Lear

Premierenkritik Sebastian Hartmann verbindet lose Bruchstücke der Shakespeare-Tragödie um einen alternden Machthaber mit dem Langgedicht "Die Politiker" von Wolfram Lotz
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Wenn Sebastian Hartmann inszeniert, kann man sich nie sicher sein, wenn Dostojewski oder Shakespeare auf dem Spielplan steht, was man tatsächlich bekommt. Dass Freitagabend bei der Premiere von Lear im Deutschen Theater dann ein älterer Herr aufstand und wütend in den Saal rief, er hätte eigentlich gedacht, dass Shakespeare gespielt würde und dem Publikum noch nahe legte, sich das nicht gefallen zu lassen, hat es aber länger nicht in Berliner Theatern gegeben. Die bittere Ironie des Vorfalls ist, dass er sehr gut zu Sebastian Hartmanns Lear nach Shakespeare passt. Geht es da doch auch um einen alternden Mann, der seine Macht abgeben will, aber seine Kinder längst nicht mehr versteht und aus Unwissen und Ignoranz das Falsche tut und ins Unheil rennt. Den Draht zur Jugend, den Erben also, scheint die ältere Generation auch in Bezug der gerade sehr aktuellen Schulstreiks für das Klima verloren zu haben. Alt gegen jung, ein Generationenkonflikt ist Shakespeares Drama König Lear auch. Sebastian Hartmann stellt ihn ins Zentrum seiner Inszenierung. Zuvorderst als das Sterben eines bereits senil ans Bett gefesselten Machthabers, der beim Aufteilen seines Reichs gescheitert ist und nur den eigenen Tod vererbt. Im Kontext der Klimakatastrophe heißt das bei Hartmann auch, der Mensch scheitert an seiner Zukunft und richtet den Planeten zugrunde.

Das ist alles nicht neu, aber wie es Regisseur Hartmann macht zumindest sehr konsequent, allerdings für das Publikum auch nicht gerade einfach. Nach einem kurzen Prolog mit Textpassagen aus König Lear, die das Ensemble in historischen Fantasiekostümen von Adriana Braga Peretzki chorisch vorträgt, werden zur Live-Elektro-Musik von Samuel Wiese zwei Krankenbetten auf die von Sebastian Hartmann nur mit einem großen Windrad bestückte, sonst leere Bühne geschoben. Michael Gerber und Markwart Müller-Elmau in langen Krankenhaushemden steigen hinein und werden sich den Abend über kaum noch aus ihnen herausbewegen. Sie stellen die beiden Väter Lear und Graf Gloucester dar, denen die Stimmen genommen sind, nur der Versuch, ein kaum hörbares Brabbeln entrinnt ihren offen Mündern. Den Text der Eingangsszene der Reichsteilung übernimmt komplett Linda Pöppel. Natali Seelig und Birgit Unterweger spielen vermutlich die anderen Lear-Töchter, die sich immer wieder zu den Alten ins Bett legen, ihre Arme bewegen oder das Setting wild umkreisen.

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Das war es dann aber auch mit halbwegs nachvollziehbarer Lear-Handlung. Immer mehr stehen Fremdtexte mit unaufgearbeiteten Vater-Tochter- oder -Sohn-Beziehungen (u.a. Sylvia Plaths Gedicht Daddy) im Vordergrund. Elias Arens und Manuel Harder sind noch vage als fechtende, rivalisierende Gloucester-Söhne erkennbar, und Peter René Lüdicke stolziert in langen Narrenschuhen über die Bühne. Das zieht sich dann quälende 2 Stunden hin, ohne dass man wie sonst bei Hartmann in das frei assoziierende Spiel des Ensembles hineingesogen würde. Abgehackte Bruchstücktexte stehen neben ziellos meanderndem Treiben, bei dem auch mal zwei Akteure als Pferd über die Bühne laufen und auf einer Leinwand Katastrophenvideos zu sehen sind. Manuel Harder gibt nackt den irren Tom, und Natali Seelig fordert die Aufklärung sämtlicher politsicher Morde von Martin Luther King über John F. Kennedy bis zu Saddam Hussein (Muammar al-Gaddafis Wutrede 2009 vor der UN-Vollversammlung). Wirklich intensiv und zwingend wie noch der wesentlich kürzere Schuld und Sühne-Abend in Dresden ist das aber leider nicht.

Erst als plötzlich Cordelia Wege im schwarzen Abendkleid allein an der Bühnenrampe sitzt und den Text Die Politiker des Dramatikers Wolfram Lotz, von dem Hartmann schon für seine Dresdner Dostojewski-Inszenierungen Texte verwendete, in einem fast ununterbrochenen Zuge herunterrattert, bekommt der Abend plötzlich eine Intensität, die man sich die ganze Zeit gewünscht hätte. Lotz‘ Text ist, wie er selbst betont, ein „Selbstgespräch am offenen Fenster“, ein fast dadaistisches Langgedicht, das in wiederholender, wild assoziierender Folge dem Begriff der „Politiker“ bestimmte und z.T. sinnfreie Eigenschaften und Handlungen zuschreibt, die allerdings nicht werten sollen, sondern nur Gefühle und auch Ängste, Ohnmacht und Ratlosigkeit transportieren. Lotz kommt dabei vom sprichwörtlichen Hölzchen aufs Stöckchen, von Bratkartoffeln übern Gartenschlauch bis auf die Katze. Aber auch deutliche und poetische Sätze wie „Die Politiker sind der Wind in den Bäumen, die wieder stehen auf den Hügeln vor Verdun. Die Politiker sind der Nebel, der am Morgen einfällt, vor dem Gelände in Buchenwald. Die Politiker sind das Gras, das wächst auf den Wiesen der Leipziger Völkerschlacht.“ kommen vor. Letztendlich ist das aber eher zu werten als ein Aufruf, Schuld nicht bei anderen zu suchen und Verantwortung zu delegieren, sondern selbst zu handeln. „Was findet wir und wo?“ Ein denkwürdiger Prolog zu einer längeren, leider etwas verschlafenen Ouvertüre.

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Zuerst erschienen am 01.09.2019 auf Kultura-Extra.

Lear
nach William Shakespeare
und: "Die Politiker" von Wolfram Lotz (Uraufführung)
Regie / Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Rainer Casper
Live-Musik: Samuel Wiese
Chorleitung: Christine Groß
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Elias Arens, Michael Gerber, Manuel Harder, Peter René Lüdicke, Markwart Müller-Elmau, Linda Pöppel, Natali Seelig, Birgit Unterweger, Cordelia Wege
Die Premiere war am 30. August 2019 im Deutschen Theater
Termine: 8., 13., 24., 27.09.2019

Infos: https://www.deutschestheater.de/

14:26 01.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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