Zurück in die Zukunft?

Lauschangriff Das Jazz-Label Blue Note feiert seinen siebzigsten Geburtstag. Zum Jubiläum wurde ein Septett zusammengestellt, das die große Geschichte des Labels hochleben lassen soll

Es ist so eine Sache mit Jubiläen: Meistens feiern sie die Vergangenheit und bemühen sich inständig, den Eindruck zu erwecken, als ließe sie sich bruchlos bis an den Rand der Gegenwart und darüber hinaus verlängern. Es ist auch eine Sache mit dem siebzigjährigen Bestehen des Jazz-Labels Blue Note Records, das von den seligen fünfziger und bis in die sechziger Jahre dem Ideal eines Jazz-Labels sehr nah gekommen war: kreativ, stilsicher, fair – und sogar erfolgreich.

Dem Erfolg des Labels entsprachen die verschiedenen Talente der Produzenten: Alfred Lions Gespür für interessante Musik und Musiker, die ihn schnell über seine anfänglichen Vorlieben für den alten Jazz hinaus den Kontakt zu den Protagonisten des Bebop und später des Hardbop knüpfen ließen. Francis Wolffs Schwarz-Weiß-Fotografien, die die Musiker im Moment der Konzentration einfingen und im Zusammenspiel mit den Cover-Gestaltungen des Grafikers Reid Miles das Image des
Labels konstruierten – cool und fokussiert und intensiv wie die Musik. Und mit Rudy van Gelder hatten sie einen Toningenieur gefunden, der es wie kein anderer verstand, den Sound des Jazz gleichzeitig dicht und detailgetreu und dennoch groß und mitreißend zu strukturieren.

Thelonious Monk, Art Blakey, Horace Silver, Miles Davis, Cannonball Adderley, Sonny Rollins, Herbie Hancock, Ornette Coleman, Jimmy Smith, Cecil Taylor – wer wichtig und interessant war im Jazz dieser Jahre, war auch auf Blue Note Records zu hören. Größer kann eine Vergangenheit im Jazz nicht sein.

1965 verkauften der 1939 aus Berlin emigrierte Lion und der ihm wenig später
gefolgte Wolff ihr Label an die Plattenfirma Liberty, die 1969 an United Artists verkauft wurde, die 1979 an EMI verkauft wurde. Blue Note Records wurde eingestellt, der Name und der Back-Katalog 1985 an Capitol Records weiterverkauft. Seit 1985 ist das Label wieder aktiv und versucht, an die alte Qualität anzuknüpfen. Daneben sucht es nach Wegen, dem Jazz in der
Begegnung mit zeitgenössischer Popmusik mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Spätestens nach dem Erfolg mit der Sängerin Norah Jones im neuen Jahrtausend stehen nun andere Größen ganz oben auf der Prioritätenliste.

Zum Jubiläum hat Blue Note ein Septett zusammengestellt, das mit einer CD und einer Tour die große Geschichte des Labels feiern soll: ein Flop. Das Septett demons­triert in seltener Klarheit eines der Grundprobleme des akademisch geschulten Jazz unserer Zeit. Sieben talentierte und gut ausgebildete Musiker spielen das, was man ihnen gesagt hat. Welch eine Verschwendung von Talent!

Und das, wo im vergangenen Jahr etwa der Blue-Note-Musiker Jason Moran mit seiner multimedialen Verarbeitung des berühmten Town-Hall-Konzertes von
Thelonious Monk aus dem Jahr 1959 einen anderen, eigensinnigen, kreativen und hoch spannenden Umgang mit der reichhaltigen Geschichte des Labels vorgemacht hat. Bisher hat man Morans Monk-Bearbeitung (in Deutschland beispielsweise beim Moers-Festival) nur live sehen können, eine CD- oder DVD-Version gibt es noch nicht. Der historische Reichtum ist da, man muss sich nur die Mühe machen, ihn zu heben. Nur dann kann sich so ein Jubiläum mit dem Blick in die Vergangenheit in eine Feier der Gegenwart verwandeln.

Stefan Hentz

The Thelonious Monk Orchestra at Town Hall [live]. Riverside. The Blue Note 7 Mosaic A Celebration of Blue Note. Blue Note Records/EMI Cassandra Wilson Closer To You. Blue Note Records/EMI. Wynton Marsalis He And She. Blue Note Records/EMI

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