Bestandsaufnahme Gurlitt

Ausstellung Der Martin Gropius Bau zeigt den „Schwabinger Kunstfund“ und die Verstrickung des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt in die verbrecherische Kunstpolitik des NS-Staats
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Bestandsaufnahme Gurlitt
Die Ausstellung 'Bestandsaufnahme Gurlitt Der NS-Kunstraub und die Folgen' in der Bundeskunsthalle Bonn - November 2017

Foto: Ralf Juergens/AFP/Getty Images

„Der Nazischatz“, „Kunstkrimi“, „Ein deutsches Drama“ schreit es einem im ersten Ausstellungsraum entgegen. So titelte 2013 die Presse, nachdem der sogenannte „Schwabinger Kunstfund“ bekannt wurde. In der Wohnung von Cornelius Gurlitt (1932–2014), dem Sohn des deutschen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895–1956), wurden 2012 im Zuge einer Steuerfahndung über 1.500 Kunstwerke beschlagnahmt. Das Gurlitt-Erbe steht unter dem erhöhten Verdacht, dass es sich dabei um Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus handelt. Um diesem Verdacht nachzugehen, stellte die Bundesrepublik Deutschland Mittel für die notwendige Provenienzeforschung zur Verfügung. Cornelius Gurlitt verpflichtete sich im Gegenzug, die dabei als Raubkunst identifizierten Werke zu restituieren. Bis heute konnten lediglich vier zweifelsfrei identifizierte Werke an die Nachfahren der rechtmäßigen BesitzerInnen zurückgegeben werden.

Der 2014 verstorbene Cornelius Gurlitt hat sein Erbe dem Kunstmuseum Bern vermacht, das nun als eine Art Treuhänder fungiert. In einer aufwendigen Doppelausstellung zusammen mit der Bundeskunsthalle Bonn unter dem Titel Bestandsaufnahme Gurlitt wurden von November 2017 bis März 2018 an beiden Standorten Werke aus dem Gurlitt-Nachlass gezeigt, die Praxis des Kunstraubs im NS-Staat im Rahmen der Beschlagnahme von Werken als „Entartete Kunst“ beleuchtet und der Stand der Forschung zum „Schwabinger Kunstfund“ vorgestellt.

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Seit voriger Woche ist die Ausstellung nun auch im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Sie trägt den Untertitel Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus und stellt den wendungsreichen - wie es nicht zu Unrecht heißt - Lebensweg Hildebrand Gurlitts und seine Karriere im Kunstbetrieb in den geschichtlichen Kontext der Ereignisse beginnend mit dem Ersten Weltkrieg, in den der 19jährige Sohn eines Dresdner Kunstprofessors wie so viele junge Deutsche freiwillig zieht, über die Weimarer Republik, in der nach dem Studium der Kunstgeschichte seine Karriere als Museumsdirektor im sächsischen Zwickau beginnt, bis ins Dritte Reich, in dem Gurlitt zu den aktiven „Verwertern“ der in der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmten Kunstwerke gehört und - trotz einer jüdischen Großmutter - schließlich zum Chefeinkäufer für das von Adolf Hitler persönlich geplante „Führermuseum“ in Linz berufen wird. In der Bundesrepublik der Nachkriegszeit kann Gurlitt - recht schnell entnazifiziert - bald wieder einen Posten als Direktor des Kunstvereins in Düsseldorf antreten. Neben ca. 200 Kunstwerken aus dem Nachlass Gurlitt präsentiert die Schau dazu eine umfangreiche Auswahl von Originaldokumenten wie Briefe, Zeitungsartikel und historische Fotografien

Hildebrand Gurlitt wird hier zunächst im Ausstellungsabschnitt „Umkämpfte Moderne“ als leidenschaftlicher Verfechter der Avantgarde vorgestellt, der sich vor allem für die Vertreter der Dresdner Künstler-Gruppe Die Brücke um Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller und Karl Schmidt-Rottluff einsetzt. Seine Ankaufspolitik für das Zwickauer Museum, bei der er vorwiegend Maler der Dresdner Secession und des Expressionismus wie etwa den gebürtigen Zwickauer Max Pechstein bevorzugt und im Gegenzug Werke aus dem Bestand veräußert, macht ihn in nationalsozialistischen Kreisen unbeliebt und kostet ihn nach einer Medienkampagne sogar den Posten als Museumdirektor. Gurlitt geht nach Hamburg und wird dort Leiter des Kunstvereins.

