Jugend ohne Gott

Theater Schaubühnenintendant Thomas Ostermeiers Adaption des Romans von Ödön von Horváth als realistisches Stück über Opportunismus in einer Diktatur
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Jugend ohne Gott
Lukas Turtur (2.v.l.), Jörg Hartmann (3.v.l.) und Laurenz Laufenberg (4.v.l.) im neuen Stück „Jugend ohne Gott“

Foto: Arno Declair

Nachdem Nurkan Erpultat bereits im April dieses Jahres eine Bühnen-Adaption des Horváth-Romans Jugend ohne Gott am Maxim Gorki Theater herausgebracht hatte, in der der Schwerpunkt auf der Sicht der Schüler lag, beschäftigt sich nun Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier in seiner Koproduktion mit den Salzburger Festspielen erneut mit der Geschichte eines Lehrer, der angesichts der Indoktrination und Radikalisierung seiner Schüler in einer autoritären Diktatur in politische und moralische Gewissenskonflikte gerät. Es ist nach Italienische Nacht Ostermeiers zweite Auseinandersetzung innerhalb eines Jahres mit einem Horváth-Stoff, in dem das Erstarken nationalsozialistischer Kräfte thematisiert wird. Seine Inszenierung, die der von Horváth selbst erstellten Bühnenfassung folgt, hatte Anfang des Monats ihre Berlin-Premiere.

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Wie erwartet hält sich Thomas Ostermeier an den ursprünglichen Horváth-Plot. Seine Inszenierung nimmt wieder die Perspektive des Lehrers ein. Nach Schnitzlers Professor Bernhardi hat erneut Jörg Hartmann die Hauptrolle übernommen. Er steht aber am Beginn noch in einer anderen Angelegenheit auf der Bühne. In relativ ruhigem Ton bittet er zunächst um etwa mehr Licht und fragt dann unvermittelt ins Publikum: „Was verdanke ich Adolf Hitler?“ Die überraschende Antwort gibt er mit dem einen Wort „Alles!“ gleich selbst. Hartmann rezitiert aus einem Brief aus dem Jahr 1935, in dem ein Braunschweiger Arbeiter „unserem Führer“ für „die ungeheuren Leistungen, die der Nationalsozialismus vollbrachte“, dankt. Angesichts von Arbeitsplatz, Urlaubsreisen und den Taten des Führers wie Brücken, Kanäle, Autobahnen, Flughäfen und Wehrmacht ist der Mann stolz auf Deutschland. Als Einstieg des Abends ein nachhallender Ruf aus der Vergangenheit ins Gegenwärtige.

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Im Hintergrund der Bühne dräut ein dichter deutscher Wald mit kahlen Baumstämmen. Auch das eine Reminiszenz auf eine vergangene Schaubühnen-Ära. Daraus schälen sich langsam die anderen MitspielerInnen. Sie tragen als Schüler kurze Hosen, und auch der Lehrer bekommt ein Outfit passend zur Zeit Mitte der 1930er Jahre, als Horváth bereits im österreichischen Exil den Roman schrieb. Die Handlung setzt ein mit dem Korrigieren der Schüleraufsätze, mit dem Thema „Warum wir Kolonien brauchen“. Die Textfassung benutzt hier konsequent korrigierend die Bezeichnung Afrikaner für das von Horváth noch verwendete N-Wort. Jener Afrikaner sei faul und hinterlistig und im Übrigen auch nicht als Mensch anzusehen, wie Schüler N (Damir Avdic) schreibt. Nachdem der Lehrer das so nicht stehen lassen will, bekommt er erst Probleme mit dem Vater des Schülers und dann auch mit der sich hier opportunistisch wegduckenden Direktorin (Alina Stiegler).

