(Life on earth can be sweet) Donna

Premierenkritik René Pollesch versucht sich am Deutschen Theater Berlin mit Brechts Straßenszene zum Epischen Theater an einer diskursiven Betrachtung der Welt
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Wenn andere Berliner Theaterhäuser schwächeln, ist man immer wieder froh, wenigstens eine verlässliche Bühnenkonstante in der Hauptstadt zu haben. Die Rede ist von René Pollesch, der es sich momentan sogar leisten kann, mit zwei Stücken an verschiedenen Häusern mit sich selbst in Konkurrenz zu treten. Dazu verfügt der Autor und Regisseur über einen illustren Stamm an Starschauspielern. Im Friedrichstadtpalast sorgt seit Oktober Fabian Hinrichs für ausverkaufte Vorstellungen bis ins neue Jahr hinein. Nur zwei Monate später stehen nun Milan Peschel und Martin Wuttke in Polleschs drittem Stück am Deutschen Theater auf der Bühne. Verstärkt durch die DT-Ensemblemitglieder Judith Hofmann, Jeremy Mockridge und Bernd Moss wird (Life on earth can be sweet) Donna gespielt. Eine Zeile aus einem weniger bekannten Song des Hit-Musicals Hair über eine „sixteen year old virgin“ namens Donna. Natürlich kann hier auch Polleschs momentane Lieblingsphilosophin Donna Haraway gemeint sein. Das Programmheft empfiehlt zur Sekundär-Lektüre u.a. ihr Buch Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, was auch nicht besonders weiterhilft. Neben dem Film Hanna und ihre Schwestern von Woody Allen (aha!) gibt es aber auch den Verweis auf Die Straßenszene aus Der Messingkauf - einer theatertheoretischen Schrift, mit der Bertolt Brecht sein Episches Theater und den V-Effekt zu erklären versuchte.

Doch zunächst gibt es Bob Dylan mit I Want You zu hören, während das Ensemble auf der Bühne wie orientierungslos umherirrt und u.a. einen Duschslapstick hinlegt. Die Bühne hat Anna Viebrock aus Stellwänden, die eine Kreuzung in der Mitte bilden, gestaltet. Die Außenseiten der Kulissen zeigen hier in Richtung Publikum. Das ist gewollt, darum soll es auch gehen. Der Diskurs dreht sich wie die etwas klemmende Drehbühne um das Ende des bürgerlichen Illusionstheaters mit Max Reinhardts Tortenstückdrehbühne, der Einfühlung, dem Zwang zur Interpretation und dem ganzen Wahrhaftigkeitskram, dem Brecht sein dialektisches Erklärtheater mit epischen Einschüben und Verfremdungseffekten entgegensetzte, einfach erklärt an einem Verkehrsunfall, den ein Augenzeuge einer nicht dabei gewesenen Menge demonstrieren soll, ohne dass sie sich dabei mit dem Demonstrierenden identifiziert, wie auch der sich nicht mit seiner Rolle, die er dabei spielt.

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Klingt ziemlich theoretisch und ist es in Brechts Text natürlich auch. Aber Pollesch wäre nicht Pollesch, wenn sich aus seinem Text dazu nicht doch auch komödiantische Funken schlagen ließen, was Peschel, Wuttke & Co. auch wundervoll demonstrieren. Für sehr viel Erheiterung sorgt u.a. die Nachstellung der besagten Straßenszene, bei der es Kalauer regnet („Wir sind hier auf der Straße und du machst mir eine Szene“) und Mockridge, Peschel und Wuttke in Pappautokostümen von Nina von Mechow stecken, aus denen sie tatsächlich immer wieder wie die Hollywood-Transformerautos herauswachsen. Es bleibt aber beileibe nicht bei dieser Brecht-Parodie, bei der mit etwas Insiderwitz schräge Anekdoten zum Besten gegeben werden, Bernd Moss eine Premierenparade an alten Provinztheatern herbetet und an die vielen alten Größen des Deutschen Theaters und der Volksbühne wie Horst Lebinsky, Dieter Mann, Otto Mellies oder Annekathrin Bürger erinnert wird.

Aus der Theaterbetriebssatire heraus erfolgt auch die Betrachtung der Welt mit der Verwertungslogik des Kapitalismus, Verteilungsproblemen, Nähe und Ferne, Freundschaft und Leidenschaft sowie der Hoffnung, dass nicht alles, wie Wissenschaftler festgestellt haben wollen, zu spät und sinnlos ist. Who's Gonna Drive You Home Tonight singen die Cars und Bob Dylan Like A Rolling Stone. „Was soll mir der Schmerz sagen?” ist die Frage an das Gefühl und die Ökonomie der Mittel. Kunstwerk und Leben in unmittelbarer Wechselwirkung. Da ist jede Menge Präsenz und Bewegung drin und kaum rhetorischer Stillstand. Brechts Formel vom Theater ohne Zuschauer treibt Martin Wuttke als Lear-Darsteller, der nur gut ist, wenn er nicht vor Publikum auftritt, auf die Spitze. Dann wird das Bühnenbild abgeschraubt. „Was können wir mitnehmen an die Volksbühne?“ ist die letzte Frage des kurzweiligen Abends und Polleschs Ausblick in die Zukunft, die hoffentlich nicht Müllkippe lautet.

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Zuerst erschienen am 17.12.2019 auf Kultura-Extra.

(Life on earth can be sweet) Donna
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Matthias Vogel
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Judith Hofmann, Jeremy Mockridge, Bernd Moss, Milan Peschel, Martin Wuttke
Die Uraufführung war am 15. Dezember 2019 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 12., 19., 24.01.2020

Infos: https://www.deutschestheater.de

14:13 22.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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