Gezeichnete Stadt

Ausstellung Die Berlinische Galerie präsentiert ihre Arbeiten auf Papier zur Großstadt Berlin von 1945 bis heute
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Ein junger Mann blickt durch ein Loch in der Berliner Mauer kurz nach dem Mauerfall, 31. Dezember 1989
Ein junger Mann blickt durch ein Loch in der Berliner Mauer kurz nach dem Mauerfall, 31. Dezember 1989

Foto: Steve Eason/Hulton Archive/Getty Images

Was man für gewöhnlich nur im Kleinen im Kupferstichkabinett des Berliner Kulturforums zu sehen bekommt, ist nun Thema einer großen Schau der BERLINISCHEN GALERIE in der Alten Jakobstraße. Arbeiten auf Papier heißt im Untertitel eine Ausstellung, die Berlin als Gezeichnete Stadt vorstellt. Und das kann man ruhig im doppelten Wortsinn verstehen. Berlin von 1945 bis heute. Ein Berlinbild der jeweiligen Zeit, gezeichnet von der Geschichte und in über 175 Werken von 69 KünstlerInnen. Es überwiegen natürlich die Zeichnungen in allen Formaten. Aber auch andere Techniken auf Papier wie etwa Aquarelle, Druckgrafiken, Collagen oder fotografische Arbeiten sind zu sehen.

Ihnen allen gemein ist also der Berlinbezug, direkter oder indirekter Art. Annelie Lütgens, Ausstellungskuratorin und Leiterin der Grafischen Sammlung der Berlinischen Galerie, hat die Schau in 6 Themenabschnitte unterteilt, was sicher naheliegt, aber für langjährige BerlinerInnen nicht immer unbedingt Neues birgt. Das Problem von Grafikausstellungen ist bekanntlich die Kleinformatigkeit, die einen schnell ermüden lässt. Für Interessierte ist der Gang durch die Gezeichnete Stadt aber dennoch lohnend, zumal diese Breite an Papierarbeiten mit Berlinbezug in der Dauerausstellung selten zu sehen sein dürfte. In den Beständen der Berlinischen Galerie befinden sich auch Werke aus Privatsammlungen wie die des Unternehmers Gernot Ernst, einem langjährigen Kenner und Sammler von Berliner Druckgrafik, der sich dabei besonders auf den Osten der Stadt spezialisiert hatte, oder von Günther Habermann, der Grafiken von KünstlerInnen aus dem Westteil Berlins bevorzugte.

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Womit wir auch beim nicht unerhebliches Dilemma deutsch-deutscher Geschichte wären, der Teilung der Stadt und Deutschlands insgesamt nach dem Zweiten Weltkrieg, die 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer für 28 Jahre zementiert wurde. Doch zunächst sieht man Berlin in Trümmern. Spezialist dafür war der Maler und Grafiker Werner Heldt, einer der Fixsterne der Berlinischen Galerie, dessen minimalistische Tuschefederzeichnungen von Trümmern und Häuserstillleben die Nachkriegsmoderne einläuteten. In dessen Fahrwasser sahen Robert Rehfeldt und Wolfgang Leber die geteilte Stadt von der anderen Seite ebenso Grau in Grau. Recht abstrakt dagegen sind die Blätter mit farbigen Übermalungen von Fotos und Zeitschriftenseiten Emilio Vedovas, die der Venezianer bei einem Berlin-Aufenthalt in den 1963 Jahren schuf und Absurdes Berliner Tagebuch nannte.

Ein weiterer Farbtupfer ist die hoffnungsvollere Farblithografie des Kennedy-Besuchs in Berlin von Thomas Bayrle. Der neue Wilde Rainer Fetting aquarellierte einen männlichen Akt vor der Mauer, während sein Lehrer K. H. Hödicke abstrakte Mauerblümchen auf Zeichenkarton blühen ließ. Die Mauer ist in den Werken West-Berliner KünstlerInnen allgegenwärtig. Der Fluxuskünstler Wolf Vostell übermalte Fotos von ihr mit einem Betonstuhl als Sprungschanze oder Flugpiste. In Ostberlin radierte Günter Blendiger Ende der 1980er Jahre verwaiste Plätze vor sozialistischer Architektur und die Parteizentrale auf der Fischerinsel, 1989 dann schließlich die geöffnete Mauer.

