Schlingensief In das Schweigen hineinschreien

Berlinale Bettina Böhler präsentierte ihren Dokumentarfilm über den Allround-Künstler Christoph Schlingensief im Panorama
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Der vor nun bereits zehn Jahren viel zu früh verstorbene deutsche Aktionskünstler, Film- und Theaterregisseur Christoph Schlingensief wäre in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden. Die Liste derer, die sich in ihrem politischen Künstlertum in den Spuren Schlingensiefs wähnen, ist lang. Es ist an der Zeit, das schmerzlich vermisste Original für die Nachwelt wieder erlebbar zu machen. Bettina Böhler, Editorin zweier Schlingensief-Filme, hat ihm jetzt einen Dokumentarfilm gewidmet, der nicht wie sonst oft üblich mit Kommentaren von Zeitzeugen angereichert das Leben des Kunst-Tausendsassas Revue passieren lässt, sondern ausschließlich aus Originalaufnahmen von Interviews, Talkshows und Ausschnitten aus seinen Kunstaktionen, Film- und Theaterarbeiten zusammengeschnitten ist.

Christoph Schlingensief war Zeit seines Lebens filmisch aktiv und schon in jungen Jahren mit der alten Schmalfilm-Kamera seines Vaters unterwegs. Der Apothekersohn aus Oberhausen hatte seine Initialzündung bereits als Kind beim Betrachten eines vom Vater versehentlich doppelt belichteten Super-8-Films, in dem über die am Strand von Norderney liegende Familie vorbeigehende Passanten laufen. Die Überblendung von Bildern und Themen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, wurde zu Christoph Schlingensiefs Arbeitsprinzip. Das und vieles mehr erfährt man im Film aus dem Munde des omnipräsenten, immer etwas hyperaktiv wirkenden Dauerredners höchstpersönlich. Entlang seiner Biografie und den verschiedenen Schaffensphasen entsteht so ein ziemlich gutes Portrait des Künstlers und Menschen Schlingensief, fast so, als wäre er immer noch unter uns.

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Bettina Böhler hat viele private Familienvideos und erste eigene Filmversuche des jungen Christoph aus dem Archiv gesichtet und zwischen die Interviewaufnahmen montiert. Schon damals sieht man ein großes Talent zur Selbstdarstellung und Verarbeitung von Erlebtem. Ansporn und Quelle sind Schlingensief das Verhältnis zu den Eltern, denen er sich beweisen will. Er parodiert dabei aber auch kleinbürgerliche Marotten und seine Lehrer. Es zieht ihn an die Filmhochschule, und trotzdem er zweimal nicht aufgenommen wird, dreht er unermüdlich weiter eigene Streifen. Als Provokateur verschrien entstehen Filme wie Menu Total, Egomania oder Mutters Maske mit Schauspielern wie Udo Kier, Helge Schneider oder Tilda Swinton, die in Ausschnitten zu sehen sind.

Mit Das deutsche Kettensägenmassaker und Terror 2000 - Intensivstation Deutschland nahm er die Wiedervereinigung und die deutsche Neonazi-Szene auf die Schippe. Weitere Stationen sind die Berliner Volksbühne, an der er sich u.a. mit 100 Jahre CDU - Spiel ohne Grenzen oder Rocky Dutschke ’68 weiter mit deutschen Themen beschäftigte. Hier gibt es ein Wiedersehen mit heutigen Theater-Stars wie Sophie Rois, Martin Wuttke oder Fabian Hinrichs in jungen Jahren. Nicht zu vergessen sind Schlingensiefs zahlreiche Aktionen wie Ausländer raus! in Wien, Baden im Wolfgangsee, oder seine Partei CHANCE 2000. Man sieht, wie Schlingensief bei der documenta X in Kassel von der Polizei verhaftet wird, weil er „Tötet Helmut Kohl!“ ruft, oder wie er FDP-Politikern faulen Fisch in den Vorgarten wirft. Auf faschistoide und ausländerfeindliche Stimmungen in Deutschland hinzuweisen, war ihm ein drängendes inneres Bedürfnis, auch in seiner Hamlet-Inszenierung mit Nazi-Aussteigern 2001 im Schauspielhaus Zürich. „Wo kommt all der Hass her?“ fragte Schlingensief bereits zu einer Zeit, als Hetzkommentare im Internet noch kein Thema waren.

Mit seinen Talkshows Talk 2000, U 3000 und Freak Stars 3000 hatte Schlingensief weniger Erfolg, aber auch da ist seine stets wache Präsenz zu beobachten. Etwas ausführlicher behandelt der Film Schlingensiefs Parsifal-Inszenierung in Bayreuth, ein für ihn sehr einschneidendes Erlebnis, das ihn nach eigenen Worten aus seinem persönlichen Toleranzbereich schoss. Als schöne Anekdote liest er sichtlich belustigt bei Gregor Gysi aus einem Brief von Gudrun Wagner an ihn. Dass das alles auch sehr viel Lebensenergie gekostet hat, sieht man dem damals 44jährigen durchaus an. Dennoch arbeitete Schlingensief auch noch mit der Krebsdiagnose unermüdlich weiter, machte diese selbst zum Thema seiner Kunst, wie man in Ausschnitten von den Proben zur Musiktheaterproduktion Mea Culpa erfahren kann. Schlingensiefs Vermächtnis ist das Projekt Operndorf Remdoogo, das er vor seinem Tod noch mehrfach besuchte und das von seiner Witwe weiter betrieben wird. In gut zwei Stunden lässt sich das Phänomen Schlingensief sicher nicht gänzlich ergründen. Bettina Böhlers Doku regt aber zur unbedingten Weiterbeschäftigung mit dem zeitlebens unermüdlichen Mahner und Kunstschaffenden an und ist ab 02. April 2020 in den deutschen Kinos zu sehen.

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Zuerst erschienen am 29.02.2020 auf Kultura-Extra.

Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien (Deutschland 2020, 124 Minuten)
Regie, Buch: Bettina Böhler
Dramaturgische Beratung: Angelina Maccarone
Montage: Bettina Böhler
Archivrecherche: Lydia Anemüller
Sound Design: Daniel Iribarren
Mischung: Adrian Baumeister
Musik: Helge Schneider
Produzent*innen: Frieder Schlaich, Irene von Alberti
Redaktion: Rolf Bergmann, Jutta Krug
Co-Produktion: rbb, Berlin; WDR, Köln

Infos: https://www.berlinale.de/

Kinostart am 02.04.2020

15:04 02.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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