AUTORENTHEATERTAGE 2019

Theater Beim "Radar Ost" im Deutschen Theater Berlin waren Inszenierungen des Moskauer Gogol Center und Belarusian State Youth Theatre Minsk zu Gast
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Who Is Happy In Russia? - Das Gogol Center Moskau eröffnet mit einer Inszenierung von Kirill Serebrennikov den Radar Ost am Deutschen Theater Berlin

Eimer mit Wodka, melancholische Gesänge und ein Gruppe Schauspieler auf der Suche nach einem glücklichen Menschen auf der Bühne und im Theaterparkett. Das Deutsche Theater ist fest in russischer Hand. Fast ein Heimspiel für das Moskauer Gogol Center, das auf seiner Gastspielreise durch Europa nach Hamburg nun auch in Berlin angekommen ist. Wie im letzten Jahr stellt das DT seinen AUTORENTHEATERTAGEN, die nächste Woche beginnen, einen "Radar Ost" mit Inszenierungen osteuropäischer TheatermacherInnen aus Russland, der Ukraine, Weißrussland, Tschechien und Ungarn voran. Eröffnet wurde das Wochenende mit dem Stück Who Is Happy In Russia?, einer Arbeit von Kirill Serebrennikov und seinem Gogol Center. Aus dem über ein Jahr andauernden Hausarrest ist der russische Theater- und Film-Regisseur (u.a. Leto) erst kürzlich entlassen worden. Weiterhin droht ihm aber ein Prozess wegen angeblicher Veruntreuung von Subventionsgeldern. Serebrennikov ist im Westen sehr gefragt, und auch am DT soll er, wie man hört, in der nächsten Spielzeit endlich das bereits länger angekündigte Decamerone von Giovanni Boccaccio inszenieren.

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Die Grundlage für das Stück bildet das über 500seitige Gedicht-Epos Wer lebt glücklich in Russland von Nikolai Nekrasov (1821-1878), ein kritischer Geist seiner Zeit, eine Art Brecht des 19. Jahrhunderts, wie man von ihm sagt. Der Dichter schuf das Werk nach der Abschaffung der Leibeigenschaft 1861. Den anfänglichen Reformen Alexanders II. (1860–70er Jahre), die von progressiven Adeleigen begrüßt wurden, schlugen aber recht schnell in Enttäuschung um. Den freien Bauern ging es wirklich nicht sehr viel besser als noch zu Zeiten der Leibeigenschaft. Serebrennikov schließt die Vergangenheit mit der russischen Gegenwart kurz. Nekrasovs Bauern sind hier arme Wanderarbeiter, die an einer großen Pipeline vor einer Mauer mit Stacheldraht kampieren. Auch sie diskutieren ihr Schicksal nach Nekrasovs Versen wie in einer Art Fernsehshow, bei der ein Moderator die Leute befragt. Mit Livekamera aufgenommene Gesichter werden an weiße Stellwände projiziert. Aus Metallspinden holt sich das zahlreiche Ensemble immer wieder neue Kostümierungen. Es geht auch richtig zur Sache. Die Faust sitzt locker. Im ersten Teil vor der Pause entwickelt sich so ein sehr dynamisches Spiel, das immer wieder durch russische Lieder und Ansprachen unterbrochen wird.

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Nach der ersten von zwei Pausen folgt eine Die trunkene Nacht genannte Choreografie der Männer, die schon in der Pause als elend kostümierte Penner das Publikum belästigten. Begleitet werden sie von einem Musiker an großen Bongotrommeln und russischem A-capella-Gesang der festlich gekleideten Frauen. Die melancholischen Gesänge kontrastieren den sehr körperlichen und schweißtreibenden Tanz der Elendsfiguren, die sich selbst schlagen, in Tonnen rollen oder Figurentürme bilden. Ein starkes Gruppenbild der Hoffnungslosigkeit, das einen nicht kalt lässt.

Der dritte Teil beginnt dann wieder etwas positiver. Das Ensemble geht mit besagtem Wodkaeimer nach glücklichen Menschen im Publikum auf die Suche. Dabei sind sie nicht immer freigiebig. Der Wodka muss sich schon mit etwas Einfallsreichtum verdient werden. So gesehen ist es also nicht nur in Russland einfach, einen glücklichen Menschen zu finden. Nur dass sich die Bedingungen für das persönliche Glück wohl unterscheiden dürften. Dann wird es wieder pessimistischer, wenn Evgenya Dobrovolskaya, eine berühmte Schauspielerin in Russland, wie mir meine russische Sitznachbarin versicherte, den großen Tragödien-Ton anschlägt und als gequälte Arbeiterin von ihrem schlimmen Schicksal berichtet. Die Männer ziehen sich dann immer wieder mit diversen Slogans und Motiven bedruckte T-Shirts über. Die populistischen Heilsversprechungen und -Versprecher gehen nicht aus. Großer Jubel, Beifall und Standing Ovation für das großartige Ensemble.

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Der Mann aus Podolsk - Mit der Satire von Dmitry Danilov zeigt das Jugend-Staatstheater Minsk ein gutes Beispiel für autokratische Staatsgewalt

Nach dem kraftvollen Auftakt des "Radar Ost" mit Who Is Happy In Russia? von Kirill Serebrennikov bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin setzte ein kleines kafkaeskes Kammerspiel des Russen Dmitry Danilov am letzten Tag des kurzen Festivals noch einmal Akzente.

