Wolken.Heim

Theater Intendant Enico Lübbe eröffnet am Schauspiel Leipzig mit Elfriede Jelineks intertextueller Collage über deutschnationale Selbstvergewisserung die neue „Diskothek“
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Eine Woche nach der Uraufführung ihres neuesten Theaterstücks Am Königsweg am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erhielt die österreichische Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek in Leipzig den vom Deutschen Bühnenverein ausgelobten Theaterpreis FAUST für ihr Lebenswerk. Grund genug für Enrico Lübbe, Intendant am Schauspiel Leipzig, ein älteres, aber verblüffend aktuelles Stück der Literaturnobelpreisträgerin neu zu inszenieren. Gleichzeitig mit der Premiere von Wolken.Heim. wurde endlich auch die neue Spielstätte „Diskothek“ in den bereits unter Vorgänger Sebastian Hartmann zur Dauer-„Baustelle“ gewordenen Räumlichkeiten eröffnet. Die Stadt Leipzig hat dem Theater 4,6 Mill. Euro spendiert. Nun muss das Publikum nicht mehr die vielen Stufen bis unters Dach des Schauspiels steigen, sondern kann bequem den Eingang an der Ecke Bosestraße/Dittrichring nehmen. Intendant Lübbe will hier weiter junge zeitgenössische Dramatik zeigen. Und auch in dieser Spielzeit wird es da wieder einiges Neues zu entdecken geben.

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Fast 30 Jahre ist es her, dass Elfriede Jelinek das Stück Wolken.Heim. schrieb. Entstanden ist es 1988 nach der eingehenden Beschäftigung mit philosophischen Schriften zum Mythos der deutschen Nation, die sich im Text immer wieder als sogenanntes „Wir“ zu erkennen gibt. Diesem Wir in den Mund legt die Autorin Zitate großer deutscher Dichter und Philosophen wie etwas Hölderlin, Kleist, Fichte, Hegel und Heidegger. Besonders Hölderlins Dichtung und die philosophischen Schriften Heideggers gehören ja bekanntermaßen zu den am häufigsten verwendeten Quellen in den Stücken Jelineks. Im letzten Drittel schneidet Elfriede Jelinek noch Zitate aus den Briefen der in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder aus den Jahren 1973-1977 in den Text. Diese sind teilweise selbst Zitate von Vorbildern der RAF-Kämpfer wie etwa Frantz Fanon oder Girolamo Savonarola.

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Die Besonderheit der Verfahrensweise von Elfriede Jelinek ist die stark intertextuelle Verwendung der Zitate. Dabei verfremdet sie den Originaltext und überführt ihn in einen einzigen monolithischen Redefluss ohne jegliche Kennzeichnung. Inspiriert wurde die Autorin von dem Essay Das Gedächtnis des Bodens von Leonhard Schmeiser, in dem der österreichische Philosoph und Buchautor über die Themen und Tendenzen der deutschsprachigen Intellektuellen im Umfeld der Jahre 1790 bis 1820 schreibt. Schon da ist viel von Blut und Boden die Rede. Schmeisers These ist dann auch, den deutschen Idealismus mit seinen Nationalbestrebungen in Folge der Napoleonischen Fremdherrschaft mit der Entstehung des Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen. Die Ausnutzung von Fichtes Reden an die Deutschen und Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte durch die Nationalsozialisten sind Tatsache. Dazu kommt die Anbiederung Heideggers in seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Freiburg, in der er 1933 das „Wesen der deutschen Universität“ mit der Notwendigkeit von „Arbeitsdienst, Wehrdienst, und Wissensdienst“ in Einklang bringt.

Und so klingt dann auch Jelineks Text wie eine einzige politische Rechtfertigungsrede der Deutschen für Fremdenfeindlichkeit und innere Abgrenzungsbestrebungen und ist somit nah an den Aussagen heutiger AfD- und Pegida-Redner. Das ist besonders wirkungsvoll, da diese Aussagen fast unmerklich und nur indirekt durch die Autorin gebrochen werden. Das passiert zumeist durch Wiederholungen von rhetorischen Phrasen wie das immer wieder auftauchende „wir sind zuhaus“. Jelinek versucht damit die Überlegenheitsgefühle und das deutsch-nationale Gedankengut der Stimmen im Text ins Lächerliche zu ziehen. Hier ist die Autorin zwar noch fern jeglicher Kalauerei, der ihre späteren Stücke kennzeichnet, aber der etwas biedermeierlich anmutende poetische Ton tut sein Übriges.

Regisseur Enrico Lübbe hat die Vorlage dann auch dementsprechend inszeniert. Fast alles wirkt hier wie aus einem Lese- und Bilderbuch der deutschen Romantik entsprungen. Düster und biedermeierlich auch das Bühnenbild, das nach Gemälden des Leipziger Malers Titus Schade gebaut wurde. Es zeigt dunkle Häuser unter Laternenschein, aus deren Schornsteinen sich dünner Rauch schlängelt, Fachwerkfassaden, Wolkenbilder und weihnachtlichen Schwippbogennippes. Da herum patrouilliert Hartmut Neuber als Blockwart mit Taschenlampe. Dahinter verbergen sich Schlafgemach und Bücherstube. Ein Raum zum Träumen, in dem der Text auch immer mal von kratzenden Schallplatten klingt und ein Raum für das bildungsbürgerliche Herz, in dem Tilo Krügel im Schößchenfrack in alten Büchern wühlt. Bettina Schmidt bügelt als deutsche Hausfrau Pelz und Schwert oder hört bei einem deutschen Mittagstisch dem Gatten beim Philosophieren über die Minderwertigkeit der „Orientalen“, „Slawen“ und „Neger“ gemäß den Schriften des deutschen Staatsphilosophen Hegel zu.

Zur Identifikation der Deutschen mit dem Boden und den aus ihm erwachenden Mythen und untoten Helden wie Barbarossa oder den Nibelungen komponiert Lübbe starke Bilder, auch wenn der Auftritt von Hubert Wild als kostümierter Kaiser Rotbart, eines Zwergs Mime mit Schwert sowie von Märchenfiguren wie Rapunzel und Rotkäppchen (Anna Keil), das den Wolf vor Waldkulisse küsst, sicher eher belustigend wirken, als dass sie einen erschauern lassen. Das übernimmt der zwischendurch eingespielte, knackende Elektrosound von Hubert Wild, der die Umbrüche im Text markiert. Dazu wird auch immer wieder im Chor deutsches Liedgut wie gesungen. Dass Elfriede Jelinek die Briefe der RAF ins Spiel bringt, was sich hier in heftigen, plötzlichen Wortattacken entlädt, ist eine Reflexion der bleiernen Nachkriegszeit, gegen deren Geschichtsvergessenheit sich der Terror der RAF richtete, sich dann aber in Gewalt, Durchhalteparolen und Wir-Vergewisserung erschöpfte. Ein Revolutionsversuch, der als deutsches Trauma immer noch nachwirkt.

Wolken.Heim., in Berlin zuletzt von Claus Peymann ein Jahr nach Elfriede Jelineks Nobelpreiseehrung inszeniert, ist wieder häufiger auf den Spielplänen deutschsprachiger Bühnen zu finden. Ein immer noch brennend aktuelles Stück deutscher Geschichtsaufarbeitung, aus dem sich auch der Autorin Heimatland Österreich in keiner Weise herausdenken ließe.

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Zuerst veröffentlicht am 18.11.2017 auf Kultura-Extra.

21:39 20.11.2017
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Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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