türkischen Verantwortung für politische Verwerfungen, die diese Beziehung bis heute prägen.“ heißt es da weiter in der Ankündigung. Als einen der künstlerischen Programmpunkte hat Hausregisseur Nurkan Erpulat sein 2010 zusammen mit dem türkischen Autor Tunçay Kulaoğlu am Ballhaus Naunynstraße entwickeltes musikalisches Schauspiel Lö Bal Almanya neu aufgelegt. Mittlerweile sind die ehemaligen Kreuzberger um Shermin Langhoff mit der Übernahme des Maxim Gorki Theaters zumindest als KünstlerInnen in der Mitte der Berliner Stadtgesellschaft angekommen. Ob das für alle türkischen MigrantInnen in Deutschland so zutrifft, da hatten Erpulat und Kulaoğlu schon in ihrem rund 50 Jahre nach dem deutsch-türkischen Anwerbeabkommen mit der Türkei produzierten Stück am kleinen Ballhaus so ihre Zweifel. Acht Jahre später (am größeren Maxim Gorki Theater), wo die beiden 2016 auch den recht depressiven Türkeiabend Love it or leave it! herausgebracht haben, sieht ihre erneute Bestandsaufnahme in Sachen deutsch-türkische Beziehungen allerdings nicht viel positiver aus.

Lö Grand Bal Almanya heißt nun das Singspiel, dem man im Untertitel noch ganz sarkastisch ein 57 Jahre Scheinehe drangehängt hat. Wirklich groß wird dieser Liederabend mit eingesprengten Zitaten aus deutschen Politikerreden, unsäglichen Deutschlandkampagnen der Bundesregierung und Wahlslogans quer durch die Mitte der deutschen Parteienlandschaft dann aber doch nicht. Und das liegt nicht etwa an der ausgewählten Musik, die Tobias Schwencke schon damals zusammengestellt und für Chor und Klavierbegleitung neu arrangiert hat, sondern an dem doch recht plakativen Regiezugriff, der sich in platt-parodistischen Spielszenen am Unmut über die nur scheinbar zur Schau gestellte Willkommenskultur der Deutschen und ihren Heimatbegriff abarbeitet. Dass Debatten zum Asylrecht, Integrationszwang und der Ausländerfeindlichkeit beileibe nicht auf dem Mist der AfD gewachsen sind, weiß jeder der zumindest noch die Kohlära und die Wiedervereinigung miterlebt hat.

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Dass da bei den Machern des Abends trotz mehrfachen Konfettiregens zum Willkommen der ersten Fremdarbeiter, später dann der Ossis und schließlich auch der nach 2011 in Deutschland angekommenen Kriegsflüchtlingen keine Hochstimmung aufkommt, kann man ihnen nicht verdenken. Trotzig klingen da noch die Begrüßungsworte von Sesede Terziyan: „Wir sind heute hier, weil wir damals gekommen sind.“ Danach marthalert es dann aber erstmal minutenlang, wobei das Ensemble stumm in der Kulisse, die Foyer, Saaltreppe und Bühnenportal des Gorki Theaters imitiert, auf den Kapellmeister wartet, der dann die deutsche Verballhornung des russischen Volkslieds Stenka Rasin anstimmen lässt. Im Chor singt man „Unrasiert und fern der Heimat, fern der Heimat unrasiert.“

Das gute deutsche Volksliedgut bildet den Grundstamm dieses sich grundsätzlich satirisch geben wollenden Theaterabends. Da erklingen neben Schumanns In der Fremde auch "'s is Feieromd" oder das Soldatenlied "O Deutschland hoch in Ehren". Man intoniert "Horch was kommt von draußen rein" während der Familiennachzug munter gebiert. Zu Schuberts Erlkönig werden Deutschlandparolen ausgegeben und schwarze und rote Wahlkampfballons aufgeblasen. Mehmet Yılmaz gibt dann noch Ausschnitte aus Kohlreden der 1980er Jahre zum Besten. Weiter sieht man in den Spielszenen zur ärztlichen Musterung angetretene Arbeitsmigranten, denen in Mund, Ohren und in die Hose geschaut wird. Statt dem Moped für den Millionsten Fremdarbeiter gibt es markige Sprüche und einen Besen, mit dem der türkische Migrant nicht nur sauber macht und den Knastblues "Po‘ Lazzarus" singt, sondern auch einiges nicht nur bildlich unter den mitgebrachten Teppich gekehrt wird.

