Peer Gynt

Theater Eine Lars-Eidinger-Nabelschau an der Berliner Schaubühne mit Motiven aus Ibsens Drama in einer Bühnen-Installation des Aktionskünstlers John Bock
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Kurz nach Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater feiert mit Peer Gynt in der Schaubühne bereits der zweite Soloabend eines Berliner Theaterstars in diesem Jahr Premiere. Ähnlich wie Sophie Rois hat sich Lars Eidinger auf der Bühne rargemacht. Man kann ihn derzeit öfter im TV und auf der Kinoleinwand bestaunen als in der Schaubühne am Lehniner Platz, wo er nun nach fünf langen Jahren wieder in einem neuen Stück zu sehen ist. Der notorische Selbstdarsteller mit angeschlossenem Instagram-Account machte letztens erst wieder mit einer etwas geschmacklosen Werbekampagne für eine selbstdesignte Tasche im ALDI-Look von sich Reden, weil er sich dafür vor einem Odachlosenschlaflager ablichten ließ. Nun ja, über Geschmack lässt sich ebenso streiten wie über die Kunst. Und für sein Ibsen-Solo hat sich Eidinger dann auch den ebenfalls streitbaren deutschen Aktionskünstler, Filmemacher und Autor John Bock als Mitstreiter geholt. Beide haben bereits einige Performances zusammen bestritten und auch einen Film gedreht.

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Für die im Untertitel Ein Taten-Drang-Drama genannte Solo-Performance von Eidinger hat der Bauernsohn Bock eine für ihn typische Melkanlagen-Installation mit einem Strickmonster in der Mitte der drehbaren Bühne gebaut. Ein bekriechbares Euter, Symbol für Mutterschaft und die enge Beziehung des prahlenden Kindskopfs Peer zu seiner Mutter Aase, die Eidinger in wechselnder Kostümierung neben der Hauptperson mit einem Rollator auch mal kurz verkörpert. Bock selbst ist später als Trollkönig im Video zu sehen. Auch mit der Live-Kamera erzeugte Bilder werden auf eine aus Unterhosen zusammengefrickelte Leinwand übertragen. Dazu wird noch mit Greenscreentechnik ein wenig Hokuspokus veranstaltet und z.B. der nackte Eidinger als Troll-Gnom in einen lesbischen Softporno eingeblendet. Zwischen infantiler Da-Da-Kunst aus der Feder John Bocks zum sogenannten „Quasi-Ich“ Peer Gynts spricht Eidinger aber immer wieder auch Verse aus dem norwegischen Epos.

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Aber schon am Beginn steht eine Lüge, wenn eine Mitarbeiterin der Schaubühne erklärt, dass sich Eidinger bei den Proben einen Finger abgeschnitten hat, in der Charité operiert werden musste, aber unter starken Schmerzmitteln doch spielen kann. Beim Einlass sieht man ihn noch, wie er sich auf der Videowand schminkt und dann Brechts Gedicht vom Theaterkommunisten rezitiert. Das Überich des Künstlers beglaubigt durch andere, die er auch namentlich aufzählt. Es soll also um Lüge und Wahrheit gehen, dazu raunt es selbstreflexiv mit Ibsen „Sei du selbst“. Was dem Schauspieler Eidinger nicht schwer fallen dürfte, fällt er doch auch sonst gern in anderen Inszenierung aus der Rolle und geht auf Reaktionen aus dem Publikum ein. Hier hat er nun über 2 lange Stunden Zeit dazu und nutzt diese auch weidlich, um in den phantasievollen Kostümen von John Bock seiner Leidenschaft zu frönen. Mit Alu-Lamettahut und umgekehrtem Stuhl auf dem Kopf, in Strapsen und mit wechselnden Peer-rücken (der Name dient noch zu einigen weiteren Kalauern) erzählt er vom Ritt auf dem Grat, singt dazu Hunting High and Low von A-ha oder Ghost Town von Kanye West, spielt Keyboard auf einem Bügelbrett und switcht zwischen Ibsens Peer Gynt und anderen Texten hin und her.

Doch Eidinger bremst sich auch immer wieder selbst aus und verzettelt sich auf Umwegen wie der Krumme aus Ibsens Drama beim Ausrülpsen von Kerzen oder mixen von Würstchen-Smoothies. Dabei spielt er wie Becketts Krapp mit einem Kassettengerät und bastelt eine verschrobene Toncollage. Ein Vortrag des Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann über den Symbolismus und die Psyche Peer Gynts, einem Kind, das nur geliebt werden will, schließt sich an. Der Alleinunterhalter Eidinger kommt hier aus dem Tritt und immer mehr auf die Bühnencouch. Kaspert er noch in der Knopfgießerszene in einer Kopfkastenbühne, so kommen ihm beim Essen einer Peperoni doch die Tränen und Zweifel am eigenen Ich, das sich hier wie das Gynt‘schen Zwiebel-Ich zu schälen beginnt, bis Eidinger grün angemalt ihm Greenscreenvideo verschwindet und sich kopfüber an einer Mega-Über-Nabelschnur an John Bocks Installation hängt. Aber alles halb so schlimm, am Ende seiner Peer-Gynt-Nabelschau geht der Star ganz Entertainer einfach zum Zugabenteil über, scherzt mit dem Publikum und signiert bereitwillig die als Programmheft angebotene Unterhose.

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zuerst erschienen am 15.02.2020 auf Kultura-Extra.

PEER GYNT (Schaubühne am Lehniner Platz, 13.02.2020)
Ein Taten-Drang-Drama von John Bock und Lars Eidinger
Leitung: John Bock und Lars Eidinger
Bühne und Kostüme: John Bock
Dramaturgie: Christian Tschirner
Video: Miles Chalcraft
Musik: Andreas »Stickle« Janetschko
Licht: Erich Schneider
Mit: Lars Eidinger
Premiere war am 12. Februar 2020.
Weitere Termine: 06., 07., 08.03.2020
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, dem Théâtre de Liège und dem Festival Printemps des Comédiens Montpellier

Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de/

23:26 17.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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