Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND

Premierenkritik An der Berliner Volksbühne konfrontiert Lucia Bihler Euripides und Goethe mit popfeministischen Texten von Stefanie Sargnagel
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Iphigenie auf Tauris gehört zum klassischen deutschen Dramenkanon. Goethes Stück über die vom griechischen Opfertisch auf die Barbareninsel Tauris als Priesterin der Göttin Artemis Entrückte wird bis heute als großes Werk des Humanismus verklärt. Das Schicksal der Agamemnon-Tochter beginnt aber bereits in der Hafenstadt Aulis, wo sie dem griechischen Heer als Opfergabe für guten Wind auf der Fahrt nach Troja dienen soll. Iphigenie in Aulis heißt die griechische Tragödie von Euripides. Der Griechen Heerführer Agamemnon soll auf Geheiß des Sehers Kalchas seine Tochter opfern, um die Göttin Artemis zu besänftigen. Iphigenie ist bereits auf dem Weg nach Aulis, im Glauben sich dort mit dem griechischen Helden Achilleus zu verloben. Eine List des Odysseus. Gewissensbisse veranlassen Agamemnon aber einen Brief an Iphigenie zu verfassen, um sie zu warnen. Dieser Brief wird von Menelaos, den Bruder Agamemnons und Gatten der abtrünnigen Helena, abgefangen. Es entspinnt sich ein Streit um den Grund der Fahrt nach Troja, während Iphigenie bereits auf Aulis eintrifft. Nach einigem Hin und Her fügt sich Iphigenie schließlich in ihr Schicksal und übernimmt bereitwillig die Opferrolle als ihren vorbestimmten Beitrag zum Sieg der Griechen über Troja.

Das ist gerade aus feministischer Sicht so heute kaum noch vermittelbar. Die Frau als Spielball von Männerinteressen ist aber gängige Praxis in vielen klassischen Theaterstücken. Man denke nur an Ophelia. Am Ende liegen die Frauen meist tot auf dem Bühnenboden, während die Männer ihre Monologe an der Rampe halten. Diese Rolle haben nicht nur viele Schauspielrinnen satt, auch die junge Regisseurin Lucia Bihler, für die zwei Spielzeiten unter Intendant Klaus Dörr Hausregisseurin und Mitglied der künstlerischen Leitung der Berliner Volksbühne, sieht das so und will zusammen mit der Schauspielerin Teresa Schergaut (Final Fantasy im 3. Stock) der männlichen Perspektive etwas entgegensetzen. Noch recht klassisch in moderner Übersetzung des Dramatikers Soeren Voima kommt die Iphigenie nach Euripides daher. Goethe wird dagegen im zweiten Teil in Aulis komplett entsorgt und durch Texte der österreichischen Bloggerin, Autorin und Popfeministin Stefanie Sargnagel ersetzt.

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Bihler arbeitet in ihrer ersten Inszenierung auf der großen Bühne mit einem rein weiblichen Ensemble. Ausstatterin Leonie Falke hat die Darstellerinnen in pastellfarbene Kostüme gesteckt und ihnen Schafs- und Rinderhörner und -ohren verpasst. Die Hosenrollen spielen Ex-DT-Schauspielerin Susanne Wolff (Agamemnon), Emma Rönnebeck (Menelaos) und Teresa Schergaut gibt den listenreichen Odysseus. Seher Kalchas und Held Achilleus sind gestrichen. Dafür gibt es noch ein Live-Musikerinnen-Trio (Silke Eberhard, Anke Lucks, Lizzy Scharnofske), das unter einem offenen griechischen Rundtempel (Bühnenbild: Jana Wassong) nach Wahl einer Jukebox Popklassiker von Madonna (Like a Virgin) bis Tom Jones (Sexbomb) verjazzt. Als fahnenschwingender Chor und in der Rolle der Totengöttin Hekate (eine Übernahme aus Gerhart Hauptmanns Iphigenie-Drama) fungieren Jella Haase und Amal Keller.

Sehr viel ist vom Euripidesdrama nicht übrig geblieben. Wolff und Rönnebeck verhampeln ihre Hosenrollen zu Männer-Karikaturen vom Macho bis zum Jammerlappen. Sehr viel außer Trompeteblasen hat Schergauts Odysseus auch nicht zu tun. Zu sehen sind ein bisschen choreografiertes Fußballspielen mit dem zerknüllten Warnbrief und ein paar Poptanzeinlagen zur Musik, um das Ganze etwas aufzulockern. Nach den Männerränken treten endlich Kälbchen Iphigenie (Vanessa Loibl) im Hochzeitskleid und Mutter-Kuh Klytaimnestra (Paulina Alpen) auf. Da haben die Schlächter aber schon entschieden. Besagtes Ende zeigt nach einer Stunde ziemlich plötzlich den Umschwung Iphigenies nun trotzig ihr Ende selbstbestimmt unter den Stern der Männerinteressen stellend. Die abschließende Opferparty findet in einem Wasserbecken statt.