Die Gedanken des Lehrers werden teilweise auch von den anderen DarstellerInnen in seitlich am Bühnenrand aufgestellte Mikrofone gesprochen, was der zunehmend mit sich ringenden inneren Stimme zusätzliche Dringlichkeit gibt. Eine verstörende Atmosphäre der Angst, in der der Lehrer immer mehr zum Außenstehenden wird und ihm die bereits indoktrinierten Schüler das Vertrauen entziehen. Er fühlt sich beobachtet und bespitzelt und flüchtet sich seinerseits in die innere Abschottung, ins Exil im Kopf, wenn man so will. Der Zerrissenheit zwischen eigenen Moralvorstellungen und der Existenzangst des Lehrers stellen Regisseur Ostermeier und sein Dramaturg Florian Borchmeyer, die des Autors Horváth gegenüber. Der hatte sich 1934 beim Deutschen Bühnenverlag darüber beschwerte, dass sein Stück Die Bergbahn nicht gespielt würde, weil man ihm unterstelle Kommunist zu sein. Horváth bezeichnete das als Verleumdung und bat den Verlag beim Ministerium für ihn zu insistieren, was dieser auch pflichtschuldig tat. Horváths Wunsch, in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller aufgenommen zu werden, ging aber nicht in Erfüllung. 1936 musste er endgültig ins Exil. Sein Roman Jugend ohne Gott erschien 1937 in Amsterdam.

In der Schaubühne bestimmen schnelle Kostüm- und Rollenwechsel das Spiel. Auftritte und Abgänge durch den Bühnenwald rahmen die szenische Abfolge, wie sie die kurzen Kapitel des Romans vorgeben. Das bringt etwas Aktion in die sonst recht textlastige und didaktische Vorlage. Bernardo Arias Porras, Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Laurenz Laufenberg und Alina Stiegler geben die nur mit Buchstaben benannten Schüler, BDM-Mädchen und in weiteren Rollen auch Eltern, Feldwebel, Richter, Staatsanwalt und Polizisten. Zwei entscheidende Szenen für den Lehrer sind im Roman wie in der Inszenierung die Begegnungen mit dem ehemaligen Altphilologen Julius Cäsar, den Bernardo Arias Porras als wirren Hausierer mit Schlipsen gibt, und mit dem Dorfpfarrer (Laurenz Laufenberg) mit seiner nihilistischen Weisheit, die Kirche stehe immer auf der Seite des Staats, in dem auch immer die Reichen siegen. Sozusagen ein gottgewolltes System des Unrechts. Das von Julius Cäsar prophezeite seelenlose „Zeitalter der Fische“ und die Kapitulation der Kirche sind symptomatisch für den moralischen Werteverfall, dem sich der Lehrer anpasst.

Für den Zuschauer erfordert das Geschehen auf der Bühne mit paramilitärischem Zeltlager, Strammstehen, verschwitzten Raufereien und der eingewebten Kriminalgeschichte um den ermordeten Schüler M samt anschließender etwas überzeichneter Gerichtsverhandlung einiges an Geduld ab. Ostermeier lockert das mit auf Decken und Zeltwand projizierten Großaufnahmen der Gesichter der Schüler. Moritz Gottwalds Gesicht verschwimmt wie an einer gläsernen Aquariumswand. Immer wieder bewegt er als T den Mund wie ein atmender Fisch. Später hängt er dann als überführter Mörder im Wald. Etwas pubertär verschwitzt auch die Liebesgeschichte des Tagebuch schreibenden Z (Laurenz Laufenberg) und der wilden Wald-Eva (Alina Stiegler), denen der Lehrer hinterherspioniert. Ganz möchte Ostermeier der Erlösung des Lehrers mit dessen läuternde Fahrt zu den Afrikanern am Ende nicht glauben. Doch übermäßige Ironie hat er sich in dieser trocken-realistischen Inszenierung wie der Club der verschworenen Schüler im Roman streng verboten.

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Zuerst erschienen am 12.09.2019 auf Kultura-Extra.

JUGEND OHNE GOTT (Schaubühne Berlin, 10.09.2019)
Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Regie: Thomas Ostermeier
Von: Ödön von Horváth
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Angelika Götz
Video: Sébastien Dupouey
Musik: Nils Ostendorf
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Licht: Erich Schneider
Mit: Bernardo Arias Porras, Damir Avdic, Veronika Bachfischer, Moritz Gottwald, Jörg Hartmann, Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler und Lukas Turtur
Premiere bei den Salzburger Festspielen: 28. Juli 2019
Berliner Premiere: 7. September 2019
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen

Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de/

20:11 16.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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