Melissa kriegt alles

Theater In seinem neuen Stück am Deutschen Theater Berlin beschäftigt sich René Pollesch mit Brecht und der Misere der Dialektik in postrevolutionären Zeiten
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Melissa kriegt alles
Revolutionär ist vor allem die Ausstattung

Foto: Arno Declair

Wer ist Melissa, und warum kriegt sie alles? Zwei Fragen, die in René Polleschs neuem Stück Melissa kriegt alles, das zum Spielzeitstart am Deutschen Theater Berlin gerade Premiere feierte, mit Sicherheit nicht beantwortet werden. Auch sonst ist der Autor und Regisseur seiner eigenen Texte ja kein Mann für Antworten, sondern eher für die gepflegte Lust am offenen Diskurs. Fernab von Corona und doch auch irgendwie davon beeinflusst hat sich René Pollesch das alte aber doch auch immer wieder neue Thema vom Widerspruch im Denken und Handeln oder der Gleichzeitigkeit sich widersprechender Handlungsanweisungen gewidmet. Der Mensch ist ein wandelndes Paradoxon. Wohlwollen und Kritik sind hier wie Bank und benachbarter Pizzaladen, zwei unvereinbare Orte und doch dahingehend miteinander verwoben, dass man, um in den einen hineinzukommen, den anderen als Tarnung benutzen kann. Oder was hat frei nach Brecht die Gründung eine Pizzeria mit einem Bankraub zu tun? Wirklich schlauer ist man da nach 90 Minuten aber auch nicht.

Wie üblich drehen bei Pollesch die Diskursschleifen fleißig Pirouetten, oder hier auch mal die DarstellerInnen an einer Poledance-Stange. Ex-Volksbühnen-Star Martin Wuttke hat zumindest einen Plan, den hier aber keiner so recht verstehen will. Alle stehen nur ungläubig im Kulisse gewordenen Grundriss dieses Plans herum. Geliehen hat sich Pollesch die Konstellation aus dem Woody-Allen-Film Schmalspurganoven. Vier Kleinkriminelle wollen in eine Bank einbrechen und nutzen zum Graben eines Tunnels eine benachbarte Plätzchenbäckerei als Tarnung. Letztendlich schlägt das Unternehmen fehl. Dafür werden die Plätzchen ein Hit. Eine bessere Geldquelle, die allerdings schnell wieder versiegt. Aber auch das ist hier nur Tarnung für eine Lehrstunde in Dialektik hinter Brechtgardine. Erneut greift René Pollesch zum Dramatiker des Epischen Theaters, das er hier allerdings als Brecht‘sches Theater der Trance bezeichnet und mit anderem Gedankengut kurzschließt.

Eingebetteter Medieninhalt

Philosophisch Pate standen dafür neben Woody Allen und dem John-Cassavetes-Film Opening Night mit Gena Rowlands, der hier ebenfalls in Ausschnitten über die Leinwand flimmert, die politische Autorin Bini Adamczak, die russische Revolutionärin und Schriftstellerin Alexandra Michailowna Kollontai, der ehemalige Volksbühnenphilosoph Boris Groys, Castorfs Ex-Dramaturg Carl Hegemann und die feministische Autorin Barbara Kirchner. Revolutionär sehen hier neben den mit Hammer-und-Sichel-Tapete ausgestatteten Bühnenwänden vor allem die Kostüme der DarstellerInnen aus, was für einige Kommentare und Runnig Gags sorgt. Das übliche Dilemma der Repräsentation. Nicht jeder hat hier gleichviel Bedeutendes zu sagen. Zum heimlichen Star mutiert da Langzeit-Pollesch-Mime Franz Beil, der das Denken in Widersprüchen mit den Händen mehrfach bildlich greifbar macht.

Er hätte auch ganz gerne mal eine Gesamtansicht von sich, referiert er gewohnt fahrig von der Großbild-Videoleinwand herunter auf das Bühnenbild in zwei Zimmern. Das alte Lied der Innen- und Außenwahrnehmung. Sich selbst beim Handeln zusehen, eine Vorstellung davon haben, was man gerade tut. Man könnte das auch als Unvermögen der Reflexion bezeichnen, oder auch das Denken und Handeln nicht immer eine Einheit bilden. Der Zweifel und das Einverständnis als Triebkraft des Marxismus. Aber so ganz klar ist das dann wieder auch nicht. Nebenbei geht es neben dem geplanten Bankraub, der hier nur schleifendrehende Denkblase bleibt, außerdem noch um Brecht und die Weigel als Intendantin und Mutterdarstellerin, Leben und Tod, die paradoxe Gleichzeitigkeit des revolutionären Marxisten, den Wuttke hier mit Marxbart, russischer Fellmütze und Prawdazeitungs-Nachthemd gibt sowie um die Unmöglichkeit der Liebe in der falschen Gesellschaft.

Das Gefühl, die Revolution verpasst zu haben, führt bei Kathrin Angerer in einem letzten Monolog geradewegs zur postrevolutionären Depression, die sich ihre neuen Zeichen sucht und seien es nur Katzenvideos oder was René Pollesch im Lockdown sonst noch so gesehen und gelesen hat. Die Kritik der Repräsentationsroutine gegen die Routine des immer gleichen Diskurses nur in anderem Gewand. Dass man dabei auch wieder mit schönen Anekdoten gegen den Theaterbetrieb ätzt wie etwa Katrin Wichmann mit ihrem Bericht über entwürdigende E-Castings oder den kanonisierten Ton des Theaters von „Aischylos bis Bullerbü“ geißelt, ist schöne Abwechslung im allgemeinen Einerlei der Uneindeutigkeiten. Wenn Bernd Moss erkennt, dass man schon wieder in die falsche Richtung gespielt hat, weil ein voll besetzter Theatersaal im Großbild-Video an der Rückwand erscheint, dreht sich das Bühnenbild einfach um und lässt einen wieder allein mit der Ungewissheit offener Fragen. Auch das ein Spiegel der momentanen Ohnmacht des Theaters und einer Gesellschaft im Notstand.

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Zuerst erschienen am 04.09.2020 auf Kultura-Extra.

MELISSA KRIEGT ALLES (Deutsches Theater Berlin, 03.09.2020)
Regie: René Pollesch
Bühne: Nina von Mechow
Kostüme: Tabea Braun
Video: Ute Schall
Licht: Matthias Vogel
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Kathrin Angerer, Franz Beil, Jeremy Mockridge, Bernd Moss, Katrin Wichmann und Martin Wuttke
Uraufführung war am 29. August 2020.
Weitere Termine: 10.-12., 21., 22.09.2020

Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/

20:26 07.09.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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