Beste Wahl für Biedermeier 2.0

Kunst Klaus Biesenbach wird Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die Zeit ist reif für Neues – er ist es wohl nicht
Ausgabe 37/2021
Fest steht: Biesenbach kommt nicht als gefeierter Held nach Berlin zurück. Das muss nicht heißen, dass er auch hier scheitern wird
Fest steht: Biesenbach kommt nicht als gefeierter Held nach Berlin zurück. Das muss nicht heißen, dass er auch hier scheitern wird

Foto: Stefania M. D'Alessandro/Getty Images

Biesenbach kommt zurück. Ab Januar leitet er die Neue Nationalgalerie in Berlin und wohl auch das Museum des 20. Jahrhunderts, falls es fertig wird, bevor er wieder geht. Was in der Kunstwelt Schrecken auslöst, mag in der Kulturpolitik und bei Sammler:innen gefeiert werden. Der Mann hat für die Kunst-Stadt Berlin viel geleistet. Er half, die Kunst-Werke in der Auguststraße zu einer Institution von internationalem Ansehen zu machen. Ohne ihn wäre es kaum zur Berlin-Biennale gekommen. Biesenbach ist jemand, der Dinge möglich macht und Plattformen bietet. Dazu hat er immer den Kontakt zu den Mächtigen gesucht, sowohl in der Politik wie beim Geld.

Als er die Chance sah, in New York zu reüssieren, macht er sich davon, allerdings nicht ohne seine hiesigen Netzwerke weiter zu pflegen. Auch am MoMa setzte sich sein Aufstieg fort. Ich erinnere mich an den entnervten Seufzer einer amerikanischen Bekannten, als Biesenbach zum Videokurator berufen wurde. Den gleichen Stoßseufzer hört man derzeit im Kunst-Berlin: Wer im Himmel straft uns mit diesem Mann?

Björk? Gescheitert. Aber groß!

Besonders zwei seiner Ausstellungen sind in Erinnerung geblieben. Einmal das gewagte Projekt mit der isländischen Sängerin Björk. Künstlerisch gilt es als gescheitert. Aber immerhin groß gescheitert. Furore machte eine Performance seiner langjährigen Vertrauten Marina Abramović, The Artist is present. Je eine Besucherin oder ein Besucher durfte gegenüber der Künstlerin Platz nehmen und sie schweigend anstarren, beliebig lange. Etwa seit dem Zeitpunkt machte sich in den Porträts von Biesenbach ein eigentümlicher Wandel bemerkbar. Als hätte er selbst zu lange gestarrt, gefror seitdem oft sein Foto-Gesicht zur blanken Maske.

2018 verließ Biesenbach das MoMA und ging nach Los Angeles. Dabei handelte es sich weder um eine Beförderung noch um einen Aufstieg. Auch am MOCA fand er die Linie nicht wieder. Erst kürzlich beschloss das Board, ihm eine zweite Direktorin zur Seite zu stellen. Die New York Times berichtete, er habe mit Kürzungen nicht umgehen können und kaum für Diversity gesorgt. Fest steht: Biesenbach kommt nicht als gefeierter Held nach Berlin zurück. Das muss nicht heißen, dass er auch hier scheitern wird. Vielleicht findet er in seine Rolle als Ermöglicher und Organisator zurück.

Ein Museum des 20. Jahrhunderts zu leiten, bietet große Herausforderungen. Die Zeit ist reif, die gesamte Moderne post-kolonial und vielleicht auch post-imperial neu zu lesen. Eine Komplettrevision von 200 Jahren Kunstgeschichte steht an. Dafür ist Biesenbach eindeutig der falsche Mann. Es hätte etliche Frauen gegeben, die für die Leitung eines solchen Hauses weit besser geeignet wären, um nur Ute-Meta Bauer oder Bénédicte Savoy zu nennen. Beide hätten eine eigenständige und unerschrockene kunsthistorisch fundierte Position eingebracht. Vielleicht gelingt es ja im Ausgleich, das unselige Stadtschloss von den marodierenden Männerbanden zu befreien und wenigstens dort eine fähige Frau hinzubefördern. Leider stehen die Chancen dafür denkbar schlecht. Zumal Biesenbach etwas verspricht, das der Politik unserer Tage weit wichtiger zu sein scheint als Kunst. Er wird für wunderschöne „Photo-Ops“ vor der Nationalgalerie sorgen, bei denen sich Amtsträger im Licht internationaler Celebrities sonnen dürfen. Nichts zeigt besser den provinziellen Flair, den die heimelige Kulturpolitik im deutschen Biedermeier 2.0 so schätzt. Für diesen Service ist Biesenbach eine exzellente Wahl.

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