GOTT

Theater Am Berliner Ensemble inszeniert Intendant Oliver Reese das hölzerne Thesenstück von Ferdinand von Schirach zur Liberalisierung der Sterbehilfe
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Bettina Hoppe und Gerrit Jansen auf der Bühne des Berliner Ensembles

Foto: Matthias Horn/Berliner Ensemble

Im Februar hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot der aktiven ärztlichen sowie auch der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt und somit die autonome Selbstbestimmung Sterbewilliger gestärkt. Ein halbes Jahr später feiert schon das Theaterstück zum Urteil seine Uraufführung. Geschrieben hat es Ferdinand von Schirach, Jurist und Autor einiger Gerichtsfallbestseller. Gott ist nach Terror sein zweites Theaterstück. Der Uraufführungsregisseur ist wie vor fünf Jahren am Schauspiel Frankfurt Oliver Reese, nunmehr Intendant am Berliner Ensemble, wo die Premiere am 11. September auch über die Bühne ging. Reese äußerte sich in Interviews vor der Premiere ganz begeistert vom Urteilstext des Verfassungsgerichts. Aufgeführt hat er dann aber doch den Text von Ferdinand von Schirach, was die Sache nicht unbedingt besser macht.

Eigentlich ist das Urteil des Verfassungsgerichts von ziemlich großer Bedeutung, wenn auch entsprechend problembeladen, da es nun von Politikern in neue Regelungen und Gesetze zur Sterbehilfe umgewandelt werden muss. Meist geschieht dies unter Zurateziehung von Experten, deren Meinungen zum Thema auch weit auseinandergehen können. Autor von Schirach hat sich dazu eine öffentliche Sitzung des Ethikrats ausgedacht. Wie bereits im Stück Terror, das die Rechtmäßigkeit des Abschusses eines entführten Passierflugzeugs, das in ein vollbesetztes Fußballstadion steuert, verhandelte, gefällt dem Juristen von Schirach auch hier das Gerichtssetting. Jedenfalls ist sein neues Stück wie eine Art Kreuzverhör aufgebaut. Einen konkreten Beispielfall als Ausgangslage gibt es auch, obwohl es ihn nicht zwingend bedürfte. In der Inszenierung am Berliner Ensemble will eine 78jährige, kerngesunde Frau (Josefin Platt) aus freien Stücken sterben, da sie nach dem Krebstod ihres Manns keinen Sinn mehr im Leben sieht. Ihre Ärztin (Christine Schönfeld) möchte ihre aus ethischen Gründen nicht helfen, und auch das Bundesinstitut für Arzneimittel verweigert die dafür notwendigen Barbiturate. Das ist der eigentliche Konflikt, dass ein Sterbewilliger zwar Hilfe zum Suizid in Anspruch nehmen darf, sie ihm aber keiner gewähren will.

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Also eine Entscheidung zwischen Recht und Moral, oder auch Berufsethik der Ärzte, die nicht zu Erfüllungsgehilfen des Todes werden wollen. „Wem gehört unser Leben?“ fragt das Stück. Gott, dem Staat oder einem selbst? Als Rechtsbeistand der Betroffenen tritt ihr Anwalt (Martin Rentzsch) auf, der eigentliche Star diese Abends, da man in ihm unschwer den Autor erkennen kann, der es den Ethikratsmitgliedern (Bettina Hoppe und Gerrit Janssen als Vorsitzender) und sogenannten Sachverständigen mit hartnäckigen Einwänden und unbequemen Nachfragen nicht einfach macht. Als Sachverständige treten eine Verfassungsrechtlerin (Judith Engel), ein Mitglied der Ärztekammer (Ingo Hülsmann) und ein katholischer Bischoff (Veit Schubert) in den hölzernen Ring (Bühne: Hansjörg Hartung), um nacheinander in die Zange genommen zu werden.

