Echo der Empörung

Kommentar Die Abschaffung des Kommerz-Musikpreises ist ein weiteres Phänomen der gegenwärtigen Empörungskultur. Von den wirklichen Problemen wird damit nur abgelenkt
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Der wichtigste deutsche Musikpreis ist Geschichte. Der Bundesverband Musikindustrie gab das am Mittwoch bekannt. Der „Echo“ ist verhallt, oder wurde vielmehr übertönt durch eine Empörungs-Kakophonie aus den Mündern von Medien, ABC-Prominenz und Internetkommentatoren.

Ob wir ihn vermissen werden? Freilich war er nichts weiter als ein Spektakel der Selbstbeweihräucherung, die öffentliche Masturbation einer weitgehend impotenten Branche, ohne jede Aussagekraft über künstlerische Qualitäten (worin er übrigens dem Großteil aller Film- und Musikpreise glich, auch und erst recht jenen, bei denen eine „fachkundige internationale Jury“ die Spreu vom Weizen zu trennen vorgibt). Aber das ist gar nicht die Frage. Die Abschaffung des Preises ist vielmehr nur ein weiteres Beispiel einer bedenklichen, anti-aufklärerischen Tendenz im gegenwärtigen Umgang mit gesellschaftlichen Problemen. Diese ist primär von zwei Merkmalen gekennzeichnet: dem Führen von Strohmann-Diskussionen, die am Kern eines Problems meilenweit vorbeigehen; und dem vorschnellen Einknicken vor einer empörten Öffentlichkeit, die das Objekt der Erregung radikal entfernt sehen will. Die Empörungskultur funktioniert immer nach demselben Muster: Eine Lappalie wird medienwirksam zum Stellvertreter einer eminenten gesellschaftlichen Problematik überhöht; jeder meldet sich dann zu Wort oder vollzieht eine symbolische Handlung, um seiner Empörung Ausdruck zu verleihen; am Ende tritt irgendwer zurück oder irgendetwas wird verboten, entfernt oder abgeschafft, sodass sich das öffentliche Gemüt wieder abkühlen kann – und am eigentlichen Problem ändert sich nichts.

Im Karussell der Empörungskultur stehen viele hohe Rösser

Was war noch gleich diesmal geschehen? Ach ja: Weil mehr als 200 000 Exemplare davon verkauf wurden, erhielt das Rapper-Duo Kollegah und Farid Bang für ihr Album mit dem prollig-eingängigen Titel „Jung, brutal, gutaussehend 3“ den Echo in der Kategorie „Hip-Hop/Urban national“. Das fanden viele Leute nicht gut, zum Beispiel der Tote-Hosen-Sänger Campino. Man dürfe „Sexismus, Antisemitismus und Homophobie“ und so weiter keine Bühne geben, meinte er (übrigens auf derselbigen Bühne). Konkret ging es um die wohl witzig gemeinte Farid-Bang-Zeile „Mein Körper definierte als vom Auschwitz-Insassen“, welche die für die Rap-Kultur typische Fitness-Ideologie auf denkbar geschmacklose Weise mit dem Leid von NS-Opfern in Analogie setzt (mehr aber auch nicht); generell bezog sich die Kritik auf die grotesk sexistische und gewaltverherrlichende Tendenz des Gesamtwerks.

Erwachsene Menschen sollten über solch pubertäre Ausfälle gelassen oder sogar amüsiert hinwegsehen können. Das taten sie leider nicht. Raptexte wie diese seien es, die unsere Jugend „antisemitisch verseuchen“ und den aufkochenden Judenhass in deutschen Städten, besonders an deutschen Schulen befeuern würden. Dem müsse man sich entgegenstellen. Weg mit dem Preis für die zwei!

Diese Diskussion wurde freilich nicht von beleidigten Juden angestoßen – wieso sollten die sich auch auf eine solch plumpe Provokation einlassen –, sondern von gewissen in der Öffentlichkeit mehr oder minder präsenten Personen, die ihre weiße Weste nicht oft genug waschen und zur Schau stellen können. Und weil die Möglichkeit, den eigenen moralischen Leumund zu erhöhen, von jedermann dankbar angenommen wird, quollen die Feuilletons und Internet-Kommentarspalten bald über vor Empörung über die ganze Veranstaltung; die ARD drehte unter dem dräuenden Titel „Die dunkle Seite des deutschen Rap“ noch schnell eine Dokumentation über die antisemitischen Verstrickungen des Genres. So handelt es sich bei der scheinheiligen Debatte um ein weiteres Beispiel für Political Correctness, die, wie der Philosoph Robert Pfaller in seinem brillanten Buch „Erwachsenensprache“ konstatiert, „in der Regel in Abwesenheit derer vollzogen wird, um die es dabei angeblich geht“.

