Germania

Premierenkritik An der Berliner Volksbühne zeigt Claudia Bauer einen bild- und tongewaltigen Szenenreigen nach den zwei pessimistischen Stücken Heiner Müllers zur deutschen Geschichte
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Chorisches Textdonnerwetter, Sportveranstaltung, Opernabend, oder doch lieber Zirzensisches - Claudia Bauer hat von allem etwas im Programm ihrer bild- und tongewaltigen Germania-Inszenierung nach Heiner Müller, die am 17. Oktober in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Premiere feierte. Selbst die „Rote Rosa“ tritt da in Müllers großem deutschen Geschichtspanorama auf. Und groß soll es auch bei Bauer sein, da steht sie ihren männlichen Kollegen Thorleifur Örn Arnarsson und Kay Voges, die mit Eine Odyssee und Don’t be evil vor ihr ran durften, in nichts nach.

Als Ouvertüre gibt es eine „Ode an die Preußen“, vorgetragen von den Opernsängerinnen Friederike Harmsen, Rowan Hellier und Narine Yeghiyan, die von einem ganzen Live-Orchester auf der Bühne unter der Leitung von Mark Scheibe, der auch die Musik komponiert hat, begleitet werden. Und einen Männergesangschor gibt es auch noch. „Germania“ wird geschmettert und animierte Soldaten marschieren auf einer Videoleinwand, die über einem mehrstöckigen Bühnenbau schwebt. Rebecca Riedel zeigt darauf im Schnelldurchlauf die Köpfe und Mythen, um die sich die kurzen Szenenfolgen der beiden Heiner-Müller-Stücke mit dem Thema Germania, die Geburt einer Nation aus dem Geiste des Krieges, drehen.

Germania Tod in Berlin hatte Müller bereits 1956 begonnen, aber erst 1971 abgeschlossen. Germania 3 - Gespenster am Toten Mann ist Müllers letztes Stück, vollendet 1995 im Jahr seines Todes. Heiner Müllers großes Vermächtnis also. „Ich will seit langem das Stück schreiben, das in Stalingrad anfängt und mit dem Fall der Mauer aufhört. Man muß solche gigantomanen Pläne gerade jetzt haben. Im Moment ist ja das Schlimme, daß es nur noch Zeit oder Geschwindigkeit oder Verlauf von Zeit gibt, aber keinen Raum mehr. Man muß jetzt Räume schaffen und besetzen gegen diese Beschleunigung.“ schreibt Müller mit Sicht auf die Wiedervereinigung über sein Stück. Das ist durchaus aktuell und auch heute wieder notwendig, wenn andere es mit ihren Mythendeutungen tun.

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Die deutsche Teilung beginnt bei Müller nicht erst mit der Berliner Mauer, obwohl auch die bei ihm explizit eine Rolle spielt. Der Riss zeigt sich hier bereits im Teutoburger Wald, wenn Arminius den Speer gegen den Bruder und Verräter Flavus erhebt. Zum Verständnis der Geschichte, die in Müllers Stücken springt und nicht für jeden gleich klar erkennbar abläuft, gibt es einen Zeitplan der Ereignisse im Programmheft, ansonsten empfiehlt es sich natürlich immer, Müller mal wieder zu lesen. Claudia Bauer hat Müllers Szenenfolgen auseinandergenommen und neu wieder zusammengefügt. Ein geschicktes Textsampling, das erstaunlich nahe am Autor bleibt. Ein theatraler Remix, zu dem die Regisseurin in gewohnter Manier Live-Videoaufnahmen, Live-Musik und Chorische Passagen mischt.

Germania als szenische Collage, die hier von Preußen über das Ende des Ersten Weltkriegs zur Gründung der DDR mit dem Bauarbeiter der Stalinallee springt und über Stalingrad zurück zu Stalin selbst und Hitler, den beiden Massenmördern vereint im Bade. Als Clownsnummer ist die Szene Brandenburgisches Konzert 1 schon bei Müller angelegt. Peter Jordan als Friedrich der Große und Sebastian Grünewald als Müller von Potsdam streiten hier im Stile Weißclown und dummer August darüber, dass den Alten Fritz das Klappern der Mühle beim Regieren und Flötespielen stört. Ein grotesk überspitztes Sado-Maso-Spielchen, in dem es auch um Fantasie und Vorstellung geht. Dazu erklingt Zirkusmusik und werden Schläge akustisch verstärkt eingespielt.