In Der Mann aus Podolsk, vorgestellt vom Weißrussischen Jugend-Staatstheater Minsk, wird der Mitdreißiger Nikolai aus der Moskauer Trabantenstadt Podolsk verhaftet und auf dem Polizeirevier einem recht merkwürdigen Verhör unterzogen. Zunächst fürchtet er misshandelt zu werden. Und wie in einem inneren Film laufen auch solche Gewaltszenen in einem Video auf der Bühnenrückwand ab, bei denen Nikolai von zwei clownsgesichtigen Polizisten verprügelt wird. Mehr und mehr surreal verläuft auch das Verhör, bei dem Nikolai auf seine Frage, warum er festgenommen wurde, die Antwort erhält, das werde man schon noch anhand der Antworten auf die ihm gestellten Fragen herausfinden.

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Scheinbar ohne erkennbaren Plan verwickeln die beiden Polizisten den verängstigten Nikolai in ein Frage-Antwort-Spiel, bei dem er etwa die Einwohnerzahl von Podolsk nennen, oder auch Sehenswürdigkeiten auf seinem Weg zur Arbeit beschreiben soll. Nikolai wird weiter nach seiner Arbeit und seinem Privatleben befragt. Er ist ein kleiner Redakteur eines Bezirksanzeigenblattes, hat aber Geschichte studiert und macht den nicht sehr gut bezahlten Job nur aus Mangel an anderen Gelegenheiten. Nikolai spielt außerdem umsonst für eine unbekannte Industrial-Rock-Band, mit der er schon bei einem Festival in Amsterdam war. Seine letzte Freundin hat ihn wegen eines anderen Musikers verlassen, die neue, die ihn wegen seiner Musik anhimmelt, liebt er aber nicht wirklich.

So dringen die Polizisten, später noch durch die attraktive Reviervorsteherin unterstützt, immer tiefer in den Mann aus Podolsk. Sie bearbeiten ihn dabei nach dem Muster Zuckerbrot und Peitsche. Während die beiden männlichen Polizisten Nikolai durch die Androhung, ihm falsche Beweise unterzuschieben, zum Mitmachen zwingen, baut die Polizistin den langsam Verzweifelnden immer wieder wohlwollend auf. Als Beispiel für ihre Macht demonstrieren die Polizisten Nikolai einen in einem Käfig gefangenen Mann aus Mytistschi, den sie bereits bestens abgerichtet haben. Das ganze Verhör entpuppt sich nämlich als eine Art staatliche Umerziehungsmaßnahme. In dem mit seinem eintönigen mechanischen Leben in der grauen Trabantestadt unzufriedenen Nikolai, soll die Liebe zur Heimat wieder geweckt werden. Die Polzisten zwingen ihn zu dümmlichen „Hirntänzen“ mit wortakrobatischen Diphthong-Vokalen, schuhplattlern, oder singen eine melancholische Hymne auf die Stadt Moskau. Und irgendwann steckt auch der andere Gefangene in einer Uniform.

Die absurde Polizeilogik hinterlässt auch beim Mann aus Podolsk ihre Wirkung. Der sichtlich Zerrüttete muss vor der Freilassung noch sein Vernehmungsprotokoll unterzeichnen, bei dem im attestiert wird, ein Tier zu sein, ein Automat, der die ihn umgebende Realität nicht erkennt. Danach stellt man ihm noch ein baldiges Wiedersehen in Aussicht. Das ist natürlich ein dystopisch anmutender Brainwash, der die tatsächlich real existierende Gesellschaft schönfärben soll. Auf der Videoleinwand erscheinen noch weitere Gesichter von Menschen, die tatsächlich wie Automaten, den Text des Protokolls herunterbeten. Dmitry Danilovs bereits 2017 vom Teatr.doc in Moskau uraufgeführte Satire ist ein gutes Beispiel absurden Theaters, das auch an Stücke von Daniil Charms oder Nikolai Erdman erinnert. Dem Minsker Ensemble gelingt es mit der nötigen satirischen Überspitzung sehr gut, aktuelle Tendenzen autokratischer Staatsgewalt zu karikieren.

Who Is Happy In Russia? (24.05.2019, Deutsches Theater)
von Kirill Serebrennikov
nach einem Gedicht von Nikolai Nekrasov
Regie: Kirill Serebrennikov
Komposition: Ilya Demutsky, Denis Horov
Choreografie „Die trunkene Nacht“: Anton Adasinsky
Mit: Evgenya Afonskaya, Filipp Avdeev, Irina Bragina, Igor Bychkov, Evgenya Dobrovolskaya, Nikita Elenev, Ivan Fominov, Sergey Galakhov, Alexander Gorchilin, Evgeny Kharitonov, Rita Kron, Georgiy Kudrenko, Nikita Kukushkin, Svetlana Mamresheva, Maria Poezhaeva, Andrey Polyakov, Andrey Rebenkov, Timofey Rebenkov, Evgeny Sangadzhiev, Maria Selezneva, Ekaterina Steblina, Igor Sharoyko, Roman Shmakov, Semen Shteinberg, Irina Teplukhova, Mikhail Troynik, Dmitry Visotskiy, Dmitry Zhuk
Gastspiel Gogol Center, Moskau - Russland am Deutsches Theater Berlin

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Der Mann aus Podolsk (26.05.2019, Kammerspiele des DT)
von Dmitry Danilov
Regie: Dmitry Bogoslavsky
Choreografie: Irina Shirokaya
Komposition: Mikhail Obukhov
Besetzung:
Igor Vepshkovsky: Mann aus Podolsk
Andrey Gladky: Mann aus Mytishchi
Marina Blinova: Polizistin
Kirill Novitsky: 1. Polizeibeamter
Denis Moiseychik: 2. Polizeibeamter
Gastspiel Belarusian State Youth Theatre, Minsk - Weißrussland am Deutschen Theater Berlin

Infos: https://www.deutschestheater.de/

15:24 31.05.2019
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Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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