Cry Baby

Theater René Polleschs Einstand am Deutschen Theater Berlin mit einer furiosen Sophie Rois
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René Pollesch am Deutschen Theater? Geht denn das überhaupt? Es ging schon mal 2009 mit JFK, einer Übernahme vom Thalia Theater Hamburg. Aber extra geschrieben hat der Ex-Volksbühnen-Autor, der gerade vom Rosa-Luxemburg-Platz zur Schumannstraße von einer Berlin-Mitte-Traditionsbude zur nächsten gewechselt ist, noch nichts für Ulrich Khuons gediegenen Theaterabonnententempel. In dieser DT-Spielzeit gibt es nun gleich zwei neue Stücke vom mittlerweile dritten Volksbühnenexilanten in Berlin - nach Herbert Fritsch (an der Schaubühne) und Frank Castorf (am BE). Als noch viel größeren Coup kann Ulrich Khuon aber die Verpflichtung von Ex-Volksbühnen-Star Sophie Rois ans DT verbuchen. Und die muss hier nur einmal über die Bühne laufen und „O Gott, ich bin müde.“ sagen, und schon liegt ihr das DT-Publikum zu Füßen. Damit wäre die anfängliche Problematik hinreichend geklärt.

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Warum Sophie Rois in René Polleschs Stück Cry Baby von Beginn an so müde ist oder was daran zum Weinen wäre, lässt sich allerdings an diesem Abend nicht wirklich eindeutig aufklären. Eindeutigkeit ist René Polleschs Sache auch nie gewesen. Er arbeitet auch am DT viel mit versteckten Anspielungen, Zitaten und popkulturellen Verweisen. Es geht um schaumgebremsten Ehrgeiz gegen bedingungsloses Karrierestreben, Loser und Genies sowie die schwierige Klärung des Unterschieds zwischen einem „aufstiegssüchtigen Talent und einem verbissenen Karrieristen“. Für welche Daseinsform des Künstlers sich der Autor mehr begeistert, lässt sich unschwer erahnen. Die Diva Rois plädiert für den göttlichen Schlaf, das verdiente Ruhen nach dem Schaffensprozess - will ins plüschige Bett und wird doch immer wieder von einem lautstarken Chor hellwacher junger Damen in Seidenpyjamas daran gehindert. Diskurs-Verstärkung gibt es von der ebenfalls bewährten Pollesch-Schauspielerin Christine Groß sowie Judith Hofmann und Bernd Moss vom DT-Ensemble.

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Ob Sophie Rois nach ihrem Gastierurlaub (eine der lustigsten Theatervokabeln, die Chris Dercon an der Volksbühne lernen durfte) nun selbst zu den ehrgeizigen Schauspielern zählt oder doch nur deren verstärktes Auftreten beklagt, sei dahin gestellt. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf, ist scheinbar ihre Devise. Doch einmal vom Chillen abgehalten, treiben Polleschs Diskursschleifen merkwürdige Blüten, selbst wenn Bernd Moss in der Seitenloge, die das Bühnenbild detailgetreu nach innen verdoppelt, fragt, wann es denn endlich losginge und ob man ihn dann wecken könne. Wortgefechte der Art bilden einen aberwitzigen Teil des Abends, der in eine völlig überdrehte Kalauerei über den Begriff „Liebhabertheater“ und wer hier wen für das Auftreten bezahlt, kulminiert.

Auch eine echte Theaterfechtszene gibt es noch, den Auftritt des Chors als Erschießungskommando für den von Sophie Rois u.a. auch gespielten (Traum-) Prinz von Homburg sowie angestrengtes Deklamieren als in Wahnträumen versinkende Klytämnestra aus Hugo von Hofmannsthals Elektra. Die Diva zieht hier alle Register ihres Könnens, greint, nörgelt unnachahmlich und geht mit dem Chor in den Clinch wie schon in Polleschs früherem Volksbühnenstück Ein Chor irrt sich gewaltig. Wenn auch hier die Reibung etwas sanfter vonstatten geht und man das durchaus wohlige Gefühl hat, alles schon mal irgendwie gesehen und gehört zu haben. Sparsam verspritzt die Diva ihr Wortgift und lässt den anderen beiden Damen doch gerade noch so viel Platz, ein paar Stichworte zu platzieren. Aber keine Sorge. Es werden dann doch nicht die zwischenzeitlich angedrohten 8 Stunden über den (Theater)-Schlaf. Nach 70 Minuten ist der Spaß schon wieder vorbei, und der Chor weint an der Rampe sitzend in hohem Bogen Wasserpistolenladungen voll Theatertränen zu Roy Orbisons "Crying".

René Pollesch bleibt sich treu und auch am DT dem Repräsentationstheater gegenüber skeptisch, untersucht mit viel Wortwitz und Hilfe des Chors Organisationsprinzipien, Hierarchien und die Selbstinszenierung in der bürgerlichen Gesellschaft. Genie gegen Kollektiv, das Leben in Projekten, bei dem Erfolg haben nicht immer heißt ihn auch genießen zu können. Auch die Liebe wird in diesem Zusammenhang viel diskutiert mit Blick auf möglichst nur gewinnträchtige Beziehungen. Der Schein ist das Wesentliche, was an den inneren und äußeren Wert eines schnöden Geldscheins, der seinen innerer Wert gerade durch das Äußere zeigt, durchexerziert wird. Ironisch setzt sich der Bühnendiskurs mit gespieltem Rebellentum eines Popstars wie Udo Lindenberg auseinander. René Pollesch bleibt da ganz unverbesserlicher Romantiker, ein sanfter Rebell und Ästhet des 20. Jahrhunderts, der hier auch nochmal eine Lanze für Leidenschaft, Intensität, Loyalität und Langzeit-Intendanzen bricht und natürlich für die sinnlose aber bedingungslos schützenswerte Liebe.

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Zuerst erschienen am 12.09.2018 auf Kultura-Extra.

Cry Baby
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Tabea Braun
Chorleitung: Christine Groß
Dramaturgie: Anna Heesen, Bernd Isele
Licht: Cornelia Gloth
Mit: Christine Groß, Judith Hofmann, Bernd Moss, Sophie Rois
Chor: Barbara Colceriu, Aysima Ergün, Therese Lösch, Sarah Quarshie, Milena Schedle, Stella Sticher, Beatrix Strobel, Julia Zupanc (Studentinnen aus dem 2. Studienjahr Schauspiel der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin) und Lea Beie, Josephine Lange, Charlotte Mednansky, Thea Rasche
Die Uraufführung war am 8. September im Deutschen Theater
Termine: 13., 21.09. / 05., 11., 17., 25.10. 2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

14:38 12.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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