Auch die ausländerfeindlichen Brandanschläge von Mölln (1992) und Solingen (1993) kommen vor, wenn plötzlich ein kleines, zuvor gebautes Holzhäuschen in Flammen aufgeht und der Bürgermeister der türkischen Mutter, die beim Brand in Solingen ihre Kinder verloren hatte, das Bundesverdienstkreuz überreicht. Als zynische Beigabe gibt es hier noch einen Feuerlöscher obendrauf. Neu werden noch die Flüchtlingskrise und der NSU in diesem Abend aufgenommen. Ein mit Schwimmweste und Kältedecke bekleideter Schauspieler wird erst freudig begrüßt und später erschossen. Da ist man dann mit der Musik zum Rosaroten Panther und der massenhaften Aktenvernichtung auch ohne viele Worte endlich beim NSU-Skandal angekommen. Deutschland ist nach Nurkan Erpult nicht Kurt Weills Youkali, das Land der Sehnsucht, wo nie der Quell des Glücks versiegt. Und mit dem Pilgerchor aus Wagners Tannhäuser schaut man zu glühenden Flammen und Statisten mit Waffen noch in die düstere, zunehmend rechtsradikale Zukunft Deutschlands.

Bis dahin zieht sich der gut zweieinhalbstündige Abend aber auch etwas hin. Für ein paar auflockernde Breakdance-Einlagen sorgt noch Schauspieler Loris Kubeng. Gesanglich ist das, wie schon gesagt, ziemlich gut gemacht. Wäre da nicht der unbedingte Wille der Regie, immer noch schwarz-humorig und parodistisch einen draufzusetzen. Die Spitze dessen ist mit dem unsäglichen Auftritt von Sesede Terziyan als Islamkritikerin Necla Kelek erreicht. Die 1957 in der Türkei in einem säkularen Elternhaus geborene und seit 1966 in Deutschland lebende Journalistin ist mit ihren Ansichten zur Integration und zum konservativen Islam nicht unumstritten. Terziyan zeigt sie als mit sich überschlagender Stimme keifende, nach deutscher Anerkennung und Preisen gierende Islamhasserin. Dass Kelek sich damit der bürgerlichen liberal-konservativen Presse und rechtspopulistischen Kreisen andient und von denen auch ausgenutzt wird, darüber besteht kein Zweifel. Einer Diffamierung zur Verdeutlichung dessen bedarf es daher sicher nicht. Da will man wohl das Publikum mit billigen Lachern bedienen. Das sonst so liberale MGT hat sich mit diesem da doch etwas kleinkariert um sich schlagenden Grand Bal Almanya jedenfalls keinen besonders großen Gefallen getan.

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Ahmet Sami Özbudak verbindet in seinem Stück "Süleymankurt" alte Mythen mit der nationalreligiösen Wirklichkeit in der Türkei

Neben dem Singstück Lö Grand Bal Almanya von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu (auf der großen Bühne des Maxim Gorki Theaters Berlin) feierte fast gleichzeitig ein kleines, feines Stück (im Studio Я des MGT) Premiere. In der Reihe „Mythen der Wirklichkeit“ erzählen der junge Dramatiker Ahmet Sami Özbudak und Regisseur Serkan Öz in Süleymankurt, was mit jungen Menschen passieren kann, wenn das türkische Bildungssystem zunehmend von religiösen Einflüssen vereinnahmt wird. Der Text wird von Schauspieler Murat Dikenci und Schauspielerin Selin Kavak auf Türkisch und Deutsch gesprochen und jeweils deutsch, türkisch und englisch übertitelt. Was nicht ganz einfach ist, aber der einzig aus der Perspektive des jungen Türken Süleyman erzählten Geschichte auch einen gewissen zusätzlichen Drive gibt.