Dagegen schneidet Bauer dann Kneipen- und Straßenszenen mit Hilse, dem ewigen Bauarbeiter der Stalinallee (Emma Rönnebeck), die sich im Inneren des aufgeständerten Plattenbaus (Bühne: Andreas Auerbach) abspielen und auf die Hauswand übertragen werden. Schwarz-Weiß wird es dann, wenn sich zwei Skelettpuppen im Kessel von Stalingrad über einen Neuankömmling mit Babyface und Stahlhelm hermachen. Frischfleisch für den Krieg Hitlers, der mit seiner Scheiße Schlachtpläne an die Klowand schmiert und über die Asche der Juden, die die Ketten seiner Panzer beschwert, sinniert. Katja Gaudard und Malick Bauer geben das Diktatorenpaar Hitler und Stalin, die sich blutbesudelt in der Wanne wälzen. Da meint man sich für Minuten in einer Inszenierung von Frank Castorf, wenn sich die Regisseurin auch im Programmheft mit der Erwähnung einer abfälligen Äußerung des ehemaligen Volksbühnenintendanten über Frauenfußball und den mit Nummern versehenen, knallbunten Ballett-Röckchen-Kostümen klar gegen das einstige Vorbild positioniert.

Schnell ist die Inszenierung aber wieder beim Klamauk angelangt, wenn die mit Schwert, Helm und afrikanischen Schilden bewaffneten Nibelungen in einer quietschenden Lore über die Bühne geschoben werden und Kriemhild (Paula Kober) mit einer Gehilfe aus dem Hintergrund erscheint. Germanias Mythos als ewiger feuchter Traum aus gegenseitigem Todschlag und Masturbation. In der Szene Heilige Familie treten die Puppenskelette als Hitler und schwangerer Göbbels auf, der im Beisein der drei Heiligen mit Fahnen der drei westlichen Siegermächte den Contergan-Wolf BRD gebiert. Das sind starke und sicher auch heute noch verstörende Momente. Aber der Regisseurin gelingen insgesamt zu wenige dieser oft so fantastischen Bauer-Momente, wie man sie aus anderen Inszenierungen von ihr kennt. Der kroatische SS-Mann (Mathis Reinhardt) erschlägt auch hier nackt wie bei Müller die drei deutschen Offizierswitwen mit der Axt und tänzelt über zum Gastarbeiter, der seine Familie in der Heimat umbringt und mit Schlips und Anzug nach Deutschland zurückkehrt.

So folgt Szene auf Szene in einem mal verstörenden mal komödiantisch überbordenden Bilderreigen, in dem fast nur noch die Brechtwitwen fehlen. Germania zwischen deutschem Gruselkabinett und Komödienstadl. Müllers Verarbeitung eines Spiegelartikels über den AIDS-Virus kommt hier wie eine Konzeptionsprobe auf dem Sofa daher. Als aufgeblasene grüne Viren, die mit Bärten auch wie Gartenzwerge aussehen, feiert das Ensemble die Party beim Architekten der keine Arbeiterschließfächer mehr bauen will. Zur Nächtlichen Heerschau sinnieren Thälmann und Ulbricht als Skelette über die Mauer als Mausoleum des deutschen Sozialismus. Und nach dem Rosa Riesen aus Germania 3 hängt Bauer noch Nachtstück aus Tod in Berlin hinten an. Das ist noch mal ein tolles Stück surreales Puppentheater. Der Schrei, der aus dem Mund der gliederlosen Menschenpuppe entsteht, will sich aber nicht so recht auf das nach fast 3 Stunden ermattete Publikum übertragen. Fast schon wie ein sich nicht fügen wollendes Puzzle verhält sich Müllers erratischer Text, den man ästhetisch eben als ein solches nehmen, oder sich noch konsequenter von ihm emanzipieren muss. Am Ende heißt es da wieder nur: „Dunkel ist das Weltall“ und die Welt ein Schlachthaus.

Germania
nach Heiner Müller
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Patricia Talacko
Licht: Hans-Hermann Schulze
Musik: Mark Scheibe
Korrepetition: Hans-Jürgen Osmers
Video: Rebecca Riedel
Dramaturgie: Stephan Wetzel
Mit: Malick Bauer, Katja Gaudard, Sebastian Grünewald, Peter Jordan, Amal Keller, Paula Kober, Mathis Reinhardt und Emma Rönnebeck; sowie Sebastian Ryser, Lina Mareike Wolfram, Zenghao Yang (Puppenspieler*innen), Friederike Harmsen, Rowan Hellier, Narine Yeghiyan (Sängerinnen), Chor, Mark Scheibe und Orchester
Die Premiere war am 17.10.2019 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Termine: 31.10. / 11., 16.11.2019

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de

15:17 19.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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