Ausweitung der Kampfzone

Premierenkritik Ivan Panteleev exekutiert am Deutschen Theater den Debutroman des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq mit einem Schuss Ironie zu viel
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Wie es scheint, haben Berlin und Hamburg Houellebecq-Theaterfestspiele ausgerufen. Das Deutsche Schauspielhaus Hamburg begann am Freitag mit Serotonin, dem neuesten Roman des bezüglich seiner Texte und Aussagen als Sexegomane und Frauenverächter verschrienen französischen Schriftstellers. Das Deutsche Theater Berlin ließ am Sonntag Houellebecqs Erstling Ausweitung der Kampfzone folgen, und das Berliner Ensemble wird im Oktober noch die Möglichkeit einer Insel in Betracht ziehen.


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Der Autor und Mensch Michel Houellebecq wird gemeinhin mit den zumeist männlichen Protagonisten seiner Romane gleichgesetzt. In langen, fast essayistischen Monologen breiten diese ihren Weltschmerz und Selbstekel darin aus. Der Niedergang der westlichen Gesellschaft, der eigene Alterungsprozess, Krankheiten und die schwindende Libido werden dabei ausführlichst beklagt. Das war schon so in dem 1994 erschienen Debutroman und ist von Houellebecq seitdem nur inhaltlich passend zum jeweiligen Gegenstand des Romans geringfügig variiert worden. Bezüglich der Ausweitung der Kampfzone, womit die Gleichsetzung des Wirtschaftsliberalismus (sprich auch Neoliberalismus) mit dem sexuellen Liberalismus und ihrer Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen gemeint ist, bedeutet das also einen bedingungslosen Kampf jeder gegen jeden. Wer in diesem Kampf um sexuelle Befriedigung und Paarbeziehung unterliegt, hat noch die Chance auf Ersatz durch Konsum oder berufliche Karriere. Der Trieb wird aber nicht dauerhaft unterdrückt werden können. Erklärt wird das recht anschaulich am Beispiel von Versuchsratten.

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Houellebecq erzählt das aus Sicht eines männlichen, sexuell frustrierten namenlosen IT-Spezialisten, der mit seinem - da hässlich - noch chancenloseren Kollegen Tisserand zu Computerschulungen in die französische Provinz geschickt wird. Als dieser Heiligabend erfolglos eine junge Frau in einer Diskothek anbaggern will, gibt ihm der Protagonist ein Filetmesser, mit dem er, wenn er Frauen schon nicht besitzen, so doch über deren Körper Macht erlangen könne. Tisserand verfolgt die junge Frau und ihren Freund an den Strand, traut sich aber nicht beide umzubringen und kommt bei einem Autounfall auf der Fahrt nach Hause ums Leben. Der Protagonist erleidet daraufhin eine Herzbeutelentzündung, verfällt in tiefe Depression und begibt sich auf eine Reise in die Berge.

Der Plot klingt an sich schon ziemlich perfide. Regisseur Ivan Panteleev, der den Roman für die Kammerspiele am Deutschen Theater adaptiert hat, fügt dem reichlich deklamierten Romantext noch einige Passagen aus Essays von Houellebecq und Interviews mit ihm hinzu und lässt das Ganze von Samuel Finzi, Lisa Hrdina, Marcel Kohler, Jeremy Mockridge und Kathleen Morgeneyer wechselnd vortragen. Wobei Kohler und Finzi zumeist die beiden IT-Spezialisten geben und die anderen weitere Romanfiguren spielen, aber auch gelegentlich Texte der beiden sprechen.

Von Beginn an herrscht dabei auf der mit Gerüst, Saunawagen, Fitness-Laufband und Küchenzeile mit Kühlschrank bestückten Bühne ein gewollt ironischer Grundton. Finzi referiert anfänglich noch darüber, dass die Romanform ungeeignet sei, um die Indifferenz und das Nichts zu beschreiben. Da müsse eine plattere Ausdrucksweise, eine knappere, ödere Form her. Danach verlegt er sich auf Laufband-Slapstick und aufs Kochen. Den zynischen Ton des vom Leben und seinem Job Angeekelten übernimmt weiter Marcel Kohler: „Die Gesellschaft, in der ich lebe, widert mich an; die Werbung geht mir auf die Nerven; die Informatik finde ich zum Kotzen.“ Und noch besser: „Dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information.“ Das mag angesichts der im Internet marodierenden Informationsflut korrekt sein, aus dem Mund eines Informatikers klingt das natürlich erstmal schräg. Schräg nimmt dann die Inszenierung auch den passionierten Apokalyptiker Houellebecq, der sein Alter-Ego über das „fortschreitende Verlöschen zwischenmenschlicher Beziehungen“ klagen lässt. Zum weinerlichen Urschrei des Mannes nach aktiver Sexualität und Liebe gibt es kopulierende Plastikfrösche und weitere schräge Regieeinfälle am Lauf(enden)Band.

Die ödeste Form einen Roman zu exekutieren besteht für Regisseur Panteleev vermutlich im szenischen Aneinanderreihen von Monologen oder auch mal einem lustigen Rhetorikkurs in Sachen Autodiebstahl. Zuerst wird die verhasste Arbeitswelt aufs Korn genommen, dann kommen die unter mangelnder Triebabfuhr leidenden IT-Spezialisten dran. Lisa Hrdina setzt sich während Finzis Monolog über den verminderten Heranwachsenden in der Adoleszenz eine Mikrowelle auf den Kopf, und auch Kathleen Morgeneyer darf sich kurz zum Affen machen. Übergroße Barbiepuppen scheint es momentan im Fundus-Sonderangebot zu geben (s. Baal im BE). Die am DT hat zumindest noch ein Kleid an, unter das der auf dem Gerüst turnende Finzi gerne schauen würde. So stellt man sich hier toxisch verblödete Männlichkeit vor. Den Pappkopf des Dauer-Misanthropen mit Heliumstimme gibt es oben drauf. Mit Riesenhänden wedelnd deklamiert Finzi Houellebecqs gedankliche Ausflüge zum IS und zur blutigen französischen Revolution. Eine Tirade auf Frauen in der Psychoanalyse oder ein Referat zum SCUM-Manifest von Valerie Solanas runden das fragwürdige Frauenbild ab.


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Dass einen das mit zunehmender Dauer relativ kalt lässt, liegt nicht nur daran, dass sich die Regie die eigentlichen Probleme mit Ironie nett vom Hals hält, sondern auch daran, dass Houellebecq eigentlich schon lange kein wirklicher Aufreger mehr ist. Das Körnchen Wahrheit, das seine zynischen Gesellschaftsanalysen enthalten mögen, lächelt die dauerquatschende Inszenierung so auch noch weg.

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Zuerst erschienen am 10.09.2019 auf Kultura-Extra.

AUSWEITUNG DER KAMPFZONE (Kammerspiele, 08.09.2019)
Regie: Ivan Panteleev
Bühne: Michael Graessner
Kostüme: Daniela Selig
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Samuel Finzi, Lisa Hrdina, Marcel Kohler, Jeremy Mockridge und Kathleen Morgeneyer
Premiere am Deutschen Theater Berlin: 8. September 2019
Weitere Termine: 13., 26.09. / 02., 13., 29.10.2019

Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de

18:43 11.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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