Westend

Theater Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Stephan Kimmig das neue Stück von Moritz Rinke über die Krise des alten, um sich selbst kreisenden Westens
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Westend
Die Räume der neuen Behausung des Paars Eduard (Ulrich Matthes) und Charlotte (Anja Schneider) sind ebenso leer wie ihre Ehe

Foto: Arno Declair

Wie Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer steht Schauspieler Ulrich Matthes zu Beginn mit dem Rücken zum Publikum. Er spielt den Schönheitschirurgen Eduard, der das Innere seiner neu erworbenen Villa betrachtet. Er stützt sich zur Musik des Schöpfungsoratoriums von Joseph Haydn allerdings auf einen großen Abriss-Hammer. Ein Zeichen, dass hier im übertragenen Sinne im Laufe des Abends kein Stein auf den anderen bleiben wird.

Westend heißt das neue Stück von Moritz Rinke, Dramatiker und ehemaliger Schreiblaborleiter an Oliver Reeses Berliner Ensemble. Nach der plötzlichen Trennung wegen unterschiedlicher künstlerischer Auffassungen (wie es immer heißt) wurde das Stück nun am benachbarten Deutschen Theater uraufgeführt. Der Titel Westend steht einerseits für den alten Berliner Stadtteil mit einstmals hoher Reichen- und Promidichte, anderseits verkündet er aber auch das Ende des sorglos mit sich beschäftigten Westens.

Eingebetteter Medieninhalt

Leer sind noch die Räume der neuen Behausung des Paars Eduard und Charlotte (Anja Schneider), erworben mit dem Geld aus dem Verkauf einer von Charlottes Vater geerbten Goethe-Zeichnung. Genauso leer ist aber auch die Ehe der beiden, die sich längst auseinandergelebt haben und ihren beruflichen Interessen und der Karriere nachgehen. Eduard hilft reichen Leuten dabei, ihr Alter zu vergessen. Er hört nicht gern den Terminus Schönheitssalon und spricht von Seelenfrieden, Charlotte ironisch von einem Salon für die Kompensation innerer Werte. Sie ist Solistin an der Oper und soll nach einer Stimmbandoperation den Part der Eva in Haydns Schöpfung übernehmen.

In ihr von der realen Außenwelt relativ abgeschottetes Leben brechen nun (angelehnt an Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften) Eduards ehemaliger Studienfreund und Arzt ohne Grenzen Michael (Paul Grill) sowie die 24-jährige Nachbarstochter Lilly (Linn Reusse) und sollen so den Goethe/Rinke-Cocktail der (bio)chemischen Affinitäten zum überreagieren bringen. Michael kommt traumatisiert vom Operieren durch den Krieg verstümmelter Kinder aus Afghanistan, hilft im Garten und will seine alte, geheim gehaltene Beziehung zu Charlotte wiederaufleben lassen. Die Medizinstudentin Lilly, angeekelt vom Leben ihres Vaters, einem Filmproduzenten, der nach dem Tod seiner Frau ständig neue Affären mit seinen Schauspielerinnen hat, möchte wissen, „wo die Seele lebt“ und findet sie ausgerechnet beim Zyniker Eduard, der sich sofort in sie verliebt.

Das Ganze plänkelt nun im recht einfach gestrickten Pointen-Sound von Rinkes Text dahin, ohne dass sich vor der Pause des dreistündigen Abends irgendeine erwähnenswerte tragische Fallhöhe einstellen würde. Wirklich langweilig ist es dank der guten Besetzung aber auch nicht. Besonders Anja Schneider kann als frustrierte Ehefrau und verhinderte Künstlerin mit ein paar Treffern punkten. Paul Grill poltert mit ein paar provokanten Bemerkungen zur Schuld des Westens an Terrorismus und Islamismus und zertrümmerten den gerade erst bei IKEA gekauften Tisch, bevor dann im zweiten Teil zwei Zinksärge (mit Versalien-Aufschrift: „Here lies The Truth“) auftauchen, die Eduard für Michael nach Tripolis schicken sollte, sich aber nicht genug um den Transport gekümmert hat. An allem sind für Eduard die Russen Schuld, die als Spediteure seine Möbel nicht liefern und deshalb wohl auch die Krim annektiert haben. Die alte Konkurrenz des Karrieristen Eduard und des Idealisten Michael bricht neu aus. Die redselige Romantikerin Lilly, die sich auch mit Charlotte anfreundet, mischt das Trio zusätzlich auf, bis das metaphorische Gewitter über der Szenerie grollt.

Regisseur Stephan Kimmig inszeniert das Stück bis zur Pause ganz achtsam. Er macht zumindest nicht allzu viel und wohl auch deshalb nicht viel falsch, da er ganz auf sein Ensemble vertraut. Zu diesem gesellen sich dann in einer Geburtstagsfeier für Lilly noch deren Vater Marek (Andreas Pietschmann) und dessen Geliebte Eleonora, eine exaltierte russische Schauspielerin (Birgit Unterweger). Wie zu erwarten, wird das zur Stunde der Wahrheit, wo alles ans Licht kommt und jeder mal seinen Offenbarungsauftritt hat. Besonders die englisch parlierende Eleonora, die es satt hat, immer nach den ersten Minuten von Mareks Filmen sterben zu müssen und ihren Schönheitschirurgen Eduard als einfühlsamen Mann lobt. Hört, hört! Auch von seiner Tochter bekommt Marek einiges zu hören, bis die zu echtem Feuerwerk greift, bei dem das ganze Haus in Rauch aufgeht.

„Der Narzissmus ist unsere Staatsform“, entgegnet Eduard auf die Vorwürfe seiner Frau. Ihre Egos prallen auf- und voneinander ab. Die Liebenden befinden sich im freien Fall, „die Menschen fallen jetzt aufeinander zu“, wie es bei Rinke heißt. Das hätte man gerne gesehen. Aber weder in Text noch Inszenierung wird diese behauptete Fallhöhe je erreicht. Nur in ein paar Solotänzen zu eingespielter Popmusik offenbaren sich die Verletzlichkeiten der Protagonisten. Ansonsten mauert der am Ende wieder ruhiger werdende Abend, der nie wirklich zu seinem eigentlichen Titelthema findet.

----------

Zuerst erschienen am 08.01.2019 auf Kultura-Extra.

10:45 08.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

Kommentare