Theatertreffen 2015

Theater Festung Europa und Schutzraum Theater - Das 52. Berliner Theatertreffen eröffnete mit der Inszenierung des Jelinek-Stücks "Die Schutzbefohlenen" von Nicolas Stemann
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Theatertreffen 2015
Thelma Buabeng, Ernest Allan Hausmann, Felix Knopp, Isaac Lokolong, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Dennis Roberts, Sebastian Rudolph und ein Flüchtlingschor

Foto: Krafft Angerer

Politik und Ästhetik in den eingeladenen Inszenierungen (Teil 1)

Neben Realität oder Fiktion, Authentizität und Interaktion gegenüber der reinen Repräsentation sind in der Kunst am Theater auch Politik und Ästhetik von entscheidender Wirkung. Was sich im geschützten Raum des Theaters abspielt, muss immer wieder mit dem tatsächlichen Geschehen in der realen Welt ver- und abgeglichen werden. Theater als offenes oder geschlossenes System – Kunst und Wirklichkeit bedingen sich einander. Vermischen aber kann man sie nur, wenn man sich aus der Fiktion löst und direkt in die Realität einwirkt, auch mit der Aktion vor Ort, die mitunter sogar ein konkretes politisch motiviertes Ziel verfolgt. Ästhetisch gesehen ist das natürlich immer auch eine künstlerische Gratwanderung. Wie sieht das nun exemplarisch bei den aktuell zum 52. Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Theaterinszenierungen aus? Nach Festival-Leiterin Yvonne Büdenhölzer widmen sich nämlich die eingeladenen Theatermacher in ihren Interpretationen und Kreationen angeblich großen gesellschaftspolitischen Problemen wie Krieg, Flucht und den dadurch bedingten Traumata.

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Bereits im Oktober letzten Jahres ging ein schier unglaubliches Foto um die Welt. Auf einem riesigen Drahtzaun, der die spanischen Exklave Melilla an der Grenze zu Marokko vom Kontinent Afrika trennt, hingen Flüchtlinge, die unter Einsatz ihres Lebens, diesen Zaun zu überwinden versuchten, während auf der anderen Seite reiche Europäer in aller Seelenruhe Golf spielten. Zurzeit häufen sich in den heimischen TV- und Printmedien wieder die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten und angeschwemmten Leichen aus dem Mittelmeer. Eine fortgesetzte Schande für die Länder der Europäischen Gemeinschaft und die Verantwortlichen dieses unmenschlichen Grenzregimes.

Angesichts dessen und der Tatsache, dass die Künstler-Gruppe „Zentrum für politische Schönheit“ mit ihrer Aktion Erster Europäischer Mauerfall bereits im letzten Jahr für großes Furore sorgte, wäre es geradezu kurzsichtig vom Berliner Theatertreffen, der nun wieder anstehenden Leistungsschau der deutschsprachigen Theaterlandschaft, solch Engagements politisch aktiver Kunst nicht zu würdigen. Fast schon retrospektiv bemüht man sich nun dem Thema einigermaßen gerecht zu werden. Und so hat es dann auch ein anderer diskussionswürdiger Versuch, nämlich Nicolas Stemanns Inszenierung des Klageepos Die Schutzbefohlenen von der österreichischen Autorin Elfriede Jelinek nach Berlin geschafft. Die Produktion des Thalia Theaters Hamburg, die am 1. Mai das 52. Theatertreffen eröffnet, deutet dabei nicht nur an, wo die Grenzen in Europa verlaufen, sondern auch wo der Kunst die Grenzen gesetzt sind. Diese Grenze in den Köpfen und der allgemeinen Wahrnehmung zu verschieben, war letztendlich auch die Absicht der an die Grenze der „Festung Europa“ entführten Berliner Mauerkreuze.

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Schaukasten Thalia Theater Hamburg

Im Vergleich weniger spektakulär, aber darum nicht minder eindrucksvoll erzählt in Jelineks Stück ein Chor von Flüchtlingen seine Geschichte von Verfolgung, qualvoller Flucht und neuen Repressionen im Land der Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Recht und Demokratie. Ein Fundament, auf das wir nicht steigen können, da es auf dem Rücken von Menschen gebaut ist, wie es so ähnlich auch in Jelineks Text heißt. Ihr Text hat Anklänge an antike und mythologische Stoffe wie den Chor Die Schutzflehenden von Aischylos, Ovids Metamorphosen und die Bibel. Aber auch Schriften und Ereignisse mit aktuellem Zeitbezug wie etwa eine Broschüre des österreichischen Staatssekretariats für Integration mit dem schönen Titel „Zusammenleben in Österreich“ oder bös ironische Spitzen auf sogenannte willkommene Einwanderer wie die Opernsängerin Anna Netrebko und die Blitzeinbürgerung der Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa sind mit eingeflossen.

Die große Frage bleibt hier aber: Wer spricht für wen, oder wem soll letztendlich wirklich dadurch eine Stimme gegeben werden. Das typische Repräsentations- und Stellvertreterdilemma des Theaters, das hier noch dadurch verstärkt wird, dass man nicht etwa nur eine fiktive Rolle spielt, sondern im Namen einer tatsächlich vorhandenen, aber größtenteils stummen Menschengruppe spricht, die uns größtenteils dadurch fremd ist, dass wir ihre wahren Geschichte/n nicht kennen, und uns auch bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht für diese interessiert haben. Das hat Regisseur Stemann auch erkannt und versucht dem Problem in seiner Inszenierung weitestgehend Rechnung zu tragen.

