Peer Gynt

Theater Ivan Panteleev inszeniert im Deutschen Theater Berlin Ibsens dramatisches Gedicht als existenzialistisches Kopfkino
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„Mach einen Umweg, Peer. Geh außenrum.“ Mit diesem Satz des Krummen beginnt die Peer Gynt-Inszenierung von Ivan Panteleev. Dieser Satz ist so symptomatisch für Ibsens Titelhelden wie auch für diese recht verkopfte Veranstaltung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters selbst. Peer Gynt versucht sein ganzes Leben geradeaus zu gehen, um bei sich anzukommen und bewegt sich doch fast ausschließlich im Kreis. Er läuft vor dem davon, was er ist, und gibt vor etwas anderes zu sein. Er baut sich dazu ein Haus aus papierenen Lügen. So sieht es zumindest der Regisseur und Gotscheff-Vertraute Panteleev. Für diese Idee hat ihm der ehemalige Gosch-Bühnenbildner Johannes Schütz eine nette, kleine Hütte mit pergamentenem Überzug auf die Bühne gestellt, an deren rohen Holzstreben am Ende nur noch Fetzen hängen werden. Das andere haben sich die beiden Protagonisten des Abends, Margit Bendokat und Samuel Finzi, nach und nach herausgerissen. Übrig bleibt nur die innere Leere. Es ist wie beim Häuten der Zwiebel, in der Peer Gynt keinen Kern findet. Es ist dies auch das Gefühl der eigenen Leere, das ihn am Ende seiner großen Lebensreise erfasst. Eine sprichwörtliche Leere, die einen durchaus auch des Öfteren an diesem Abend umfängt.

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Peer Gynt am DT Berlin - Foto (c) Arno Declair

Aus Ibsen „Faust des Nordens“ konstruiert Panteleev also ein psychologisierendes Drama des Existenzialismus. Was er in seine durchaus gelungene Warten auf Godot-Inszenierung nicht hineinpacken konnte bzw. durfte (Beckett-Erben haben das nicht so gern) - hier passt es nun. Ein bisschen Beckett-Feeling, natürlich Heiner Müller und Sätze von Jean-Luc Godard. Der eigentliche Ibsen-Text ist aus der Schaubühnenfassung von Peter Stein und Botho Strauß aus dem Jahr 1971. Panteleev hat ihn stark gekürzt und (wie schon erwähnt) mit etwas Fremdtext unterfüttert. Das fällt jedoch zumeist nicht sonderlich ins Gewicht, ist doch Ibsens Text so schon absurd genug. Von den 8 Stein-Peers ist hier nur einer übrig geblieben, und den spielt DT-Star Samuel Finzi. Bei allen anderen Rollen, vor allem den weiblichen, assistiert ihm bereitwillig Margot Bendokat. Die blafft als Mutter Aase den alten Lügen-Peer in bewährter Manier zwar hin und wieder etwas an, kann aber auch ganz lammfromm wie die treue Solvejg sein oder so verführerisch tun wie die Trollprinzessin oder die Wüstenschönheit Anitra.

Eine Mann-Frau-Zweierkonstellation, das hatten wir auch schon in der letzten Spielzeit am DT mit Sebastian Hartmanns Woyzeck in einer Bildbe- und -überschreibung mit Texten von Heiner Müller. Ein sehr körperlicher Theaterabend als Assoziations- und Improvisationsexperiment. Bei Panteleev steckt alles schon fertig im Kopf. Nur dort imaginiert sich Peer Gynt seine Reise über die Berge ans Meer und in die Wüste. Ist Trollkönig, Sklavenhändler, Missionar und gockelnder Liebhaber im Geiste. Kaiser Peer mit seinen Heerscharen, ein schöner Taschenspielertrick eines Traumtänzers und Wolkenbildermalers, nur dass ihm hier die Farben ausgegangen sind. Das Programmheft legt die Fährte in Richtung des kleinbürgerlichen Verrats an allem was ihm lieb ist, seinen Idealen und selbst der eigenen Identität. Diese Spur verliert sich allerdings schnell im feinen, weißen Granulat der Bühne, das unter den Schritten knirscht wie frisch gefallener Pulverschnee.

Die Inszenierung schlägt sich selbst mit Ibsen. „Heraus! Die neue Zeit ist angebrochen. Die Vernunft ist tot! Es lebe Peer Gynt!“ heißt es im Tollhaus, und Finzi dreht das Jackett zur Zwangsjacke um, in der der Abend bald selbst stecken bleibt. Gefangen ist der Kaiser der Selbstsucht. „Ich bin was ihr wollt.“ Der Knopfgießer will ihn als nichts Halbes und Ganzes zum Mittelmaß umgießen. Noch kann ihm Peer entwischen. Es halten ihn auch nicht Solvejgs Glaube, Hoffnung und Liebe. Am Ende geht er ab zum nächsten Kreuzweg ins Dunkle. Ein Mensch auf der Sinnsuche? Wer‘s glaubt, wird selig.

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Zuerst erschienen am 08.10.2015 auf Kultura-Extra.

Peer Gynt
von Henrik Ibsen, Deutsche Fassung von Peter Stein und Botho Strauß unter Verwendung der Übersetzungen von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde, Bearbeitung von Ivan Panteleev
Regie: Ivan Panteleev
Aussstattung: Johannes Schütz
Sounddesign: Martin Person
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Margit Bendokat und Samuel Finzi
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Termine: 15.10., 05., 18. und 25.11.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

12:19 09.10.2015
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Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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