Nach der Machtergreifung der Nazis entlässt man ihn wegen unbotmäßigem Verhaltens und seines Eintritts für die Moderne. Gurlitt wird hauptberuflich Kunsthändler, wobei er seine Kontakte als ehemaliger Museumsmann zu nutzen weiß. Das Geschäft lässt der nach den Nürnberger Gesetzen 1935 als „Mischling“ geltende Gurlitt vorsichtshalber auf seine Frau überschreiben. Trotzdem sucht er die Nähe der Nationalsozialisten und wird von ihnen als Kenner der ab 1937 als „entartet“ eingestuften und beschlagnahmten Kunst beauftragt, Werke aus öffentlichem Besitz durch Verkauf ins Ausland gewinnbringend zu „verwerten“. Die Ausstellung dokumentiert das Prozedere ausführlich im Abschnitt „Kunstpolitik im NS-Staat“ anhand zahlreicher Werke von Lovis Corinth, Otto Dix, George Grosz, Max Beckmann, Willi Baumeister, Franz Marc, August Macke oder Wassily Kandinsky.

Dem schließt sich im Teil „Der NS-Kunstraub und der ‚Sonderauftrag Linz‘ “ die Darstellung von Gurlitts Beitrag als Chefeinkäufer für Hitlers geplantes Führermuseum an. Der bestens vernetzt Kunsthändler wurde hier vor allem auf dem Pariser Kunstmarkt fündig. Zu sehen sind u.a. Werke von Gustave Courbet, Claude Monet, Edgar Degas, Honoré Daumier, Paul Signac, Auguste Rodin, Georges Seurat und Henri de Toulouse-Lautrec. Gurlitt kaufte dabei aber auch Kunstbesitz von in Deutschland und den besetzten Gebieten lebenden Juden. Die Umstände des Erwerbs durch Gurlitt sind bis heute leider nur sehr lückenhaft dokumentiert. Breiten Raum in der Ausstellung nehmen die Schicksale der Familien ein und der Kampf der Nachfahren um die unrechtmäßig enteigneten oder zwangsweise veräußerten Kunstwerke. Beispielhaft dafür stehen der Leipziger Musikverleger und Kunstmäzen Henry Hinrichsen, der Dresdner Rechtsanwalt Fritz Salo Glaser, der Hamburger Jurist und Mäzen Martin Wolffson, der in Wien geborene Kunsthändler Jean (Hans) Lenthal, die Sammlung der österreichischen Familie Rothschild oder der französische Rechtsanwalt Armand Isaac Dorville. Aber auch jüdische Künstler wie der deutsche Impressionist und Kunstsammler Max Liebermann.

Was den „Schwabinger Kunstfund“ aber so sensationell macht, ist die durchweg hohe Qualität der Werke und die Bandbreite der Kunststile, die neben der deutschen Klassischen Moderne mit Expressionismus und Neuer Sachlichkeit auch Meisterwerke des französischen Impressionismus und Realismus und sogar einige kleine Gemälde und Stiche von flämischen und deutschen Meistern der Renaissance wie Dürer, Cranach oder Holbein aufweisen. Es sind aber vor allem faszinierende Arbeiten auf Papier, die den Grundstock der Sammlung Hildebrand Gurlitts ausmachen. So sind etwa die expressionistischen Grafiken von Gurlitts Schwester Cornelia Gurlitt eine wahre Entdeckung. Sogar ein Aquarell von Pablo Picasso und mehre Werke des Norwegers Edvard Munch befinden sich im Nachlass, in dem der unter den Nationalsozialisten zunächst noch verfemte, dann aber durch seine Nähe zum System weiterhin gut verkaufende Maler Emil Nolde sicher eine Sonderstellung einnimmt.

Was den sogenannten „Kunstkrimi“ zum eigentlichen „deutschen Drama“ macht, ist der Wandel von Hildebrand Gurlitt vom anfänglichen Kunstliebhaber und Förderer zum Profiteur der Machenschaften des NS-Staats, der das Unglück anderer relativ skrupellos ausnutzte. Dass Gurlitt sich dafür nachdem Krieg kaum rechtfertigen musste, schnell wieder in Amt und Würden kam und den eigenen Besitz an Kunstwerken fragwürdiger Herkunft stets verschleierte, ist eines der großen Probleme mangelhafter Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts in der jungen Bundesrepublik, die schnell einen Schlussstrich ziehen wollte, was für die Herausbildung eines Unrechtsbewusstsein nicht gerade förderlich war. Wie schwierig und aufwendig sich die Provenienzeforschung heute gestaltet, zeigt das letzte Kapitel der Ausstellung, das verdeutlicht, dass man hier noch relativ am Anfang steht.

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Zuerst erschienen am 21.09.2018 auf Kultura-Extra.

Bestandsaufnahme Gurlitt
Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus
Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle und des Kunstmuseums Bern
kuratiert von Rein Wolfs und Agnieszka Lulińska
14.09.2018 bis 07.01.2019
Im Martin Gropius Bau Berlin
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin

Info: https://www.berlinerfestspiele.de/

18:54 23.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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