Im Ratzenloch - Theodor Fontane in Sacrow

Ausstellung 12 KünstlerInnen gestalten 12 Räume im Schloss Sacrow mit ihren von der Lyrik des preußischen Dichters inspirierten Werken
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Der kleine Ort Sacrow, seit 1939 Gemeindeteil der Stadt Potsdam, hat eine bewegte Geschichte, und nicht erst seit dem Jahr 1961, ab dem die innerdeutsche Grenze direkt an der am Havelufer stehenden Heilandskirche verlief. Etwas im Schatten des bekannteren Schlosses Glienicke am anderen Havelufer steht unweit der Heilandskirche das Schloss Sacrow, entstanden aus dem ehemaligen Herrenhaus eines alten Ritterguts. Es hatte viele Besitzer u.a. von 1779 bis 1781 die Familie de la Motte Fouqué, deren Sohn Friedrich, Dichter des bekannten Kunstmärchens Undine, dort Teile seiner Kindheit verbrachte. 1840 kaufte Friedrich Wilhelm IV. das Gut Sacrow vom Berliner Bankier Magnus und ließ es zum Schloss umbauen. Den Park darum gestaltete der preußische Landschaftsarchitekt Peter Josef Lenné.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war ein Erholungsheim für Verfolgte des Naziregimes (VVN) im Schloss untergebracht. Noch in den 1950er Jahren urlaubte hier sogar mal die bekannte DDR-Schriftstellerinnen Brigitte Reimann, bis nach dem Bau der Mauer die Zoll- und Grenzbehörden der DDR eine Ausbildungsstätte für Spürhunde im Schloss einrichteten. 1993 übernahm die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten das Schloß Sacrow, um dort ein Museum einzurichten. Aber erst seit 2003 werden in Zusammenarbeit mit dem Verein für Förderung des Kulturerbes in Potsdam-Sacrow „Ars Sacrow“ e.V. regelmäßig Ausstellungen ausgerichtet. So fand hier 2007 mit der Schau Alles am Fluss: „Drei Farben - Weiß“ der Rohkunstbau ein kurzzeitiges Domizil, bis die bekannte Ausstellungsreihe zeitgenössischer Kunst nach Potsdam und Schloss Marquard weiterzog.

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In diesem Jahr gibt es zwar den Rohkunstbau nicht mehr, dafür aber eine durchaus ebenbürtige Gruppen-Ausstellung mit 12 KünstlerInnen, die sich passend zum Fontane-Jahr von Gedichten und Balladen des preußischen Dichters zu ihren Werken inspirieren ließen. In seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg lässt Fontane einen nicht näher bekannten havelländischen Landgeistlichen von Sacrow als einem „Ratzenloch“ sprechen. Das war allerdings um 1750, und heute ist das Schloss durchaus wieder ganz ansehnlich, verglichen etwa mit der Zeit des langwierigen Umbaus nach der Wende. Trotzdem haben sich die Kuratoren diesen derben Vergleich als Titel ihrer Schau zu Fontanes lyrischem Werk gewählt: IM RATZENLOCH - Theodor Fontane in Sacrow. 12 Räume 12 Künstler 12 Gedichte - was nicht ganz stimmt, denn Die Havelschwäne aus den Wanderungen sind zwar zugegeben recht poetisch, aber eben doch ein Prosatext, dem nur ein paar Verse von Goethe aus Lilis Park vorangestellt sind. Holzbildhauer Peer Oliver Nau hat passend für das Kaminzimmer im Erdgeschoss eine Schar Schwäne und eine Fontane lesende junge Frau geschaffen. Und auch im Park hinter dem Schloss trifft man auf die „majestätischen“ Havelvögel in Holz.

