Rückfall in alte Zeiten

Schlicht ist schlecht Zu Recht wird dieser Tage auf viele Missstände hingewiesen. Nur schaltet der besorgte Bürger dann gerne das Großhirn aus und lässt das Stammhirn schalten und walten
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Rückfall in alte Zeiten
Rechte demonstrieren vergangenes Jahr gegen Angela Merkel

Foto: Carsten Koall/AFP/Getty Images

Es gärt gewaltig in der deutschen Mitte. Noch weitgehend versteckt hinter Türen. In sozialen Medien. Oder im privaten Rahmen. Doch was sich da zusammenbraut, ist eine trübe, ungenießbare Brühe. Eine, die zudem hier wohl bekannt ist. Aus Zeiten, als Leute vom Schlage Hugenbergs meinten, die deutsche Volksseele retten zu müssen, am Ende jedoch die Geister, die sie riefen, nicht mehr los wurden.

Sie haben sich mit ihnen gemein gemacht, um sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Nur unterschätzten sie in ihrer selbstgerecht naiven Arroganz die normative Kraft des Faktischen, zu der eine zu allem entschlossene Minderheit imstande ist. Sie konnten den brauen Mob nicht mehr beherrschen, sie wurden von ihm beherrscht. Und entsorgt. Das völkische Grauen konnte fröhlich-pathetisch Urständ feiern, während der großbürgerliche Kleinbürger darob entsetzt die Arme hob und schrie: Das wollt ich nicht, damit hab’ ich nix zu tun!

Das Gefährliche ist, dass an vielem, was derzeit gesagt wird, etwas dran ist. Im Deutschland dieser Tage wird eine Menge zu Recht kritisiert und auf tatsächliche Missstände hingewiesen. Nur dann schaltet der besorgte Bürger mit einem mal das Großhirn aus und lässt das Stammhirn schalten und walten. Und statt Vernunft und Verstand ihren Dienst tun zu lassen, statt abzuwägen und die Dinge aus unterschiedlichen Blickwinkeln, in all ihren Facetten, Konsequenzen und historischen Dimensionen zu betrachten, bricht sich eine einfach strukturierte, monoperspektivische Denkweise Bahn.

Aber sollten wir nicht alle Kinder der Aufklärung sein? Die ist schließlich, so Kant, der Ausgang des Menschen aus seiner selbst-verschuldeten Unmündigkeit. Mündige Bürger haben wir zu werden, die sich nicht dumpf von anderen den Weg weisen lassen, sondern den Mut haben, selber zu denken. Die nicht mit dem Finger auf andere zeigen, sondern sich immer erst hübsch an die eigene Nase fassen. Die nicht munter drauflos schwadronieren, sondern erst über das zu Sagende reflektieren. Und dann vielleicht besser einfach mal die Klappe halten.

In diesem Fall hätte man vielleicht die Chance zu erkennen, dass die plump eindimensionalen Argumentationen, wie sie einem derzeit aus dunklen Ecken und Kanälen deutsch-national und radikal-konservativ zugeraunt werden, strukturell nicht sonderlich weit von den Argumentationen entfernt sind, mit denen seinerzeit die Heilsritter der rein arischen Rasse das Land mit kaltschnäuziger Berechnung überzogen haben. Wobei es höchst lehrreich ist zu wissen, was diese damals von ihrem eigenen Volk dachten und warum ihre Botschaften so eindimensional zu sein hatten: Schlichte Botschaften fürs schlichte Volk – das sichert den Erfolg bei den Massen. Oder um es mit den eigenen Worten des Führers zu sagen:

„Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten hat ... Damit wird ihre rein geistige Höhe um so tiefer zu stellen sein, je größer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll.

Adolf Hitler, Mein Kampf (1925)

Da, wo Ehre, Stolz und Vaterland ins Spiel kommen, weicht schnell die Kraft rationaler Argumente. Da erhebt sich der Mensch über andere, reklamiert die Wahrheit allein für sich: Die eigene Wahrheit wird zur einzigen Wahrheit. Andere Meinungen werden erst als persönliche Beleidigungen empfunden. Dann als Gefahr. Und Bedrohung für Volk und Vaterland, für die deutsche Kultur im Besonderen und das christliche Abendland im Allgemeinen. Darauf muss gnadenlos reagiert werden.

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Fruchtbar nicht allein in Syrien, Somalia, Uganda oder Nord-Korea. Nein, überall. Auch bei uns. Oder in Polen, Ungarn, der Slowakei, Frankreich und Finnland. Es ist, nach den unvorstellbaren Gewaltexzessen in den vergangenen 2000 Jahren, vor allem der „Humanitären Revolution der Aufklärung“ (Steven Pinker) zu verdanken, dass uns, trotz aller grauenvollen Rückschläge im 20. Jahrhundert, der Zivilisationsprozess ein historisch ungekanntes Maß an Empathie und Selbstbeherrschung gebracht hat. Insbesondere im zwischenmenschlichen Alltag.

Doch wenn der Einzelne nicht bereit ist, Verantwortung für sich, sein Handeln und die Geschichte zu übernehmen, kehrt, so Popper, auch die Gewalt zurück. Und mit ihr die Barbarei. Unweigerlich.

11:22 19.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Oehm

Studium der Philosophie, Germanistik, Pädagogik; Schwerpunkt Linguistik. Ehemals Co-Geschäftsführer einer Galerie, heute Creative Director.
Stefan Oehm

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