Once Upon A Time... In Hollywood

Kino Quentin Tarantino verknüpft auf kuriose Weise die Scheinwelt des alten Hollywood mit der Geschichte der durch die Manson-Family verübten Tate-Morde
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Once Upon A Time... In Hollywood
Es war einmal in Moskau: Regisseur Quentin Tarantino stellt seinen neunten Film vor

Foto: Alexander Nemenov/AFP/Getty Images

Momentan bewegen zwei Jubiläen die Feuilletons. Vor 50 Jahren zogen geschätzte 400.000 zumeist jugendliche Hippies nach Bethel im US-Bundesstaat New York und feierten dort das legendär gewordene Woodstock-Festival. Drei Tage Frieden, Freiheit und Musik. Fast zur gleichen Zeit in Los Angeles verübten aber auch Mitglieder einer militanten Hippie-Sekte im Auftrag ihres berüchtigten Anführers Charles Manson eine blutige nicht weniger berüchtigte Mordtat, der die schwangere Schauspielerin Sharon Tate, Frau des damals aufstrebenden Filmregisseurs Roman Polanski, und vier weitere Gäste in deren Haus am Cielo Drive zum Opfer fielen. Zeit also, die Sache mit den Hippies gerade zu rücken, dachte sich wohl Regisseur Quentin Tarantino, was dann aber in seinem neuen Film, der gerade in den deutschen Kinos angelaufen ist, doch ziemlich schräg anzuschauen ist.

Nun geht es in Once Upon A Time... In Hollywood nicht vordergründig um die Tate-Morde oder die Manson-Family, sondern erst mal nur um besagtes Hollywood, das Film-Mekka schlechthin, die amerikanische Traumfabrik in Los Angeles, Kalifornien. Die Parallele der Ereignisse ergibt sich im Lauf des Films dann irgendwie scheinbar ganz von allein. Im Zentrum der Handlung, die sich wie immer bei Tarantino zitatenreich aus der Filmgeschichte (auch der eigenen) bedient, stehen aber zunächst der abgehalfterte Seriendarsteller Rick Dalton und sein ehemaliges Stuntdouble Cliff Booth.

Als Hauptdarsteller der Western-Serie Bounty Law, in der er einen Kautionsjäger spielt, und als Flammenwerfer schwingender Nazijäger hat es Rick zu einiger Berühmtheit gebracht. Sein Stern ist aber am Sinken, da die großen Kinorollen ausbleiben. Nun muss er sich als Bösewicht in billigen B-Western verdingen, was den dauertrinkenden, seinen Text vergessenden Schauspieler in böse Selbstzweifel treibt. Die Lösung der Misere wären Spagetti-Western in Italien, wo er nicht ständig als Bösewicht den Kopf hinhalten müsste, wie ihm sein Agent (Al Pacino) schonend beibringen will. Cliff Booth ist Ricks sogenanntes Mädchen für alles, fährt den verkaterten Schauspieler morgens zum Dreh, holt ihn abends wieder ab und kümmert sich dazwischen um dessen Villa am Cielo Drive, in deren Nachbarschaft gerade die junge Sharon Tate mit Roman Polanski, dem „fucking Regisseur von Rosemaries Baby“ gezogen ist. Und auch wie unheimliche Vorboten sieht man immer wieder die Manson-Girls durch die Straßen LAs ziehen, oder lockend den Daumen heraushalten. Die Begegnung zwischen Cliff und einem dieser Hippie-Mädchen zeigt wo der stets Hilfsbereite wirklich steht.

