Der Koffer

Open-Air-Theater Die Theatergruppe DIE DRAMATISCHE REPUBLIK spielt in einem Autoscooter hinterm Haus der Statistik Małgorzata Sikorska-Miszczuks surreales Stück zur Erinnerungskultur
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Während in einigen anderen Bundesländern die Theater fast schon zu so etwas wie Normalbetrieb mit Aufführungen auch in den Theatersälen zurückkehren - unter strengen Hygienebedingungen, versteht sich - hat sich die Theaterszene der Hauptstadt Berlin auf Open-Air-Veranstaltungen verlegt. So auch die kleine Off-Theatergruppe Die Dramatische Republik, die sonst jeden Monat ein Stück zeitgenössischer Dramatik zur Aufführung bringt. Nun spielen sie unter der Leitung von Regisseur Rolf Kemnitzer in einem alten Autoscooter im Hof des Hauses der Statistik nähe Alexanderplatz das Stück Der Koffer von der polnischen Dramatikerin Małgorzata Sikorska-Miszczuk.

Die Not zur Tugend gemacht hat die Theatertruppe für ihr Spiel hinter der entkernten DDR-Plattenbauruine, dessen Erdgeschoss einige Berliner Künstlergruppen nutzen. Auch hier stehen die Plastikstühle solo oder als Doppelsitze auf Abstand. Man ist dabei jedoch an der frischen Luft, was die Sache etwas vereinfacht, aber natürlich noch lange keinen ganz normalen Theaterabend darstellt. Zumindest sitzt man unter dem Dach des alten Autoscooters im Trockenen. Bei der momentanen Witterung ein großes Plus. Vom Alexanderplatz her tönen Polizeisirenen und künden von einem anderen Spektakel. Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA.

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An Aktualität fehlt es dem dargeboten Stück aber auch nicht. Nicht etwa Corona, sondern die allgemeine Erinnerungskultur steht hier im Mittelpunkt. Ein verzweifelter Protagonist auf der Suche nach der Wahrheit und dem verschollenen Vater, über dem ihm seine Mutter jede Auskunft verweigert. Małgorzata Sikorska-Miszczuk geht mit einem satirischen Stoff das schwere Thema Holocaust an. Die Autorin ist auch in Deutschland nicht ganz unbekannt. Für das 2008 entstandene Drama gab es einige Preise. Doch nicht nur die Deutungshoheit über die Historie steht hier zur Diskussion, Sikorska-Miszczuk nutzt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte auch für eine persönliche Sinnsuche ihres Protagonisten im Kontext des historischen Gedenkens.

Den Franzosen Fransoua (Daniel Blum) plagen Zweifel an seiner Identität, ein halber Mensch, dem die Geschichte seines Vaters fehlt und der daher an Depressionen leidet. Auch fehle es ihm an Einsicht in sein Inneres, sagt ihm seine Ex-Frau, die ihm ansonsten noch rät rauszugehen und sich irgendwie zu beschäftigen. Das treibt Fransoua schließlich ins Museum der Vernichtung, wo er auf eine ebenso verzweifelte wie überforderte Museumsführerin (Susanne Voyé) stößt. Was ist die Last der Erinnerung gegen das Fehlen jeglicher Erinnerung? Darüber kann man schon mal depressiv werden.

Fransoua findet jedenfalls im Museum die Wahrheit in einem vielgereisten Koffer aus Auschwitz, der seinem Vater gehörte. „Die ganze Welt in einem Koffer.“ Ob man damit glücklich wird, sei dahingestellt. Ebenso wie die angedeutete und weitverbreitete These, im Vergessen die Vergebung zu finden. Der Witz des Stücks ist jedenfalls, eine zweite Erzählebene einzuziehen, die in Gestalt eines Erzählers (Paul Maximilian Boche) durch das mit Zwischenüberschriften in mehrere Episoden geteilte Stück führt. Frankreichs Mitschuld an der Deportation der Juden wird hier ebenso thematisiert wie das Schweigen über die Vergangenheit in den Familien von Opfern wie Tätern.

An der Seite des goldbefrackten und Steppschuhe tragenden Conférenciers steht die charmante Anrufbeantworterstimme Jaklin (Ini Dill) im pinkfarbenen Schlauchkleid. Beide wagen schon mal ein Tänzchen und klettern auf dem Stahlnetz unter dem Dach des Autoscooters über den Köpfen des Publikums. Die Wahrheit als angebissener Pfirsich mit süßem Aroma, von dem man nicht mehr lassen kann, steht hier neben einer Bauchladen-Erinnerungskultur, die einem gefahrlos mittels Schuhbergen und Koffern die Vernichtung erleben lässt. Die Einzelschicksale scheinen dahinter zu verschwinden.

Małgorzata Sikorska-Miszczuks Stück versucht zwischen seichter Unterhaltung und ernstem Nachdenken die Auseinandersetzung mit dem Unvorstellbaren. Eine surreale Reise, die auch mit einem Brief an den Vater, den der an ein Wunder glaubende Fransoua in die Jerusalemer Klagemauer steckt, an Franz Kafka erinnert. Das subtile Spiel der DarstellerInnen tut sein Übriges, dass dieser nur etwa 70-minütige Abend einem wieder Lust auf mehr solcher anregenden Theatervorstellungen macht.

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Zuerst erschienen am 08.06.2020 auf Kultura-Extra.

DER KOFFER (Haus der Statistik Berlin, 06.06.2020)
Regie: Rolf Kemnitzer
Bühne: Stefan Oppenländer
Technik und Sound: Andreas Tiedemann
Kostüm: Ini Dill
Musik und Klang: Ohrpilot
Dramturgische Beratung: Anne-Sylvie König
Mit: Ini Dill, Susanne Voyé, Paul Maximilian Boche und Daniel Blum, Sylvia Schwarz (Sprecherin der Szenentitel)
Deutsche Erstaufführung am Haus der Statistik Berlin: 5. Juni 2020
Weitere Termine: 13., 20.06.2020

Weitere Infos siehe auch: http://www.dramatische-republik.de/

20:11 09.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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