Der Weg zur modernen Großstadt, die in diesem Jahr ihr Jubiläum als Groß-Berlin in der Zusammenlegung von ehemals eigenständigen Stadtteilen vor 100 Jahren begeht, verlief in Ost- und West-Berlin zwar politisch und ideologisch unterschiedlich, an der jeweiligen Physiognomie der Stadt und in den Bildern der KünstlerInnen lassen sich aber durchaus einige Parallelen erkennen. Und so ist nicht nur, wie es immer wieder hartnäckig heißt, der Osten grau und trostlos, auch die Kiezbilder aus dem Westen zeigen leere Straßen und die immer gleichen Hinterhöfe und Häuserzeilen. Kreuzberg ähnelte das sehr dem Prenzlauer Berg. Urbane Biotope oder moderne Veduten des Verfalls, wie in Norbert Behrends Radierung Straßenende mit Mauerausguck. Friedrich-Wilhelm Fretwurst radierte Bauzaunidyllen im Osten der Stadt, der Dresdner Wahl-Ost-Berliner Dieter Goltzsche ein Altes Berlin (zum Hackeschen Markt). Auf Antje Fretwurst-Colbergs Aquatintaradierungen sieht man 1980 den Rosenthaler Platz und den Lichtenberger Gasometer. Verschwundene Architektur neben verschwundenen Straßennamen wie den der Klement-Gottwald-Allee in Weißensee.

Andere künstlerisch nicht unbedeutende Zeitzeugen der Stadt wie etwa der Ost-Berliner Grafiker und aufmüpfige Plakatkünstler Manfred Butzmann oder der West-Berliner Malerpoet Kurt Mühlenhaupt fehlen leider. Den Holzschnitten Mühlenhaupts mit Berliner Typen kommen noch die farbigen Portraits im Comicstil von Heike Kati Barath am nächsten. An Egmont Schaefer mit seinen Aquarellen von belebten Straßenszenen ist gar ein halber Zille verloren gegangen. Dem Berliner Großstadtpersonal ist hier eine weitere Abteilung der Ausstellung gewidmet. Gleich im Eingang zum separaten Raum empfängt einen die großformatige Papierarbeit Standbein-Spielbein des 1945 in Radebeul geborenen Malers und Graphikers Klaus Vogelgesang. Er gehörte ab den 1970er Jahren zur dem Kritischen Realismus verpflichteten West-Berliner Künstlergruppe „Aspekt“. Der aus Süddeutschland stammende Maler und Graphiker Walter Stöhrer, ab den 1980er Jahren Professor an der HdK (jetzt UdK), ist hier mit seiner abstrakt-expressionistischen Serie Trottoir-Kinder zu sehen. Weitere bekannte KünstlerInnen sind der seit den 1950er Jahren in Berlin lebende, aus Syrien stammende Maler Marwan, die Mitbegründerin des Verborgenen Museums Gisela Breitling oder die in der Nazizeit in Berlin versteckt lebende jüdische Künstlerin Gertrude Sandmann.

Was die 20er Jahre für die Weimarer Republik, waren die 80er für den Underground in West- und Ost-Berlin. Versteckte Bars, Kaschemmen und Musikclubs. Davon zeugen hier in der Ausstellung lediglich ein paar Ansichten von Lokalitäten in der Serie Babylonia des israelischen Künstlers Tal R, die der Popart entlehnten Fronten Berliner Kinos von Arved Dietrich oder die bunten Collagen von Mark Kubitzke. Zeitgenössische Positionen sind u.a. mit dem leider vor kurzem verstorbenen Maler Eberhardt Havekost, dem österreichischen Maler und Graphiker Bertram Hasenauer oder der Multimediakünstlerin Tacita Dean vertreten. Ihr Fotoserie Palast I aus dem Jahr 2005 zeigt verpixelte Nahaufnahmen des kurz vor dem Abriss stehenden Palast der Republik, in dessen Scheiben sich das preußische Berlin spiegelt, das nun mit der Schlossattrappe wieder auferstanden scheint. Das alles liegt wie immer im Auge des Betrachters. So schaut man auch mehr oder weniger interessiert über Architekturzeichnungen und Stadtpläne, die das Passagen-Werk des Berlin Flaneurs Walter Benjamin verorten. Für viel Erklärendes zu den Kunstwerken, KünstlerInnen oder Zeitbezügen bleibt kaum Platz in dieser doch recht umfangreichen Schau. Ein Konzept, dass leider nicht immer aufgeht.

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Zuerst erschienen am 23.08.2020 auf Kultura-Extra.

Gezeichnete Stadt - Arbeiten auf Papier 1945 bis heute
14.8.20 - 4.1.21
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124 - 128
10969 Berlin
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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