Das Besondere der Ausstellung ist aber nicht nur das Zusammenspiel von Wort und Bild, sondern auch der akustisch wahrnehmbare Ton. Man kann sich beim Betrachten der Werke in den einzelnen Räumen auch den jeweiligen Fontane-Text vorlesen lassen. Dazu sind entsprechende Abspielgeräte vorhanden, an den man auch selbst die Lautstärke regeln kann. Im Raum mit den Emaille-Skulpturen von Moritz Götze zu Fontanes Gedicht Der alte Zieten gibt es sogar einen alten DDR-Schallplattenspieler, den man selbst in Gang setzen muss. Der Raum wirkt ansonsten recht preußisch, wie auch die Ode an den Husarengeneral. Nur hat der Künstler auch ein paar Warhol-Dosen mit „German-Zieten-Soup“ an die Wand gehängt. Die Art patriotischer Lobeshymnen dichtete Fontane recht häufig. Ganz ähnlich das Gedicht Der Subalterne nach dem Motto: „Das Bißchen Deutschland zusammenzuschweißen“, wozu Serkan Sarier höhnisch grinsende Fratzen-Gesichter gemalt hat. Recht naiv wirkt dagegen Peter Herrmanns Gasthaus-Bild zum Fontane-Denkspruch "Die Ehre dieser Welt".

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Aber auch Besinnlicheres oder gar Neckisches kam aus Fontanes Feder. Wie die von ihm umgedichtete Zählreim-Ballade Der Bauer schickt den Jockel aus, der nicht nach Hause kommt und von Hund, Feuer, Wasser, Tod und Teufel geholt werden soll. Jörg Mandernach zeigt dazu ein Video mit animierten Papierschnitten und lässt im eigenen Text den Jockel wohl auch inspiriert vom geschichtsträchtigen Ort von der Lüge beißen und eine Mauer bauen. Die deutsche Geschichte ist auch Thema im Raum der Künstlerin sibylle von preussen, die mit alten Fotos, Textcollagen und Kinderstuhl Fontanes Gedicht Beutst du dem Geiste seine Nahrung illustriert. Mit den sich unausweichlich immer enger ziehenden Lebenskreisen beschäftigt sich das Gedicht Der Ausgang. Katrin von Lehmann hat dazu gewölbte Papierblätter mit wirren Bleistiftlinien an die Decke ihres Raumes gehängt. Zum düsteren Gedicht Die Blumen des Waldes (Nach der Schlacht von Flodden) sieht man in ebenso düster-magische Fotoarbeiten von Tina Winkhaus.

Wesentlich freundlicher sind da die Verse von Fontanes Gedicht Im Garten, zu dem im Salon im Erdgeschoss die großen Blumengemälde von Anna Vonnemann zu bewundern sind. Natürlich dürfen auch so bekannte Balladen wie John Maynard, zu der Rainer Ehrt einen comicartigen Wandbehang geschaffen hat, oder Die Brück‘ am Tay mit mystischen Portraitköpfen von Karen Bartram nicht fehlen. Zum Klassiker Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland zeigt Grita Götze farbige Keramik und selbstredend eine Apfelbaum. Man kann diese Werke auch käuflich erwerben - oder einfach nur Räume, Kunstwerke, Gedichte und die brandenburgische Natur im Freien genießen.

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Sacrow ist erreichbar mit dem Auto von Berlin über die B2 von Spandau oder über die B1 von Wannsee aus in Richtung Glienicker Brücke nach Potsdam. Es fahren auch Busse von Berlin-Kladow und Wanssee. Ein Wassertaxi setzt über vom Schlosspark Glienicke zur Heilandskirche in Sacrow. Natürlich kann man das alles auch mit dem Fahrrad bewältigen.

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Zurerst erschienen am 23.08.2019 auf Kultura-Extra.

IM RATZENLOCH
Theodor Fontane im Schloss Sacrow
12 Räume 12 Künstler 12 Gedichte
Ton - Bild - Wort - Zeichen
20. Juli 2019 - 22. September 2019
Schloss Sacrow
Krampnitzer Straße 33
14469 Potsdam
18:48 23.08.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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