Medea und Jason

Premierenkritik Jette Steckel inszeniert am Thalia Theater Hamburg einen zum Teil recht körperlichen Paarkampf mit Kinderchor nach Franz Grillparzers Dramentrilogie ums Goldene Vlies
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„Es wäre durchaus mal wieder an der Zeit für eine neue Medea-Bearbeitung.“ schrieben wir anlässlich der Aufführung von Franz Grillparzers Dramen-Trilogie Das goldene Vlies in der Inszenierung von Alexander Nerlich am Hans Otto Theater Potsdam vor gut einem Jahr. Tilmann Köhler versuchte es in der letzten Spielzeit mit der Adaption der Medea-Bearbeitung von Christa Wolf am Deutschen Theater Berlin. Nun hat Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg wieder zu Grillparzer gegriffen und eine Art Zwei-Personen-Kammerspiel aus der Trilogie ums Goldene Vlies destilliert. Allen drei Inszenierungen gemein ist eine recht körperliche Herangehensweise an den Stoff um die Königstochter aus dem fremden Kolchis, die dem Argonauten Jason zum Goldenen Vlies verhilft, mit ihm nach Griechenland flieht, dort erst in Iolkos und später in Korinth in Ungnade fällt und verbannt wird. Da sich Jason nun ebenfalls von ihr abwendet und die Korinther Königstochter Kreusa heiratet, rächt sich Medea mit einem vergifteten Kleid für Kreusa und tötet auch ihre beiden Kinder. Ein Punkt, an dem moderne Medea-Bearbeitungen meist zu scheitern drohen.

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Jette Steckel hat sich für ihre Medea und Jason genannte Inszenierung von Florian Lösche eine bühnenhohe Mauer aus Kleiderpaketen (Symbol für das im Stück immanente Flüchtlingsdrama) bauen lassen. Dort liegt Maja Schöne als Darstellerin der Medea zu Beginn in einer Nische und starrt minutenlang wortlos ins Publikum. Ein starker Beginn, dem ein erstes Abtasten mit dem Geliebten Jason (André Szymanski) folgt, der ihr die Nachricht ihrer Verbannung aus Korinth überbringt. Beide geraten daraufhin in einen Clinch zwischen Tanz und Kampf. Arena ist die sonst leere Drehbühne. Begleitet wird der körperbetonte Schlagabtausch durch die Live-Musiker Friederike Bernhardt an den Keyboards und Johannes Cotta am Schlagzeug.

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Schöne und Szymanski erzählen sich hier in wechselnden Rollen die Vorgeschichte des Goldenen Vlieses, als gehörte dies zu einer Art Paartherapie. Die Teile Der Gastfreund und Die Argonauten werden so relativ kurz abgehandelt. Schauspielerisch müssen die beiden diesen Abend aber nicht ganz allein bestreiten. Jette Steckel hat ihnen einen Chor aus Hamburger Kindern [Namen s.u.] beigestellt, der hier nicht nur die beiden Kinder darstellen sollen, sondern auch als kindliche Verdoppelung des streitenden Paars fungieren. Dies wird klar durch gleiche Kostümierung, aber auch durch den zum Teil parallelen Auftritt. Wirkt Grillparzer schon sehr psychologisierend, so tut das auch Jette Steckels Zugriff mit diesem szenisch choreografierten Kinderchor. Leider verliert sich das auch wieder. Im Zentrum steht schon der direkte Dialog des Paars. Die Chorpassagen mit Musik wirken da oft wie Pausenfüller.

Stark trotzdem die Szenen, in denen Medea Jason seine Feigheit vorwirft und den Willen zur Macht. Seine opportunistischen Rechtfertigungen stehen im Gegensatz zum stotterten Werben um Medea auf Kolchis, eine der gefühlvollsten Szenen des Abends. Wie Medea erst zweifelnd stumm dann doch dem Mann verfällt, ihn später aber wieder verbal und körperlich angreift. Da hat der Abend seine Stärken, kann aber trotzdem nicht über eine normale, wenn auch ungewöhnlich harsche Trennungsstory hinauskommen. Peinlich wird es, wenn Medea um ihre Kinder und schließlich unter Tränen um Verzeihung bittet. Hier schlägt unerbittlich der antike Plot zu, den es zu bewältigen gilt, samt vergiftetem Kleid für die verhasste Nebenbuhlerin Kreusa, was hier recht eindrucksvoll mit dem Belecken Medeas von Kleidungstücken aus einem der Pakete dargestellt wird. Letztendlich entscheidet sich Jette Steckel doch für einen alternativen Schluss, bei dem u.a. Heiner Müllers düsteres Medeamaterial zum Einsatz kommt, was im vorliegenden Fall aber auch nicht ganz überzeugen kann.

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Zuerst erscheinen am 21.10.2018 auf Kultura-Extra.

Medea und Jason
nach Franz Grillparzer
Regie: Jette Steckel
Musik: Friederike Bernhardt, Johannes Cotta
Bühne: Florian Lösche
Choreografie: Yohan Stegli
Kostüme: Aino Laberenz
Live-Musik: Friederike Bernhardt, Johannes Cotta
Dramaturgie: Julia Lochte
Darsteller:
Maja Schöne (Medea)
André Szymanski (Jason)
sowie Chor der Kinder: Lisa Ambokadze, Sofie Ambokadze, Johanna Alde, Tuana Arslantas, Goya Brunnert, Malo Burfeind, Alice Dik, Helene Jensen, Klarissa Klotz, Stella Koch, Marta Laubinger, Lilly Lengenfelder, Connor-Cash Leonhard, Jon Löhrs, Philine Mai, Rasmus Meyer-Loos, Klara Mittelstraß, Alina-Sophie Müller, Carla Robinson, Katerina Shabarkova, Neeltje Voller, Jascha Volz
Die Premiere war am 20.10.2018 im Thalia Theater Hamburg
Termine: 17., 24., 25.11. / 03., 18.12.2018

Infos: https://www.thalia-theater.de/

19:00 28.10.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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