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Süleyman ist ein recht neugieriger Junge aus Istanbul, der Käfer sammelt, die er in einem Aquarium aufbewahrt. Die beiden Schauspieler widersprechen sich hier zunächst gegenseitig, ob es Aquarium oder nicht eher Terrarium heißen muss. Beide sind wechselnd Süleyman oder der Vater des Jungen bzw. verschiedene Hodschas, in deren Koranschule der Sohn vom Vater geschickt wird, obwohl er eigentlich Tierarzt werden will. Im Internat gefällt es Süleyman nicht besonders, er wird wegen seines sonderbaren Hobbys gehänselt oder sogar verpetzt. Einem dieser „Verräter“ lauert der Junge dann im Waschraum auf und stößt ihn mit dem Kopf ins Waschbecken unter Wasser.

Süleyman will Gerechtigkeit und ringt um Anerkennung. Da er sie vom Vater nicht bekommen kann, sucht er sie bei den Religionslehrern. Dem Jungen erscheint beim Gebet in der Moschee Sultan Fatih Mehmed, der Eroberer Konstantinopels, auf einer Kakerlake reitend. Die Fantasie Süleymans gemischt mit einem starken Interesse für Geschichten und Mythen könnten ihn ebenso zu Stücken von Shakespeare ins Theater führen, treiben den Jungen aber aus Angst vor dem Satan immer mehr in die Hände der religiösen Eiferer, die ihn geschickt in ihr System aus Kontrolle und Propaganda einbinden. Zehn Jahre später - zur Zeit der Proteste im Istanbuler Gezi-Park - wird er als Mitglied der nationalkonservativen Religionsgemeinschaft „Die hohe Bewegung“ auf einen kritischen Journalisten angesetzt. Aus dem einst wissbegierigen Süleyman ist der hörige Sklave Süleymankurt geworden.

Die Inszenierung von Serkan Öz zeigt diese Geschichte einer Gehirnwäsche hin zum religiösen Fanatismus als sehr freies, körperbetontes Spiel der beiden Darsteller, die auf zwei Stahlgerüsten klettern und diese auf der Bühne immer wieder zu neuen Konstellationen verschieben. Autor Ahmet Sami Özbudak benutzt in seinem Text neben dem türkischen Heldenmythos von Sultan Fatih Mehmed auch den des Mankurt, eines besonders höriger Sklaven, dem die Haare abgeschoren und Kamelleder auf den Kopf genäht werden, so dass sein Haar ins Gehirn dringt, anstatt nach außen zu wachsen, und bezieht sich auf Suren des Korans wie die vom Elefanten Mahmud, mit dem der christliche König Abraha aus Rache wegen der Beschmutzung seiner Kirche die Kaaba in Mekka zerstören wollte.

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Zuerst erschienen am 27.05.2018 auf Kultura-Extra.

LÖ GRAND BAL ALMANYA
57 Jahre Scheinehe - Ein Singspiel
Text: Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu
Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Alissa Kolbusch
Kostüme: Pieter Bax
Musik: Tobias Schwencke
Ton: Hannes Zieger
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Mit: Emre Aksızoğlu, Elmira Bahrami, Tanju Girişken, Loris Kubeng, Željko Marović, Tobias Schwencke, Sesede Terziyan, Mehmet Yılmaz
Die Premiere war am 25.05.2018 im Maxim Gorki Theater
Termine: 27.05., 09., 14.06., 01.07.2018

SÜLEYMANKURT
Mythen der Wirklichkeit #6
Text: Ahmet Sami Özbudak
Regie: Serkan Öz
Mit: Murat Dikenci und Selin Kavak
Die Premiere war am 25.05.2018 im Studio Я

Infos: https://gorki.de/

23:43 27.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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