Der neue Himmel von Nolte Decar

Premierenkritik Zwei charmante Hochstapler entern in der Regie von Sebastian Kreyer die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Der neue Himmel von Nolte Decar

Foto: Stefan Bock

(c) Deutsches Theater Berlin

http://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2015/06/der-neue-himmel_plakat.jpgEinen Tag, nachdem das Deutsche Theater mit Sascha Hargesheimers Archiv der Erschöpfung durch einen Erdbebenriss in die Tiefen des szenischen Schreibens abgetaucht war, ging es mit dem Autorenduo Nolte Decar und derem Stück Der neue Himmel, dem vierten und letzten der durch die Jury der Autorentheatertage 2015 ausgewählten Texte, wieder in die luftigen Höhen der Comedy. Jakob Nolte und Michel Decar wurden bereits mit Helmut Kohl läuft durch Bonn zu den Autorentheatertagen 2014 eingeladen. Und auch mit ihrem Stück Das Tierreich (2014 am Leipziger Schauspiel uraufgeführt) konnten die Beiden bereits einige Erfolge feiern. Das Stück war für den Preis des Heidelberger Stückemarkts nominiert und wurde mit dem Brüder Grimm Preis des Landes Berlin ausgezeichnet.

Hier beherrscht offensichtlich jemand das Schreiben - könnte man meinen. Allerdings: Nach der Sichtung der durch Sebastian Kreyer für das Schauspiel Zürich verantworteten Uraufführung der märchenhaften Drohnen-Farce müsste das jetzt wohl wieder angezweifelt werden...

Fällt in Das Tierreich ein Leopard II-Panzer aus einem Flugzeug der Bundeswehr auf die Schule einer Kleinstadt und löst damit lauter weitere, verwirrende Ereignisse um eine Horde pubertierender Schüler aus, sind es nun vermutlich fehlgesteuerte Drohnen und Boden-Luftraketen, die nacheinander auf eine Yacht vor einer Maoriinsel in der Südsee, einen Vorortbus im kolumbianischen Bogota, eine chinesische Polarstation und ein Restaurantklo in Kaschmir krachen. Und auch zwei Mädchen in Alaska und eine Nilpferdforscherin in Afrika wundern sich über einige merkwürdige Vorgänge.

Der internationale Waffenhandel als Auswuchs der globalisierten Welt vermischt sich mit mehr oder weniger witzigen Alltagssituationen rund um den Erdball. Das ist in groben Zügen der Plot des ersten Teils des Stücks, genannt: "Algorithmus atemberaubender Schönheit und Gewalt". Atemberaubend dämlich bebildert die Inszenierung dann das Ganze mit Südseepanorama, Palmen und einem Zwerg-Nilpferd aus Pappmache (Ausstattung: Matthias Nebel), das auch mal seinen Kopf bewegt. Beginnend mit einer Baccara-Parodie von Ay, Ay Sailor karikieren sich die Darsteller durch die Ermittlungen einer neuseeländischen Kommissarin und ihrer Übersetzerin bei Maorihäuptling Macky Tulo, der Liebesstory zweier südamerikanischer Teenies im Bus, einem aberwitzigen Toilettensketch in Kaschmir, dem schrägen Literatur-Disput von Vater und Sohn in der Arktis usw. usf.

Es treten tanzende Eisbären und Chinesen mit Reishüten sowie singende Shakira- und Madonna-Doubles auf. An den spielfreudigen Züricher DarstellerInnen Ludwig Boettger, Benedict Fellmer, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Lisa-Katrina Mayer und Johannes Sima liegt es sicher nicht, dass sich das alles nicht zu einem Ganzen fügt. Der tiefschwarze Humor, den das Stück aus der Andeutung eines zerstörerisch agierenden, globalen Gesamtzusammenhangs gegenüber einer durchökonomisierten und geistig banalisierten Welt zieht, verliert sich in einer durch den Regisseur Szene für Szene aneinandergereihten, sinnentleerten bunten Nummern-Revue. Allerdings hat man das Thema auch in Wolfram Lotz‘ Die lächerliche Finsternis schon wesentlich dringlicher gesehen.

Im zweiten Teil vermutet man dann die Zusammenführung der zuvor lose hingelaschten Kurzdramen, wird aber nur mit einer mäßig witzigen Parodie auf englische Kriminalfilme á la Cocktail für eine Leiche (hier Drohne) und vermutlich trocken und schwarzhumorig gedachten, näselnden Schwachsinns-Dialogen abgespeist. Auf einem englischen Landsitz versammelt das Autorenduo eine Schar von Knallchargen, die einen alten Fall um den tödlich mit seiner Limousine verunglückten Chauffeur des Hauses wieder aufrollen. Es knattert mit Kommissar Nordt, der tatsächlich wie Nick Knatterton gekleidet auf dem Fahrrad daherkommt. Die gastgebende Lady Grimshaw erweist sich als faselnde Schnapsdrossel, die ihr Hausmädchen tyrannisiert, und Sohn Mortimer schwuchtelt dümmlich mit dem Richter Warwick herum.

Der stille Gast der Lady, Brigitte Roquette, entpuppt sich schließlich als weiblicher Dr. No in Gestalt einer britischen Airbase-Offizierin und ermordet das gesamte Personal nacheinander durch Ersticken in Wackelpudding, Erdolchen, Erschießen und Vergiften. Anschließend trällert sie an der Rampe die von Robert Schuhmann vertonte Mondnacht des Dichters Joseph von Eichendorff. „Es war, als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt“. Recht schmeichelhaft für diesen himmlischen Schmarren.

*

Die vierköpfige Jury aus Regisseurin Jorinde Dröse, Autorin Nino Haratischwili, Schauspieler Ulrich Matthes und Kritiker Peter Michalzik muss sich fragen lassen, ob sie hier nicht ein paar charmanten Hochstaplern aufgesessen ist. Das DT hat bekommen, was es bestellt hat, und die Züricher müssen ab September mit diesem halbgaren, knallbunt angemalten Kuckucksei glücklich werden.

----------

Zuerst erschienen am 27.06.2015 auf Kultura Extra.

DER NEUE HIMMEL (Deutsches Theater Berlin, 26.06.2015)
Regie: Sebastian Kreyer
Bühne und Kostüme: Matthias Nebel
Musik: Andreas Seeligmann
Choreographie: Sebastian Henn
Licht: Michel Güntert
Dramaturgie: Karolin Trachte
Besetzung:
Liz Gordon / Abigail Barnes / Mishra Basu / Miss Lissy … Julia Kreusch
Eve Nowak / Chisara Lewal / Lady Grimshaw … Miriam Maertens
Carla Rivera / Zoe Heffner / Brigitte Roquette ... Lisa-Katrina Mayer
Macky Tulu / Xiao Yang / Mrs Barnes / Inspektor Nordt … Ludwig Boettger
Chester Yang / Rashad Hasham / Salim Quereshi / Richter Warwick … Benedict Fellmer
Gabo Corea / Ajit Sharma / Mortimer … Johannes Sima
Uraufführung im DT Berlin war am 26. Juni 2015
Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich
AUTORENTHEATERTAGE 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden