Untergang des Egoisten Johann Fatzer

Premierenkritik Das Fragment von Bertolt Brecht in einer Fassung von Manfred Karge und Hermann Wündrich am Berliner Ensemble.
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Es gibt da dieses Interview, das Manfred Karge und Matthias Langhoff anlässlich ihrer Inszenierung des Fatzer-Fragments von Bertolt Brecht 1978 am Hamburger Schauspielhaus mit dem Spiegel geführt haben.Sie hatten damals für eine Aufführung an der Ost-Berliner Volksbühne die Rechte von den Brecht-Erben nicht erhalten und die Einladung nach Hamburg dankend angenommen. Das damals als recht radikal bekannte Regie-Duo wehrte sich hiermit gegen den, so Langhoff wörtlich, "Trend zur Konservierung", der ihrer Meinung nach v.a. auch an der Institution Berliner Ensemble (durch dessen museale Praktiken v.a. mit Werken von Brecht) vorherrschte. Das liest sich dann heute wie ein Treppenwitz in der Theatergeschichte, denn: Der Anachronismus scheint so aktuell wie nie, weil das BE mit seinem Künstlerintendanten Claus Peymann (und eben auch mit dem dort angestellten Manfred Karge) in ihm anhaltend verharrt.

Foto: St. Bockhttp://blog.theater-nachtgedanken.de/wp-content/uploads/2014/06/Fatzer_BE_Litfasssäule.jpg

Aber vielleicht liegt das auch an der Eigenart des Hauses, das von Brecht über Weigel und Berghaus bis zu Wekwerth (der dann ebenfalls in 1987 "seinen" Fatzer inszenierte) immer von so großen Theater-PatriarchInnen geführt wurde, bis es nach der Wende von einem Regisseurskollektiv unter Peter Zadek und Heiner Müller übernommen wurde. Ihnen folgte bekanntlich 1999 Claus Peymann von der Wiener Burg. Der Versuch der Kollektivierung der Brechtbühne scheiterte übrigens auch am Ego der sehr unterschiedlichen Regisseure. Womit wir wieder beim Egoisten Johann Fatzer sind. Die Spielfassung zu Karge/Langhoffs Hamburger Inszenierung von 1978 lieferte den Beiden ausgerechnet jener Heiner Müller. Und wenn man über eine heutige Fatzer-Inszenierung spricht, hat man es dann meist auch mit Müllers Stückfassung zu tun. Müller hielt Brechts Fatzer gar für einen Jahrhunderttext. Es ist in jedem Falle einer seiner politischsten und immer noch aktuellsten. Grundsätzlich ging es in Heiner Müllers Bearbeitung um die Auseinandersetzung mit dem Terrorismusproblem in der (alten) Bundesrepublik, was nachgerade ein gesamtdeutsches Problem geworden war - wie wir fast 25 Jahre nach der Wende wissen. Also die Staatsgewalt der BRD gegen die Gewalt sich radikalisierender linker Gruppierungen wie der RAF.

In Karges Neuinszenierung vom Untergang des Egoisten Johann Fatzer am BE wird es jetzt ein Memorial-Abend zum Jahrestag des Ersten Weltenbrandes in Sachen: Nie wieder Krieg! Das ist aller Ehren wert und auch sehr stimmig, deckt doch Brechts Fatzer-Fragment in lose aufeinanderfolgenden Szenen anhand einer aus dem Ersten Weltkrieg desertierten vierköpfigen Panzerbesatzung inklusive des vorrevolutionären, außerparlamentarischen Klassenkampfs diese Thematik sehr gut ab. Und das aus der Erfahrung des damals linksintellektuellen Autors Brecht mit der Weimarer Republik, in der sich in den 1920er Jahren rechts- und linksradikale Gruppierungen offen gewalttätig geführte Kämpfe lieferten. Im Programmheft, das auch die Textfassung von Manfred Karge und Hermann Wündrich enthält, wird, ganz am Ende versteckt, Hans Magnus Enzensbergers Glosse „Die Schrecken der Weimarer Republik“ aus Hammerstein oder der Eigensinn - Eine deutsche Geschichte abgedruckt. Dies scheint der einzige Bezugspunkt und Kommentar von Karges Inszenierung zu sein. Zur Fassung Heiner Müllers grenzt man sich weitestgehend ab, was schon im Titel der Wegfall des einleitenden Artikels "Der" bezeugt.

Ins Auge sticht zunächst die von Karl-Ernst Herrmann aus lauter Totenschädeln gestaltete Bühne. Er ist der Zweite im Produktionsteam des BE, der mit Brechts Fatzer schon mal Bekanntschaft geschlossen hatte. Für die Uraufführung von Frank-Patrick Steckel 1976 an der Berliner Schaubühne gestaltete er die Bühne u.a. mit einem Ungetüm von Kettenpanzerwagen. Über Herrmanns Endzeitlandschaft im BE trippelt nun zunächst Ursula Höpfner-Tabori vorsichtigen Schritts, als suche sie nach einem ihr bekannten Gesicht unter diesem Meer aus Schädeln. Sie bringt die erste einleitende Chorpassage: „War ein Krieg aller Völker / Welche sich eingruben…“, und dementsprechend kriechen hier die vier Soldaten Fatzer, Koch, Büsching und Kaumann unter Gasmasken nicht etwa aus einem Tank, sondern aus einem großen Loch inmitten der Schädel. Ein durchaus beeindruckendes Bild, passend dem Vergleich der Vier für ihre Wiedergeburt, aus dem sich aber im Folgenden nichts weiter ergibt als zusätzlicher Raum für Auf- und Abgänge.

Die umgebenden Bühnenwände sind als Tafeln gestaltet, an die Fatzer (Joachim Nimtz) dann auch schulmäßig seine Theorie der zwei Linien, zwischen denen sich die vier befinden, malen kann. Die eine Linie für „Soldaten wie ich, aber der Feind“, und die andere für „die ist hinter mir, … Das ist die, die uns herschicken, das ist die Burschoasie.“ Die Fronten sind klar abgesteckt. Die Deserteure liquidieren also unter Fatzer ganz spontan den Krieg und begeben sich nach Mülheim an der Ruhr in die Wohnung des schlichten Kaumann (Thomas Wittmann), um dort das Ende des Kriegs und den Beginn der Revolution abzuwarten. Manfred Karge hat eine recht geradlinige Szenenabfolge gewählt, die die Geschichte stringent und nachvollziehbar vom Anfang bis zum bitteren Ende erzählt, ohne groß in kommentierende Chöre und Seitenstränge abzuschweifen, außer einem Mummenschanz-Ballett von preußischen Generälen, die, wie aus einem Bild von George Grosz entsprungen, über die Schädel tänzeln.

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Foto (C) Lucie Jansch



Brecht hat aber vor die Revolution noch das Problem des Fressens gesetzt. Und so wird die Proviantbeschaffung der Truppe zur wirklichen Zerreißprobe. Die Ausflüge Fatzers bringen alle um die schon sicher geglaubte Nahrung. Nimtz spielt seinen Egoisten als bauernschlauen Individualisten - eher ein proletarischer Baal als politischer Anarchist, der ohne die anderen besser dran wäre, sich aber aus lauter Gewohnheit in die Gemeinschaft fügt, die im Intellektuellen Koch (Roman Kaminski) schnell ihren Ideologen und im Mitläufer Büsching (Mathias Zahlbaum) ihren Vollstrecker („...der Mensch ist der Feind und muß aufhören.“) findet. Der Rest ist ein Panoptikum aus Kriegsanekdoten am laufenden Band mit blutrünstigen Fleischern, Rinderhälften, Schiebern, Huren und Kriegsgewinnlern. Warum die Revolution scheinbar nicht funktioniert oder eben nur in vereinzelten gewaltsamen Schüben, muss - wer kann - aus Text und Handlungsgerüst erahnen. Mit den unlösbaren Widersprüchen in der Fatzerfigur, die Brecht schon zur Aufgabe des Fragments bewegten, weiß Karge sichtlich nichts anzufangen. Er lässt unbeirrt vom Blatt spielen. Alle abnickbaren Schlagworte werden dabei frontal ins Publikum gesprochen.

Auf die Ausübung staatlicher Gewalt, wie etwa noch in der modernisierten Inszenierung Fatzer Fragment / Getting Lost Faster des Teatro Stabile Turin, die als Gastspiel 2012 an der Berliner Volksbühne zu sehen war (dankenswerter Weise gibt das Programmheft des BE einen kleinen geschichtlichen Abriss der wichtigsten Fatzer-Inszenierung seit 1976), geht Karge am BE gar nicht erst ein oder setzt sie vielleicht auch als gegeben voraus. Das Thema ist aber so aktuell, dass es einen aus den Medien fast schon anspringt. Gerade etwa tobt eine Debatte über die Angemessenheit einer Kritik an Bundespräsident Joachim Gauck bezüglich seiner Äußerung, Kampfeinsätze der Bundeswehr im Ausland nicht mehr von vornherein auszuschließen. Nichts anderes macht die Bundesregierung seit Jahren. Gauck liefert lediglich neue Munition als Aufmunterung an die deutschen Politiker, dies nun endlich auch entsprechend parlamentarisch zu parafieren.

Am Berliner Ensemble endet alles vorhersehbar folgenlos. Nach dem gescheiterten Versuch Kochs, die Arbeiterschaft beim Heimbordellbesuch bei der unter sexuellem Notstand leidenden Frau des Kaumann (Ursula Höpfner-Tabori) zu agitieren, verfällt die Truppe schnell in eine Art Lagerkoller, bekriegt sich gegenseitig („Der Krieg hat uns nicht umgebracht, aber bei ruhiger Luft im stillen Zimmer bringen wir uns selber um.“) und fokussiert ihre Wut schließlich auf den Abweichler und potentiellen Verräter Fatzer. Ein Schlüsselsatz des Einpeitschers Koch ist: „Nach uns kommt nichts. Aber solange wir da sind, geschieht alles richtig.“ Und somit ist die Hinrichtung Fatzers ausreichend begründet. Wer der „dreckige Staat“ ist, der sie hier letztendlich richtet, verraucht in der letzten Maschinengewehrsalve. Da gibt es selbstredend keine Sieger mehr. Das ist retrospektiv alles sehr schön gedacht und gemacht, aber auch ein großer Kotau vor der restaurativen Spielweise des Claus Peymann'schen BE. Und wie wir wissen, hatte Manfred Karge den Schlüssel zum buchstäblichen Aufschließen der Brecht'schen Parabel schon in der Hand, ihn aber anscheinend über die Jahre wieder verbummelt. Oder ist er etwa doch klüger geworden? Man möge es beim Gang ins BE selbst entscheiden. Der Text Brechts lohnt es allemal.

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Zuerst erschienen am 30.06.2014 auf Kultura-Extra.

UNTERGANG DES EGOISTEN JOHANNES FATZER
Regie: Manfred Karge
Bühne und Kostüme: Karl-Ernst Herrmann
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Musik: Alfons Nowacki
Mit: Anke Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Marina Senckel; Roman Kaminski, Michael Kinkel, Joachim Nimtz, Stephan Schäfer, Martin Schneider, Felix Tittel, Thomas Wittmann, Matthias Zahlbaum
Premiere war am 28. Juni 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de/

11:26 02.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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