The West

Premierenkritik In der Berliner Volksbühne zeigen Constanza Macras und DorkyPark eine schrille Tanzperformance über kulturelle Aneignung und westlichen Kulturimperialismus
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Wer wäre besser geeignet, ein Stück über postkoloniales Erbe, kulturelle Aneignung und Bevormundung ehemaliger Kolonialgebiete durch den Westen zu erarbeiten, als die mit ihrer internationalen Truppe DorkyPark in Berlin arbeitende argentinische Choreografin Constanza Macras. Denn vor allem auch an Kunstformen wie Musik und Tanz lässt sich die sogenannte cultural appropriation festmachen. Und was wären heute Rock, Pop, Jazz und moderner Tanz ohne die Verarbeitung multiethnischer Einflüsse? Wie der westliche Einfluss noch immer auf die Kultur und Politik von z.B. Lateinamerika oder Afrika zurückwirkt, u.a. auch davon handelt The West, nach Der Palast Constanza Macras‘ zweite Produktion an der Berliner Volksbühne, deren ehemaliges Markenzeichen OST eigentlich mal eine ganz andere Ausrichtung vorgab.

Aber auch genau deshalb passt diese Tanzperformance hier so gut hin, da der westliche Blick von Anfang an vor allem kritisch-ironisch reflektiert wird. Beginnend mit einer Tanzeinlage im Westernsetting mit Pappfelsen und gemalter Prärielandschaft zu den Klängen von Ennio Morricones Kultfilmmusik Spiel mir das Lied vom Tod bewegen sich die TänzerInnen von DorkyPark, begleitet von den beiden Live-Musikerinnen Almut Lustig und Katrin Schüler-Springorum, die von Country und Rock über klassische Renaissance-Musik bis zu Latinorhythmen so ziemlich alles paart haben.

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Auch von den Kostümen her ist das ein Culture-Clash, der u.a. Anleihen bei US-amerikanischen Comic- und Zeichentrickstars nimmt. Es wird vor allem der Figur Wonder-Woman gehuldigt, von der die argentinische Performerin Fernanda Farah in ihrer Kindheit begeistert war. Aber die Ausrichtung nach Westen hatte dann auch ihre negativen Seiten. Alles strebte vor allem nach US-amerikanischen Elektrogeräten, für die man in Argentinien einen Stromadapter brauchte. Eine weitere Folge der Amerikanisierung war aber auch ein Verfall der eigenen Währung. All das erfährt man in den zahlreichen Wortbeiträgen zwischen den Tanzeinlagen, die wie immer mit großem Engagement bis ins Akrobatische gehen. Besonders witzig hier die Anbetung einer „Church of Twerk“. Das Twerking, ein Tanzstil, bei dem viel mit den Hüften und dem Gesäß gewackelt wird, erhebt sich hier zu einer fast sektenartigen Religion, exzessiv von beiderlei Geschlechtern betrieben.

Überhaupt werden hier Geschlechterklischees witzig vorgeführt und wieder in Western-Sketchen oder nachgespielten Szenen aus lateinamerikanischen Telenovelas ad absurdum geführt. Wie im Palast gibt es auch in dieser Produktion eine TV-Quiz-Show, in der nach Herkunft oder Art von Musikrichtungen oder Interpreten gefragt wird. Bastian Trost, Gaststar vom bekannten Performance-Kollektiv Gob Squad, gibt den männlichen Besser-Wessi und Erklärbär zu den „Cancionero de Palacio“ und weiß auch über die Transformation des Rugga-Muffin-Hits Informer von Rapper Snow durch die Musik-Kulturen der Welt von Schweden über Indien bis zum Balkan zu berichten. Selbstironisch nimmt man Fälle kultureller Aneignung in der westlichen Theaterszene auf die Schippe. In einer kurzen Szene gibt es sogar einen kleinen Seitenhieb auf Thalheimers Katzelmacher-Inszenierung im BE.

Das alles wird live intoniert oder per Video eingespielt. Einen weiteren Exkurs gibt es zu den in den der DDR sehr populären Freizeitindianern. Ein Fest für die Augen und Ohren sowie der kulturellen Vielfalt, der die Auswirkungen westlichen Kulturimperialismus zeigt, wie auch die Vernichtung der indigenen Bevölkerung Nordamerikas als Play-Mobil-Figuren-Fight nachstellt, oder die Geschichte der Kolonisation des sehr spirituellen Volks der Xhosa aus Südafrika erzählt und Latina-Pop-Diven wie Jennifer Lopez parodiert, bis eine allgemeine Zombiefizierung und gegenseitige Infizierung einsetzt. Damit aber trotz der etwas zu ausufernden drei Stunden auch bestes Entertainment liefert.

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Zuerst erschienen am 27.02.2020 auf Kultura-Extra.

The West
Eine Koproduktion mit Constanza Macras | DorkyPark
Regie und Choreografie: Constanza Macras
Bühne: Alissa Kolbusch
Kostüme: Roman Handt
Licht: Sergio de Carvalho Pessanha
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Mit: Candaş Bas, Adaya Berkovich, Alexandra Bódi, Emil Bordás, Kostia Chaix, Fernanda Farah, Thulani Lord Mgidi, Daisy Phillips, Miki Shoji, Bastian Trost
Musikerinnen: Almut Lustig, Katrin Schüler-Springorum
Die Uraufführung war am 26.02.2020 in der Volksbühne Berlin
Termine: 29.02. / 05., 06., 27.03. 2020

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de/

15:51 28.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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