IM WESTEN NICHTS NEUES

Premierenkritik Am Staatsschauspiel Dresden inszeniert Mina Salehpour eine Adaption von Erich Maria Remarques Antikriegsroman fast ausschließlich im Halbdunkel
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In über 50 Sprachen übersetzt und mehr als 20 Millionen Mal verkauft ist Im Westen nichts Neues eines der bis heute weltweit meistgelesenen Bücher. Der Roman über die Erlebnisse einer Gruppe von jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg machte seinen Autor Erich Maria Remarque 1928 fast über Nacht berühmt. 2018 jährte sich das Ende dieser sogenannten „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, die etwa 17 Millionen Menschen das Leben kostete, zum einhundertsten Mal. Im Westen nichts Neues wird heute als erster Antikriegsroman wahrgenommen, obwohl der Autor in sehr nüchternen Worten, aber eben auch sehr eindrücklich die Gespräche der Soldaten und den Alltag an der Front beschreibt.

Seit 2014, dem hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, hat es Remarques Roman wieder verstärkt auf deutschsprachige Bühnen geschafft, u.a. in Luc Percevals musikalischem Bühnenrequiem Front am Thalia Theater Hamburg, einer düsteren Text-Collage aus Remarques Im Westen nicht Neues, Henri Barbusses Roman Das Feuer und weiteren Zeitdokumenten aus dem Ersten Weltkrieg. Eine durchaus gelungene Möglichkeit der Darstellung von Kriegsleid und Grauen.

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Nicht unähnlich geht auch Regisseurin Mina Salehpour in ihrer Bühnenadaption für das Staatsschauspiel Dresden vor. Der Sound ist hier ein andauerndes unangenehmes Hintergrundrauschen, das sich gelegentlich zu Granatengeheul verdichtet. Ansonsten ist die Bühne im Kleinen Haus 1 zunächst dunkel. Die fünf DarstellerInnen Lisa Natalie Arnold, Denis Geyersbach, Henriette Hölzel, Holger Hübner und Daniel Séjourné funzeln mit Feuerzeugen und zünden sich Zigaretten an, eine wichtige Währung für Soldaten im Feld. Man sieht sie nicht, nur ihre glimmenden Zigarettenspitzen, die vor den Soldaten beim Exerzieren wippen. Salehpour umgeht so geschickt das Problem der Darstellbarkeit von Krieg, der zumeist weit weg von Europa uns heute nur aus Filmen oder in TV-Bildern bekannt ist. Was bleibt, ist Remarques Text, der so ganz allein für sich spricht.

Die SpielerInnen, zunächst ganz nackt, stehen im Wasser und berichten vom Essenfassen nach dem Fronteinsatz der Kompanie, von dem nur 80 der 150 Mann zurückgekehrt sind. Endlich mal wieder satt werden, ist das einzige, woran sie denken können. Der Mensch reduziert auf die Minimalbedürfnisse. Durch Drill alles Individuelle ausgetrieben, lernt der Soldat zu überleben, weiß aber auch den Zufall zu schätzen. Es sind die bekannten Episoden aus Remarques Roman, die hier in kurzen Spotlights schemenhaft aufflackern. Mühsam gewöhnen sich die Augen an das Dunkel. So will die Regie dem Drang bloßer Bebilderung entgehen und schafft dabei trotzdem eindrückliche Szenen.

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Es gibt keine festen Rollenzuschreibungen. Der 19jährige Erzähler Paul Bäumer, seine Kameraden Detering, Kat, Kantorek, Kemmerich, Tjaden und Westhus werden wechselnd von allen gesprochen. Verwendet wird eine gekürzte Fassung von Kerstin Behrens und Lars Ole Warbung. Einige zentrale Szenen, wie der Lazarettbesuch beim sterbenden Kantorek, dem ein Bein amputiert wurde und dessen Stiefel Kemmerich haben will, das Braten einer Gans unter Beschuss in einem verlassen Dorf mit ein paar fliegenden Federn oder das einschneidende Erlebnis Bäumers im Granattrichter, bei dem er einen französischen Soldaten tötet, werden länger auserzählt, andere nur gestreift. Das erinnert in der recht sparsamen Inszenierung, bei der zum „Schanzen“ einfach zu Blechdeckeln gegriffen und nur einmal ausgelassen beim Kartoffelpufferessen auf Fronturlaub auf einem mit Luft gefüllten Foliensack geturnt wird, hin und wieder an eine szenische Lesung.

Nur selten wird der Blick an die Rückwand auf ein Regal aus aneinandergereihten Feldbetten frei. Das Leid der nackten Kreatur in dunkler Zeit, auf die sich am Ende noch das Bühnenportal senkt und die DarstellerInnen auf die Knie zwingt. Zentraler Satz ins Dunkle gesprochen ist wohl: „Was würde ich tun, wenn jetzt Frieden wäre?“ Das Dilemma der vielbeschriebenen verlorenen Generation jener Zeit, die in einem Krieg und für Ziele, die nicht die ihren sind, verheizt wird. Am Ende fällt die Rückwand, und ein Saxofon-Quartett, bestehend aus Schülern des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik, spielt ein Requiem. Den Bezug zur heutigen Zeit, in der nationalistische Politiker der AfD deutsche Kriegsschuld für einen Fliegenschiss in der Geschichte halten, wird wohl jeder abstrahieren können.

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Zuerst erschienen am 12.01.2020 auf Kultura-Extra.

IM WESTEN NICHTS NEUES (Kleines Haus 1, 11.01.2020)
nach dem Roman von Erich Maria Remarque
unter Verwendung einer Fassung von Kerstin Behrens und Lars Ole Walburg
Regie: Mina Salehpour
Bühne: Andrea Wagner
Kostüme: Maria Anderski
Musik: Sandro Tajouri
Licht: Richard Messerschmidt
Dramaturgie: Angela Osthoff und Katrin Schmitz
Mit: Lisa Natalie Arnold, Denis Geyersbach, Henriette Hölzel, Holger Hübner und Daniel Séjourné sowie dem Saxophon-Quartett mit Johannes Böttcher, Ferdinand Hase, Daniel Mäder und Richard Plate
Premiere am Staatsschauspiel Dresden: 11. Januar 2020
Weitere Termine: 15., 28.01. / 08., 21.02.2020

Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsschauspiel-dresden.de/

23:39 13.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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