Eine Odyssee

Theater An der Volksbühne scheitert der neue Schauspieldirektor Thorleifur Örn Arnarsson mit seiner Interpretation des mythenbeladenen Stoffes nach Homer
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Die Berliner Theatersaison hat begonnen, und die großen Häuser klotzen auf die Bühnen, was geht. Ob nun Berliner Ensemble, Schaubühne oder Deutsches Theater, je größer desto besser. Die Möglichkeit des Scheiterns immer vor Augen soll zumindest durch visuellen Aufwand ein bleibender Eindruck erzeugt werden. So nun auch an der Volksbühne, wo der in Berlin lebende isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson für zwei Jahre zum Schauspieldirektor unter Intendant Klaus Dörr berufen wurde. Keine allzu lange Zeit, um sich in die Gunst des zuletzt nicht gerade verwöhnten Volksbühnen-Publikums zu spielen. Und so klotzt auch Arnarsson, hier bereits bekannt durch eine großangelegte Inszenierung der isländischen Mythenwelt. Seine Adaption der Edda war im Frühjahr an der Volksbühne zu Gast. Leider eine aufgeblasene, soundgewaltige Totalveralberung, bei der man in der Pause gehen konnte, ohne das Gefühl zu haben, etwas Entscheidendes zu verpassen.

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Nun hat sich Arnarsson den noch mythenbeladeneren Stoffen des griechischen Dichters Homer zugewandt. Unter dem Titel Eine Odyssee bringt er die Irrfahrten des Ithaka-Königs Odysseus auf dessen Heimweg von der Schlacht um Troja in einer Fassung von ihm und seinem bewährten Koautoren Mikael Torfason auf die Bühne. Ein großes abendländisches Epos soll hier also neu erzählt werden, um somit den Mythos zu reaktivieren. So schreibt zumindest die Volksbühne. „Die Inszenierung denkt eine Linie aus dem antiken Kolonialismus über Berlin in Zeiten des Kalten Krieges bis zu den aktuellen Auseinandersetzungen um den Einfluss eines rechten Populismus auf Kulturinstitutionen.“ Damit liegt sie natürlich voll im allgemeinen Trend deutschsprachiger Bühnen.

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Viel zu sehen oder zu hören ist davon dann allerdings erstmal nicht. Arnarsson befeuert zunächst den Mythos selbst mit einem von der Tänzerin und Choreografin Laura Witzleben einstudierten Chorchoreografie, bei der das Ensemble die Eroberung und Zerstörung Trojas in Versform skandiert. Geleitet wird der Chor vom Schauspieler Nils Strunk, Absolvent der HfS Ernst Busch und Neuzugang aus München. Ein gewaltiger Soundteppich, erzeugt von den Musikern Gabriel Cazes, Damiàn Diaboha und Sir Henry an Klavier, Schlagzeug und Elektronics, übertönt fast die Stimmen des Chors. Dazu wird grell-blendendes Licht ins Publikum geworfen, eine das Portal füllende Wand aus miteinander verbundenen Kartons fährt langsam herunter. Auf sie wird später ein Gemälde des brennenden Troja projiziert. Eine Überschneidung mit Flammen und Palmen deuten ein anderes Inferno an, das man aus vielen Vietnamkriegsfilmen kennt. Auch Heiner Müller wird bemüht. Die Verse seines Gedichts Traumwald hängen in großen Lettern vom Schnürboden. Der träumende Autor trifft im Winterwald auf sich selbst. Ein Kind mit Rüstung und Lanze. Ein naher Wink des Todes.