Er will nur spielen

Leonardo DiCaprio und Brad Pitt sind als aneinanderhängendes Buddy-Duo wie immer grandios. DiCaprio stottert sich durch seine Rolle als saufender B-Movie-Darsteller, der nur vor der Kamera zu etwas mehr Haltung findet. Immer wieder werden Szenen aus Ricks alten Schwarz-Weiß- und Farbfilmen eingespielt. Eingespielt sind die beiden auch als Team. Herr und Hund könnte man sagen, wäre dieser Cliff Booth nicht so cool. Am Rande von Hollywood haust er mit seiner abgerichteten Pit-Bull-Hündin Brandy in einem alten Wohnwagen hinter einem Autokino. Zwei alternde Helden des vergangenen Hollywood also, wie sie Tarantino liebt und immer wieder auch besetzt hat. Manche wollen in den beiden den im letztes Jahr verstorbenen Burt Reynolds (u.a. Rauchende Colts, Ein ausgekochtes Schlitzohr) und sein Stuntdouble Hal Needham erkannt haben. Reynolds sollte auch die Rolle des George Spahn übernehmen, auf dessen Ranch die Manson-Family haust. Aber auch Bruce Dern verkörpert den fast blinden, von den Hippies versteckt gehaltenen Alten recht eindrücklich.

Die traute Zweisamkeit des Herren Rick und seines Dieners Cliff ist schon etwas obskur. Von Cliff heißt es, er habe seine Frau umgebracht. Rick antwortet darauf, Cliff sei ein verdammter Kriegsheld. Gemeint ist Korea, während die USA schon wieder in einem neuen Krieg in Vietnam stecken. Mögliches Trauma hin oder her, der Mann hat nicht einfach nur ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt, Cliff scheint es geradezu zu lieben, einem verhuschten Hippie, der den Reifen des Cadillacs seines Bosses zerstochen hat, zu zeigen, wo der Hammer hängt. Pitt tut das mit einem steten Lächeln im Gesicht, das wohl sagen soll: Der will doch nur spielen. Spielend befördert er auf dem Filmset auch die über seine Kampfkunst bramarbasiernde Martial-Arts-Ikone Bruce Lee (Mike Mo) gegen die Auto-Karosse der Frau des Stuntkoordinators (Kurt Russel), was Cliff mal wieder seinen Job kostet. Nur gerecht, wie er selbst im Rückblick auf dem Dach von Ricks Villa beim Richten von dessen Antenne bekennt. Der genarbte und gegerbte Body des Ex-Stuntmans spricht dabei Bände.

Eingebetteter Medieninhalt Daneben erstrahlt im Glanz der Hollywood-Reklamelichter die unbeschwerte Welt der Sharon Tate (Margot Robbie) voll rauschender Partys, auf denen sie bewundertes wie beneidetes Klatschthema ist. Abseits des Jetsets gönnt sie sich zum Spaß mal einen Nachmittag in einem kleinen Kino bei einem ihrer Filme und freut sich unerkannt über die Lacher im Publikum. Während auf der einen Seite das alte Hollywood beim abendlichen Bier vorm Fernseher untergeht, steigt auf der anderen Seite nur einen Pool weiter der Stern des neuen. Welcher Seite Tarantinos Sympathie gehört, mag jeder nach dem Film selbst entscheiden. Und doch ist es auch wieder eine seiner bösen Abrechnungen mit dem good old America und seinem Verhältnis zur Gewalt. „Wir sind vor dem Fernseher groß geworden, mit Serien, wenn sie nicht Bezaubernde Jeannie hießen, in denen es vor Toten nur so wimmelte.“ sagt einmal eines der Mansons-Mädchen so schön. „Also lasst uns Pigs killen!“ ist da fast schon die logische Schlussfolgerung, wie auch, dass sich die Wege der Filmhandlung wieder am Cielo Drive treffen. In Tarantinos kurioser Umdeutung der Historie, die am Ende den sich ins Koma saufenden Westernpionier und seinen Helfer als flammende amerikanische Helden feiert.

ONCE UPON A TIME ... IN HOLLYWOOD (USA 2019)
Regie und Buch: Quentin Tarantino
Kamera: Robert Richardson
Schnitt: Fred Raskin
Mit: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Kurt Russell, Dakota Fanning, Bruce Dern, Nicholas Hammond, Damian Lewis, Luke Perry, Zoe Bell, Scoot McNairy, Michael Madsen, Emile Hirsch, Timothy Olyphant, Margaret Qualley

Infos: https://www.onceuponatimemag.com/

16:53 16.08.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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