Neben dem Inhalt des Textes selbst, der mal im typischen Jelinek-Stil kalauernd daher kommt, dann aber auch wieder ganz pathetisch Leid, Verzweiflung und Rechtlosigkeit beklagt, ist es aber immer auch seine adäquate Darstellung, worüber er sich letztendlich transportiert, um seinen Weg zum Publikum zu finden. Hier ist das Spiel zunächst wie selbstverständlich auf eine Gruppe weißer, männlicher Schauspieler (Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Daniel Lommatzsch) aufgeteilt. Zu Ihnen gesellen sich dann noch die schwarzen Schauspieler Ernest Allen Hausmann und Thelma Buabeng sowie die Hamburgerin Barbara Nüsse, die die erste Gruppe nun wieder in Zweifel ziehen.

Stemann lässt alle mit den Worten Jelineks um ihre Präsens und Deutungshoheit auf der Bühne ringen. Das gipfelt dann in der Feststellung: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen." Ein Dilemma zwischen Betroffenheit über das Gesagte, und dem Paradox der Einfühlung bei gleichzeitiger Repräsentation. Dem begegnen die Darsteller immer wieder mit dem Hinterfragen von Stereotypen, provokantem Vorführen von fragwürdigen Theatermitteln (Black/Whitefacing), einem aus der Rolle heraustreten, oder auch mit Travestie, Slapstick und ironischen Musiknummern. Die wirklich Betroffenen kommen dann aber auch noch zu Wort. Im Hintergrund formiert sich ein echter Chor aus Schutzsuchenden, die neben Jelineks Text (Wer ist denn diese Jelinek überhaupt?) auch über ihre ganz eigenen Geschichten sprechen.

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Fotos: St. Bock

Die Inszenierung erntete bisher viel Lob, aber auch ernst zu nehmende Ablehnung, die sich gerade wieder in der Anprangerung des von Betroffenen als rassistisch empfundenen Theatermittels des Blackfacing manifestieren. Die Vorwürfe, die sich anlässlich einer Stellungnahme des künstlerischen Leiters des Ballhaus Naunynstraße Wagner Carvalho nach seinem demonstrativen Verlassen der Aufführung beim Theatertreffen neu entzündet haben, wiegen schwer. „Blackface ist Rassismus pur und das Theatertreffen ist diesbezüglich Wiederholungstäter“ ließ Wagner Carvalho verlauten. Und das obwohl beide Kulturinstitutionen sich gemeinsam an der Plattform My Right Is Your Right!, einem Netzwerk gegen Rassismus und für die Unterstüzung von Flüchtlingen in Europa beteiligen. Verkehrte Welt, möchte man da meinen. Die Bereitschaft, sich für die Rechte von Flüchtlingen einzusetzen, ist das eine, sich mit alltäglichem Rassismus auseinanderzusetzen die andere Seite der Medaille.

Ob es Nicolas Stemann mit seiner Inszenierung, die ja die Problematik der Darstellbarkeit auf der Bühne und die Zweifel daran gleich mit zum Thema macht, gelungen ist, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, bleibt da wohl eher zweifelhaft. Jeder Zuschauer tut also gut daran, beide Seiten zu hören, und sich selbst eine Meinung zu bilden – gern auch bei einem Besuch der Hamburger Aufführung mit den obligatorischen Tischgesprächen im Anschluss.

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Zusammenfassung von Beiträgen aus Kultura-Extra und blog.theater-nachtgedanken.de

DIE SCHUTZBEFOHLENEN (Haus der Berliner Festspiele, 1.5.2015)
Regie und Bühne: Nicolas Stemann
Bühnenbild Mitarbeit: Anja Hertkorn
Kostüme: Kathrin Wolfermann
Musik: Daniel Regenberg und Nicolas Stemann
Video: Claudia Lehmann
Dramaturgie: Stefanie Carp
Mit: Thelma Buabeng, Ernest Allan Hausmann, Felix Knopp, Isaac Lokolong, Daniel Lommatzsch, Barbara Nüsse, Dennis Roberts, Sebastian Rudolph. Flüchtlingschor: Mayila Ainiwaer, Ouja Arjmand, Arman Dalir, Lida Daniel, Alexander Doderer, René Ehringer, Doris Ehrlich, Mireira Ginestí, Santiago Jiménez Giraldo, Hanna Green, Wakaso Kalibo, Barbara Krebs, Atabak Hoshmand, Wolfgang Huth, Ali Kabir, Filar Kanzler, Satar Karim, Alexandra Kilian, André Meyer, Youssef Moufakhir und Philipp Schneider
Uraufführung im Thalia Theater Hamburg war am 12. September 2014
THEATERTREFFEN-Gastspiel des Thalia Theaters Hamburg
Termine: 1. + 2. Mai 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.theatertreffen.de

Die nächsten Termine am Thalia Theater Hamburg: 01.06., 05.07. und 08.07.2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-schutzbefohlenen/

13:45 10.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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