Nach kurzem Black kommen die Darstellerinnen alle in Hochzeitkostümen zurück und geben ein 5-köpfiges Damenkabarett mit den Texten von Stefanie Sargnagel, die mit frech-rotzigen Kolumnen, Statusmeldungen auf Facebook und Erfahrungserlebnissen aus einem Callcenter bekannt geworden ist. Und so versetzt Regisseurin Bihler ihre ziemlich überraschten fünf Iphigenien („Scheiße, was für eine Nacht!“) nicht in einen Artemis-Tempel, sondern in ein seelenlosen Callcenter, dem „Friedhof aller Träume“, wo sie („Iphigenie, was kann ich für sie tun?“) zumeist perverse Männeranrufe entgegen nehmen muss. Aber auch sarkastische Selbstbeschreibungen wie „Ich bin ein süßes Mädel mit einem kaputten Schädel“ oder Sprüche wie „Ich möchte eine Entspannungs-CD, auf der alte Frauen die Namen von Mehlspeisen aufsagen.“ gehören zum Vokabular der Sargnagel, die nach eigener Aussage auch gern mal Männer auf Facebook belästigt. Das ist natürlich eine satirische Umkehr der Praxis, wonach Männern dieser Art von Ton vorbehalten ist und Frauen sich nur für sie schön machen und ihren Körper optimieren. Ein paar dieser hochkomischen Partnersuchanzeigen werden hier vom Iphigenie-Chor zum Besten gegeben. Sargnagel karikiert in ihren Texten auch den Körper- und Fitness-Wahn („Ich möchte eine dickere Trainerin haben.“).

Das geht noch munter eine Stunde weiter, ohne wirklichen theatralen Zugewinn. Der Versuch, die Texte Sargnagels in den Dienst berechtigter feministischen Ideen zu stellen, erschöpft sich da schnell im Bühnenklamauk. Zum Thema Hobbys werden Gokarts auf die Bühne gefahren und bei der Aufstellung einer Liste der Lieblingsbücher der österreichische Jugendbuchautor Thomas Brezina (Tom Turbo und Die Knickerbocker-Bande) veräppelt. Politisch wird es, wenn ein Facebook-Eintrag Sargnagels zur Österreich-Wahl 2016 performt wird, in dem sie eine Mauer fordert mit einem blauen Präsidenten auf der einen Seite und einem grünen auf der anderen. Müsli gegen Knackwurst, Fahrrad gegen Panzer. Wenn es so einfach wäre. Zur Rechtsradikalisierung des Internets gibt es auch noch einen Schlusschor im Wasserbecken. Die Iphigenien bieten hier Heilung für Männer, die autoritärere Unterdrückung wollen und doch nur Geborgenheit bei Mama suchen. Vanessa Loibl steigt schließlich zum Bühnenhimmel auf, um beim Platzen Kot und Blut über die Erde zu schauern. „Ich bin Goethe.“ heißt das abschließende Fazit. Leider eine kleine Selbstüberschätzung.

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Zuerst erschienen am 13.09.2020 auf Kultura-Extra.

Iphigenie. TRAURIG UND GEIL IM TAURERLAND (Volksbühne Berlin, 11.09.2020)
Idee und Konzept: Lucia Bihler und Teresa Schergaut
Regie: Lucia Bihler
Künstlerische Beratung: Sonja Laaser
Musik: Jacob Suske
Choreographie und künstlerische Beratung: Mats Süthoff
Bühne: Jana Wassong
Kostüme: Leonie Falke
Licht: Kevin Sock
Dramaturgie: Hannah Schünemann
Mit: Paulina Alpen, Jella Haase, Amal Keller, Vanessa Loibl, Emma Rönnebeck, Teresa Schergaut, Susanne Wolff; Musikerinnen: Silke Eberhard, Anke Lucks und Lizzy Scharnofske
Premiere war am 11. September 2020.
Weitere Termine: 29., 30., 31.10.2020

Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne.berlin/de/

20:53 14.09.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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