Arnarsson interpretiert das auch als wiederkehrende Schleife der Zerstörung. Odysseussohn Telemachos (Nils Strunk) hockt sich auf die Kartons, spielt Video-Kriegsgames und träumt sich zum Herrn im Hause, in dem seit der Abwesenheit des Vaters die Freier um die Mutter werben. „Unnütze Arschfotze“ nennt ihn Penelope (Johanna Bantzer). Der anschließende Selbstmordversuch des Geschmähten schlägt fehl. Der Abend will etwas über abwesende Väter und ihre durch Mythen fehlgeleiteten Söhne erzählen. Den Mythos vom Vater als Krieger hält auch König Menelaos (Theo Trebs) aufrecht. Er fährt mit einem Panzer herein, auf dem der Kriegsgrund, die schöne Helena als ausstaffiertes Püppchen, die rote Fahne schwenkt. Fack ju Göhte-Star Jella Haase fordert hier mehrfach tapfer Gerechtigkeit für sich ein. Wozu Kriege geführt werden, erfährt man nicht, dafür einiges über Rindfleischdiäten. König Agamemnon (Robert Kuchenbuch) verkündet nur, dass man sich das „kleine Drecksland Afghanistan“ holen will. Kraftstrotzend ist die Richtung des Abends gegeben. Obendrauf gibt es eine Aufzählung aller Kriege der Menschheit von der Antike bis in die heutige Zeit samt Opferzahlen. „NOSTALGIE FÜLLT DIE LEERE DER VERLORENEN UTOPIE“ steht wieder groß über der Szene. Auch so ein Satz, der von Heiner Müller stammen könnte.

Mehr als tönende Leere hat die Inszenierung bis hierher auch nicht verströmt. So geht es nach zwei Stunden erstmal zum Aufräumen in die Pause. Leer ist dann auch die Bühne zu Beginn des zweiten Teils. Arnarsson nimmt nun Druck und Tempo vollkommen raus. Claudio Gatzke und Silvia Rieger deklamieren einen Text des Autors Mikael Torfason über zwei Brüder wie bei einer szenischen Lesung. Der eine alkoholkranker Drehbuchautor mit Schreibblockade in Los Angeles, der andere britischer Soldat in Afghanistan. Man weiß nicht, wer schlechter dran ist. Dieser autobiografisch angehauchte Dialog in Briefen wurde zur Premiere noch von drei überlebensgroßen Puppen von amerikanischen Präsidenten mit erigierten Penissen umkränzt. Bei der zweiten Vorstellungen fehlen diese. Ein Zeichen, dass sich der Regisseur der Plakativität der Szenen wohl bewusst war.

Daniel Nerlich als runtergekommener Tramp Odysseus darf noch aus den Abenteuern seiner Irrfahrten berichten, bis er in seinen Heldenschilderungen von der Nymphe Kalypso (Sólveig Arnarsdóttir) unterbrochen wird. Zur Heimkehr durch den Gott Zeus (Sarah Franke im Gold-Overall) verdammt, irrlichtert er noch ein wenig durch den Hades, wo er auf tote Helden und seine ihn als gescheiterten Helden beschimpfende Mutter (Sólveig Arnarsdóttir) trifft. Was Odysseus zu Hause erwartet, verschwimmt im „Fog of War“. So gewaltig wie der Abend im ersten Teil begann, verflacht er im zweiten. Nicht nur dramaturgisch ist das Ganze schlecht gebaut, auch im Spiel ist diese Inszenierung gescheitert. Der Mythos der der Volksbühne-Vorgänger ist wohl immer noch zu stark.

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Zuerst erschienen am 16.09.2019 auf Kultura-Extra.

EINE ODYSSEE (Volksbühne Berlin, 14.09.2019)
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne: Daniel Angermayr
Kostüme: Karen Briem
Musik: Gabriel Cazes
Choreografie: Laura Witzleben
Assistenz und Übersetzung: Damiàn Dlaboha
Video: Voxi Bärenklau und Nanna MBS
Licht: Kevin Sock
Dramaturgie: Degna Martens
Mit: Sólveig Arnarsdóttir, Johanna Bantzer, Sarah Franke, Claudio Gatzke, Jella Haase, Robert Kuchenbuch, Daniel Nerlich, Silvia Rieger, Sarah Maria Sander, Nils Strunk und Theo Trebs sowie den MusikerInnen Gabriel Cazes, Damiàn Diaboha und Sir Henry als auch der Tänzerin Laura Witzleben
Premiere war am 12. September 2019.
Weitere Termine: 21., 22.09.2019

Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin

20:13 16.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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