Das klingt allerdings spannender als es dann wirklich ist, den hölzern sind zuweilen auch die Dialoge bzw. längeren Referate der Sachverständigen. Zuerst werden Ethikrat und Publikum lang und breit mit den verfassungsrechtlichen Grundlagen bekanntgemacht. Wobei es nicht nur um die Bedeutung des Gottesbezugs in der Präambel des Grundgesetzes geht, sondern auch um die Schutzbedürftigkeit des Lebens gegenüber der Autonomie und den Freiheitsrechten des Menschen. Ein Konfliktpotential, das auch in Coronazeiten oft bemüht wird. Ein Einblick in die Rechtspraxis liberalerer Nachbarländer rundet den wissenschaftlichen Vortrag ab. Spätestens bei den verschiedenen Arten des Suizids und der Suizidbeihilfe dürften aber einige aussteigen. Die Diskursarena wird zum Vorlesungssaal. Wer nicht steht und redet, sitzt rum und hört zu. Juristensprech eignet sich auch nur bedingt zur Entwicklung und Darreichung einer dramatischen Handlung, von der hier eh kaum die Rede sein kann.

Noch schlechter haben es der Mediziner und Geistliche getroffen. Nicht nur dass Ingo Hülsmann und Veit Schubert schlecht sitzende Perücken tragen müssen, während sie vom glänzenden Glatzkopf Martin Rentzsch juristisch und moralisch abrasiert werden, auch der Autor zeigt wenig Sympathie für die beiden Bedenkenträger in Sachen Sterbehilfe. Relativ süffisant und manieriert müssen sie ihre Phrasen vom Berufsethos und salbungsvollen Bibelsprüche zum Besten geben. Dem knöchernen Bischof wird hier in Sachen Moral wegen der bekannten Missbrauchsvorwürfe eh jegliche Glaubhaftigkeit abgesprochen. Viel ist von Dammbruch und ethischer Bankrotterklärung die Rede, auch die Euthanasie der Nazis und der Begriff „unwertes Leben“ werden bemüht. Dabei gerät der eigentlich betroffene Mensch, der in einem Schlusswort die Verweigerung des nötigen Medikaments für inhuman erklärt, fast in den Hintergrund. Was allerdings auch beabsichtigt sein könnte. Bevor sich das anwesende Publikum jedenfalls zu Tode langweilt, darf es am Ende über den Wunsch, ärztlich assistiert zu sterben, per Handzeichen abstimmen. Erwartet wird hier sicher ein mehrheitlich emotionales Pro, was in der Premiere auch der Fall war. Dass nicht nur mangels entsprechend spannender Dramaturgie auch mal gegensätzlich entschieden wird, was bei der besuchten Vorstellung für etwas Verwirrung beim Ethikrat sorgte, sollte nicht verwundern. Ebenso wenig wie die Ankündigung, dass von Schirachs Thesenstück bereits mit Starbesetzung verfilmt wird.

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Zuerst erschienen am 15.09.2020 auf Kultura-Extra.

GOTT (Berliner Ensemble, 13.09.2020)
Regie: Oliver Reese
Kostüme: Elina Schnizler
Bühne: Hansjörg Hartung
Dramaturgie: Tobias Kluge
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Ulrich Eh und Arnaud Poumarat
Bratsche: Simone Jandl
Besetzung:
Christine Schönfeld (als Brandt, Augenärztin)
Martin Rentzsch (als Biegler, Rechtsanwalt)
Bettina Hoppe (als Keller, Mitglied des Ethikrates)
Judith Engel (als Litten, Rechtsachverständige)
Ingo Hülsmann (als Sperling, medizinischer Sachverständiger)
Veit Schubert (als Thiel, theologischer Sachverständiger)
Gerrit Jansen (als Vorsitzender des Ethikrates)
Josefin Platt (als Elisabeth Gärtner)
Uraufführung war am 10. September 2020.
Weitere Termine: 25., 26., 27.09. / 13., 14., 15., 30. 31.10. / 01.11.2020

Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de/

23:40 15.09.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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