Gott ist nicht schüchtern

Premierenkritik Zum Spielzeitauftakt am Berliner Ensemble inszeniert Laura Linnenbaum eine recht deprimierende Romanadaption von Olga Grjasnowa
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Die Theaterregisseurin Laura Linnenbaum hat sich für ihre Inszenierung zum Spielzeitstart am Berliner Ensemble im eh schon schwierigen Corona-Jahr eine auch nicht gerade leichte Lektüre ausgesucht. Der Roman Gott ist nicht schüchtern der Schriftstellerin Olga Grjasnowa handelt von drei jungen Menschen in Syrien und begleitet sie von den Anfängen der Revolution im Jahr 2011 über die Jahre des Bürgerkriegs bis zur Flucht nach Deutschland. Grjasnowas vorherige Romane Der Russe ist einer, der Birken liebt und Die juristische Unschärfe einer Ehe wurden für die Bühne des Maxim Gorki Theater adaptiert. Beide behandeln den Verlust von Heimat und wie sich dieser auf die Beziehungen der ProtagonistInnen auswirkt. Am Gorki arbeitete auch ihr syrischer Ehemann Ayham Majid Agha als Schauspieler und Autor. Die Motive und Rechercheergebnisse zu ihrem letzten, 2017 erschienen Roman stammen also u.a. aus erster Hand.

Nun hat Grjasnowa in enger Zusammenarbeit mit dem Ensemble im Rahmen des Autorenprogramms am Berliner Ensemble selbst einen Theatertext aus ihrem Roman gemacht. Auch das sicher kein einfaches Unterfangen. Aufgebaut ist das Buch aus kurzen Kapiteln, die in einfachen Sätzen die Geschichte der Schauspielerin Amal, des Regiestudenten Youssef und des Schönheitschirurgen Hammoudi recht anschaulich erzählt. Die Zeit bescheinigte dem Buch allerdings in einer Rezension die „ästhetische Wucht eines Vorschlaghammers“. Die vielen Verhör- und Folterszenen rückten die Geschichte „unfreiwillig in die Nähe eines Gewaltpornos“. Und tatsächlich entwickelt sich mit zunehmender Drastik der Ereignisse eine fortschreitende Dramatik des Unbehagens, die sich von den drei ProtagonistInnen im Lauf der detailliert beschriebenen Grausamkeiten des Assad-Regimes bei der Bekämpfung der Demonstrationen und in den Geheimdienstzentralen auf die LeserInnen überträgt.

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Amal, Tochter eines reichen Vaters, der als Bauunternehmer Kontakte zu den Mächtigen hält, lebt zunächst recht unbeschwert in einer Eigentumswohnung in Damaskus. Sie hat viele Freunde und kocht sehr gern. Grjasnowa beschriebt dies anhand von Farben und Gerüchen auf dem Markt. Zunächst mehr aus Neugier geht sie zu den Demonstrationen für Reformen und mehr Freiheit. Dort lernt sie Youssef kennen, der aus einem nicht so begüterten Elternhaus stammt und dessen Vater bereits unangenehme Bekanntschaft mit dem Regime gemacht hat. Nach einer Vorladung, bei der Amal eindrücklich vor weiteren Aktivitäten gewarnt wird, folgt eine erste Verhaftung, aus der sie die Beziehungen des Vaters noch retten können. Aber auch Youssef erlebt Schreckliches im Gefängnis des Geheimdienstes. Nach ihrem Wiedertreffen in Beirut, beschließen beide über die Türkei nach Europa zu fliehen.

Syrien wird hier als autokratische und zutiefst korrupte Gesellschaft geschildert, in der nur die totale Unterordnung gewisse Möglichkeiten und Freiräume gewährt. Auch der aus Paris zur Verlängerung seines Passes nach Syrien kommende Hammoudi muss das erfahren. Sein Pass wird eingezogen, die Wiederausreise somit unmöglich gemacht. Schließlich gerät auch er in den Strudel der Ereignisse des Bürgerkriegs und baut in seiner zerstörten Heimatstadt Deir az-Zour ein Untergrundhospital auf, in dem er verwundete Zivilisten operiert. Die Zersplitterung der Opposition führt allerdings zum Erstarken islamistischer Kräfte. Nach wiederholten Machtwechseln von der freien syrischen Armee über die Al-Nusra-Front bis zum IS, deren Kämpfer Hammoudi ebenfalls gezwungenermaßen behandeln muss, wird er mit dem Tode bedroht und verlässt daraufhin fluchtartig das Land.

