ART GIRLS

Kino Regisseur Robert Bramkamp und Artdirektorin Susanne Weirich kreieren ein ambitioniertes Filmkunstexperiment zwischen Mediendesign und Science Fiction
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Als coole Film-Location steht Berlin immer wieder ganz bewusst im Mittelpunkt von Geschichten, mit denen Filmemacher das ganz spezielle Lebensgefühl in dieser Stadt beschreiben wollen. Ob nun Kiezkultur, Soziotop oder angesagte Kunstmetropole, Berlin hat von allem etwas zu bieten. Neue Galerien schießen hier nach wie vor aus dem Boden und buhlen um die Gunst von Kunstliebhabern oder Käufern, die Werke angesagter Künstler auch als Geldanlage betrachten. Daneben gibt es einen unüberschaubaren Pool von Künstlern, die noch mehr oder minder erfolgreich ihre Existenz am Rande des etablierten Kunstbetriebs fristen, auf der Straße performen, bei Vernissagen oder in Cafés rumhängen und auf Entdeckung bzw. Förderer warten.

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"Reality creates Art."

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2015/04/Art-Girls_Filmposter.jpgDen Art Girls im gleichnamigen neuen Spielfilm von Regisseur Robert Bramkamp geht es da ganz ähnlich. Gedreht wurde in der alten Bötzow Brauerei im Prenzlauer Berg und den Galerien der schicken Berlin-Mitte-Kunstszene. Objektkünstlerin Nikita (Inga Busch) geht langsam das Geld aus. Der Kühlschrank ist leer, der Freund weg und die Inspirationen sind in der ganzen Wohnung verstreut. Behalten oder aus dem Fenster werfen? Alles liegt bei allem, wie bei den richtigen Kreativen. Freundin und Videokünstlerin Una (Megan Gay) fehlt ebenfalls ein Sponsor für eine neue Installation. Ihr Galerist und Lover setzt jedenfalls lieber auf leicht verkäufliche Kunst. Gemeinsam versucht man nun neue Wege zur „Kunst die wirkt“ zu beschreiten. Die Lösung des Problems kommt dann plötzlich in Gestalt des geheimnisvollen Kurators Peter (Peter Lohmeyer) im Rollstuhl daher gefahren. Er legt den Frauen - zu den beiden stößt noch die leicht aggressive Raumdesignerin Fiona (Jana Schulz) - 10.000 Euro zur freien Verfügung auf den Tisch.

Peter ist der experimentierfreudige Teil eines erfolglosen Wissenschaftler-Zwillingspaars und hat sich bei einem Selbstversuch Beine und Männlichkeit aufgeweicht. Die beiden Brüder wollten für eine Biotech-Firma mittels einer lebendigen Software biosynchronisierte Wesen kreieren. Was später auf den Menschen übertragen werden soll, haben sie bisher erfolglos mit fliegenden Fröschen getestet. Leider fehlt es noch an einer stabilen Strahlungsquelle und einem geeigneten Verstärker. In der Berliner Kunstszene mit ihrer speziellen kreativen Ausstrahlung will Peter fündig werden. Und in Nikita findet er schließlich auch das ideale Medium mit einem besonders ausgeprägten Strahlungssignal. Fasziniert wühlt Peter in Nikitas Kreativmüll, und nach wiedererlangter Manneskraft besiegelt eine Runde Sex mit dem Kurator den Kontrakt.

Das erinnert ein wenig an den Pakt zwischen Faust und Mephisto, nur dass hier statt Blut andere Körpersäfte fließen und Energien übertragen werden. Das Ergebnis der Übertragung überrascht zunächst Künstlerinnen wie Kurator gleichermaßen. Die Kunstfiguren der Art Girls beginnen zu leben, die Sonne färbt sich blau, und es kriechen bunte Regenwürmer auf der Erde herum. Draußen wird wirklich, was wir drinnen machen, stellen Nikita und Una fasziniert fest. Alles Reale verbindet sich mit dem Fiktiven, was auch entsprechend wahrgenommen und in der Stadtbevölkerung breit rezipiert wird. Absolut wirkungsvolle Kunst, der Traum eines jeden Künstlers.

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2014/04/ART-GIRLS_King_Kong_TV-Turm.jpg

ART GIRLS - Foto © EYZ Media GmbH

"Keine Panik, das ist Kunst!"

Der Einbruch der Kunst in die Natur bleibt natürlich nicht ohne Negativ-Folgen. Fiona verschwindet bei einer Performance am Berliner Fernsehturm, der dabei auch noch kunstvoll in die Knie geht. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Eine Versuchsgruppe gleichgeschalteter Biosyncs gerät wie einst die fliegenden Frösche aus dem Gleichgewicht und die Welt bald vollends aus den Fugen. Ein total synchronisierter Kunstalbtraum ergreift von der Menschheit Besitz. Una wechselt die Seiten und macht mit Peters geschäftstüchtiger Zwillingsbruder Laurens gemeinsame Sache. Der will den Evolutionssprung in die kollektive Wir-Intelligenz profitabel ausnutzen. Nur durch ein von Nikita geschaffenes Tor kann der Eingang in die neue Welt wieder stabilisiert werden.

Wer hier noch nicht den Faden verloren hat, bekommt vermutlich am Ausgang des Kinos ein Diplom. Was zunächst noch wie eine ironische Zustandsbeschreibung des elitären Berliner Kunstbetriebs aussieht, entpuppt sich bald als eine Mischung aus Performance-Kunst, Mediendesign und Science Fiction. In seiner Retro-Ästhetik der 80er und 90er Jahre kommt dieser Film aber mindestens zwei Dekaden zu spät. Er erinnert dabei u.a. auch an den Experimentalfilmversuch Conceiving Ada von der Videokünstlerin Lynn Herschman-Leeson, in dem bereits 1998 Tilda Swinton die Rolle einer nach künstlichem Leben forschenden Wissenschaftlerin spielte.

Trotz schmalem Budget ziehen Regisseur Robert Bramkamp und seine Artdirektorin Susanne Weirich, die beide auch mitproduziert haben, in Art Girls die Geschichte nur noch wesentlich größer und phantastischer auf. Dabei geht einem leider ziemlich bald das ganze pseudowissenschaftliche Gedöns auf die Nerven. Und was die Kunstwirkung betrifft, mit den stylischen Kostümen der Art Girls und den dauernden Video-, Computer- und Animationseffekten beginnt das Filmteam irgendwann den Größenwahn und die Schnelllebigkeit der Kunstszene, die sie kritisieren wollen, selbst zu reproduzieren. Der reichlich überambitionierte Film geht sich somit schließlich selbst in die Kunstfalle.

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Als kleine Zugabe zum Kinofilm hat der Fernsehsender ARTE bereits Anfang März die 70minütige Dokufiction Neue Natur - Art Girls Intern als eine Art Kunst-Lehrfilm ausgestrahlt. Man kann die Sendung noch auf http://www.arte.tv... nachsehen.

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Zuerst erschienen am 15.04.2014 zur Berichterstattung über das 10. Achtung Berlin Festival auf Kultura-Extra.

ART GIRLS

Deutschland 2013, 120 min
Regie: Robert Bramkamp
Drehbuch: Robert Bramkamp, Reimund Spitzer
Art Director: Susanne Weirich
Kamera: Sebastian Egert
Schnitt: Andreas Zitzmann
mit: Inga Busch, Peter Lohmeyer, Megan Gay, Jana Schulz u.a.

Kinostart: 09.04.2015

Infos: http://artgirls.eu/

15:48 09.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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