THE SEQUEL

Premierenkritik Am Maxim Gorki Theater inszeniert Nora Abdel-Maksoud die Fortsetzung ihrer im Filmbusiness angesiedelten Making-of-Satire - diesmal zum Thema Political Correctness
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Anfang letzten Jahres landete die Theatermacherin Nora Abdel-Maksoud mit der Inszenierung ihres eigenen Stücks The Making-of einen veritablen Publikumserfolg. Die herrlich freche Satire über Geschlechterrollen im Filmbusiness wurde zum Theaterfestival Radikal jung eingeladen, Nora Abdel-Maksoud erhielt dafür den Kurt-Hübner-Regiepreis und wurde von Theater heute als beste Nachwuchsregisseurin 2017 ausgezeichnet. Nun erfolgte also mit The Sequel der zweite Streich. Eine, wie der Begriff aus der Kinobranche schon sagt, Fortsetzung mit gleichem Personenkreis und einer ähnlichen Thematik. Die Regisseurin und Autorin beschäftigt sich nun recht humorvoll mit der Political Correctness. Zumindest jongliert sie wieder sehr satirisch mit den Begrifflichkeiten.

Filmregisseurin Gorden (wieder Stella Hilb), die in chronischen Geldnöten steckt, will auf den Erfolg ihres letzten Kassenschlagers Fledermausmann Rises noch einen drauf setzen und eine neue Version des Klassikers 1984 von Georg Orwell drehen. Auch wieder mit dabei ist der Fistelstimmen-Darsteller Mads (einmal mehr die unnachahmlich schwäbelnde Eva Bay), ein unehelicher und vernachlässigter Spross der Actionfilm-Legende Dolph Lundgren und Superheld Fledermausmann aus dem letzten Film. Diese Rolle will die Regisseurin in ihrem neuen Streifen einbauen. Als Garant für volle Kassen besetzt sie außerdem den gealterten Star Dolph Lundgren in der Rolle der Hauptfigur Winston Smith. Taner Şahintürk gibt ihn als schwitzendes, maskulines Sinnbild zotenreißender Männlichkeit. Die Darstellerin seines Gegenspielers O‘Brien ist dagegen wie schon im letzten Film eher ein Risiko. Der ehemalige Star von Fassbinderfilmen, Matteo (gespielt von Svenja Liesau), gilt als „Hulk von Hennigsdorf“ mit mangelnder Impulskontrolle und entpuppt sich als feministische P.C.-Wächterin.

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Die erwartbaren Spannungen am Filmset führen natürlich zu den schönsten Auseinandersetzungen. Wie im Stück The Making-of werden diese am vorderen Rand der Guckkastenbühne, die Katharina Faltner wieder wie ein Kinoleinwand gestaltet hat, von den ProtagonistInnen vor laufender Kamera reflektierend nachbearbeitet. Szenen „wie es wirklich war“ wiederholen sich aus der jeweiligen Sicht des anderen. Man beharkt sich dabei ohne Rücksicht und natürlich auf die äußerst unkorrekte Art. Der Witz an dem an Situationskomik und kabarettistischen Pointen nicht armen Plots ist aber die bewusste Umkehr der Deutung von Orwells Roman in Gordons Film. Aus der Kontrolldiktatur des Big-Brother-Staats wird eine die Sprache reinigende Politelite, gegen die der männliche Held Winston als Kulturwissenschaftler unterstützt durch den Fledermausmann aufbegehrt. Da hat man natürlich sofort ganz aktuelle Bilder von Häuser-Fassaden im Kopf. Rechts und links vertauschen sich wie gerade auch bei Hermann Schmidt-Rahmers Version von Ibsens Volksfeind an der Volksbühne. Zwar spricht hier noch niemand von Volksverrätern, aber der von O’Brien als TWEM (Toter weißer europäischer Mann) bezeichnete Winston hängt hier am Hashtag-Kreuz und kämpft gegen die Vormacht einer die Sprache und Gedanken kontrollierenden links-liberalen P.C.-Minorität.

Der eine beharrt unbelehrbar auf seinen Privilegien, die andere verlangt nicht nur, dass man sich ans Skript halten soll, sondern auch noch für jeden als unkorrekte Anspielung erkannten Satz eine Entschuldigung. Da verheddert sich der Macho im immer schwieriger werdenden Wortdickicht und die Gag-Maschine läuft auf Hochtouren. Nora Abdel-Maksoud reichert das noch mit einigen herrlichen Psychomacken der ProtagonistInnen an. Nicht nur MeToo und gendergerechte Sprache auch Starallüren und ein Vater-Sohn-Konflikt stehen im Fokus der frei drehenden Satire. Gordon hat auch mit diesem, den Sieg über die Political Correctness feiernden Film einen Kassenhit gelandet und den Trend getroffen. Das ließe sich sicher wiederholen, bis auch das Haus auf Ibiza abgezahlt ist. Hier verschwimmen künstlerischer Anspruch und Anbiederung an den Mainstream wie auch Realität und Rolle. Die Inszenierung spielt geschickt mit sogenannten Sprachtabus und politischen Euphemismen.

Sah man neuerdings in Orwells 1984 eher Parallelen zum NSA-Skandal und brachte „Neusprech“ und „Doppeldenk“ mit dem von der Trump-Administration kreierten Begriff der alternativen Fakten in Verbindung, so sieht man sich hier plötzlich auch eigenen Denkmustern gegenüber. Dass aus dem rechts- und auch linkpopulistischen Sprachgebrauch vieles immer mehr anschlussfähig wird, ist ein Zeichen der Zeit, in der nicht nur von rechts zunehmend politisch scharf polarisiert wird, sondern sich auch die Linken in Verfechter von Sozial- und Identitätspolitik spalten. Das kann man hier natürlich herrlich weglachen und sich im Schoße des als politisch korrekt bekannten Maxim Gorki Theaters gemütlich machen. Die 80 Minuten im Gorki-Studio sind recht kurzweilig, wenn auch die rasante Story zuweilen etwas überdreht. Aber wer schon The Making-of mochte, wird auch The Sequel lieben.

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Zuerst erschienen am 26.11.2018 auf Kultura-Extra.

THE SEQUEL (Studio Я , 23.11.2018)
Text und Regie: Nora Abdel-Maksoud
Bühne + Kostüme: Katharina Faltner
Dramaturgie: Tobias Herzberg
Musik: Enik
Mit: Eva Bay, Stella Hilb, Svenja Liesau, Taner Şahintürk
Uraufführung am Maxim Gorki Theater, Berlin: 23. November 2018
Weitere Termine: 01., 02.12.2018

Weitere Infos siehe auch: https://gorki.de/

14:21 26.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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