Niemand wird nur durch Raptexte zum Antisemiten

Nun ist es aber auch noch so, dass niemand durch Raptexte zum Antisemiten wird. So, wie auch niemand durch die Abschaffung des Echos von seinem etwaigen Antisemitismus geheilt würde. Was nicht heißen soll, dass Kollegahs Texte gänzlich unproblematisch wären. Das Œuvre des Chefideologen der Bosshaftigkeit dreht sich mit zunehmender Fixation um (latent antisemitisch gewürzte) Verschwörungstheorien gegen verborgen wirkende Mächte, verkörpert von – was sonst – Bankiers und „denen da oben“. Insofern ist Kollegah zweifellos eine populistische Erscheinung.

Nun kann man sich über Populismus natürlich lang und breit empören. Weniger wohlfeil wäre es aber, über die Gründe für solche gesellschaftlichen Entwicklungen nachzusinnen. Warum begeistern sich so viele junge Menschen, oft mit muslimischem Hintergrund, für die Provokationslust, die exaltierten Tiraden eines Kollegah oder Farid Bang? Spricht daraus nicht eine große Verletzlichkeit, ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl? Warum blühen Verschwörungstheorien wieder auf, wie sie Kollegah in seinem zwanzigminütigen Rap-Video „Apokalypse“ durchexerziert? Will man die ungeheure Macht der Banker und Spekulanten, der ausbeuterischen Unternehmer und Fabrikanten, die globale Dominanz neoliberaler Politik und die Verarmung breiter Gesellschaftsschichten, zu der sie führt, etwa leugnen? Nein, diese Macht ist da, und wenn nur ein Bruchteil davon auf Juden konzentriert zu sein scheint, reicht das schon zu antisemitischen Kurzschlüssen wie im Kollegah-Video, in der ein Strippenzieher der globalen Finanzverschwörung einen Ring mit Davidstern trägt.

Wahrscheinlich will Kollegah durch seine Selbstinszenierung als Retter der Menschheit vor maliziösen Monetarismus-Mächten eher einen privaten Narzissmus befriedigen als eine bessere Welt schaffen. Und dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob der „Gangsta-Rap“ nicht ein nötiges Sprachrohr für durch neoliberale Politik – sei es erst in Deutschland oder schon im nahöstlichen Heimatland – abgehängte, verarmte, perspektivlose und oft einfach nur wütende junge Menschen ist. Und ob es nicht grenzenlos arrogant ist, wenn sich gut situierte Bürger moralisch darüber erheben wollen.

Du musst dein Leben ändern!

Eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in Deutschland würde tiefer schürfen und sich nicht der oberflächlichen Empörung über etwas hingeben, das letztlich nur das Phänomen einer tiefer sitzenden Problematik ist und nicht die Problematik selbst. Der – vornehmlich muslimische – Hass auf das von den USA protegierte Israel und seine Kinder ist bloß eine Facette des tief verwurzelten Hasses auf die westliche Welt in summa. Ein Hass auf ihre neoliberale Ideologie, die mit völkerrechtswidrigen „Interventionskriegen“ und manipulierten „Regime Changes“ in einem Erdteil durchgesetzt werden sollte, der so systematisch in Chaos, Tod und Terror gestürzt wurde.

Wie kann man in der westlichen Welt ernsthaft über geschmacklose, aber letztlich triviale Rap-Zeilen diskutieren, während Palästinenser, deren Familien vielleicht von einer deutschen Drohne im „Kampf gegen den Terror“ getötet wurden, die Intifada ausrufen?

Die wirkliche Auseinandersetzung mit Antisemitismus und (muslimischen) Chauvinismus führte zwangsläufig zu einer grundlegenden Systemkritik; doch die wäre ja zu unbequem. Bei der müsste man ja sein eigenes Leben in der neoliberalen Weltgesellschaft hinterfragen und am Ende vielleicht zu dem unangenehmen Entschluss kommen, dass auch man selbst sein Leben radikal ändern, Freiheiten einschränken, Privilegien einbüßen müsste, wollte man die Probleme einer wirklichen Lösung zuführen. Wie viel einfacher ist es da, sich in balsamischen Reden zu ergehen, „Antisemitismus keine Bühne“ geben zu wollen und selbstherrlich verlauten zu lassen, wo die Kunstfreiheit aufhöre!

Doch es gibt keine richtige Empörung im falschen System.

12:54 28.04.2018
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