Eine Geschichte, die sich kaum in 100 Minuten auf der Bühne erzählen lässt. Grjasnowa hat daher die Romanhandlung auch drastisch gekürzt und die Ereignisse gestrafft. Gestrichen sind viele Nebenpersonen und auch das Geheimnis um Amals russische Mutter und die heimliche Nebenfamilie des Vaters. Gespielt wird zunächst vor dem Eisernen Vorhang, auf dem schon beim Einlass eine Videoarbeit von Jonas Englert zu sehen ist. Symbolische Geschichtsstunde mit den bewegten Bildern eines Reigens vom Händeschütteln berühmter Staatsmänner mit globalen Interessen von Kaiser Wilhelm über Adolf Hitler bis zu den arabischen, amerikanischen und europäischen Politikgrößen der Nachkriegszeit. Die Kolonialgeschichte der arabischen Welt und insbesondere Syrien als Spielball der Mächte im Kalten Krieg würde einen weiteren Dokutheaterabend spielend ausfüllen.

Daniel Roskamp hat eine hohe Plakatwand mit Assad-Propagandabild auf die Bühne gebaut. An dem Gerüst lässt sich gut klettern, an dem Plakat (in Syrien ist „Gott“ al-Assad allgegenwärtig) können sich die SpielerInnen austoben, es besprühen und wieder weiß übermalen. Viel mehr Aktion wird nicht geboten. Es bleibt meist beim Erzählen an der Rampe, wozu auch noch Mikrofone aufgestellt werden. Von der dritten Person des Romans wechselt man hier zur ersten. Cynthia Micas spielt durchweg sehr emotional die Rolle der Amal, Armin Wahedi den Joussef und Marc Oliver Schulze Hammoudi. Gelegentlich wechseln sie auch in kleinere Nebenrollen. Hammoudis Geschichte wird hier durch ständige Anrufe von ihm bei seiner französischen Freundin Claire geschildert. Den Vater Amals sowie die Stimmen der Macht und Bürokratie vom Polizisten, Botschaftsmitarbeiter, General und Geheimdienstschergen bis zum deutschen BAMF-Angestellten gibt Oliver Kraushaar.

Sehr plakativ und mit Symbolen arbeitend wirkt auch die Inszenierung von Laura Linnenbaum. Einmal kommt es nach einem Einbruch von Geheimdienstleuten in Amals Wohnung bedingt durch die ständige Gewalt und Demütigungen des sich sicher wähnenden Regimes zum emotionalen Ausbruch, wobei die Plakatwand von allen abgerissen wird. Die gelegentlich starke Nähe der ProtagonistInnen im Roman ist schon coronabedingt kaum darstellbar. Auch Gräueltaten und die dramatische Flucht übers Mittelmeer, bei der das Schiff sinkt und Amal ein Baby von einer syrischen Mutter rettet und nun für ihr eigenes ausgibt, kann nur erzählt werden. Die Ausweglosigkeit, die aufgezwungene Flucht und das Nicht-Ankommen in einem fremden Land mit neuen Problemen bleiben theatralische Behauptung. Hammoudis Tod nach einem Bombenanschlag im Asylbewerberheim in der deutschen Provinz ist nur eine anonyme Zeitungsnotiz. Ein nicht nur angesichts der momentan unveränderten Situation in Syrien recht deprimierender und hoffnungsarmer Theaterabend.

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Zuerst erschienen am 06.09.2020 auf Kultura-Extra.

GOTT IST NICHT SCHÜCHTERN (Berliner Ensemble, 04.09.2020)
Regie: Laura Linnenbaum
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Michaela Kratzer
Musik: Lothar Müller
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Video: Jonas Englert
Licht: Arnaud Poumarat
Mit: Oliver Kraushaar, Cynthia Micas, Marc Oliver Schulze und Armin Wahedi
Premiere war am 4. September 2020.
Weitere Termine: 06., 15., 16.09. / 17., 18.10.2020

Weitere Infos siehe auch: https://www.berliner-ensemble.de/

20:27 07.09.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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