Der Schubert des 21. Jahrhunderts

Lauschangriff Warum eigentlich soll Klassik, Jazz und Rock Gegensätze sein? Auf der Suche nach gemeinsamen Wurzeln entdecken die Schwestern Labéque auf bekanntes Liedgut

Wir Deutschen haben das nicht! Wir kannten es nie, unser Verhältnis zur Tradition ist, nicht erst seit Goebbels, mehrfach gebrochen: Die mühelose Verwandlung von Volks­liedern in Folklore, Canciones, Chansons oder Kunstlieder oder all das ineins, wie es im romanischen Sprachraum gang und gäbe ist, gibt es bei uns nicht.

Dass sich allerdings nun immer öfter Künstler daran wagen, die bislang auf Schubert, Brahms und dergleichen spezialisiert waren, liegt an der verzweifelten Randlage, in die sich klassische Musik in dem vergangenen halben Jahrhundert manövriert hat. Darüber, wie man da wieder rauskommt, machen sich seit einiger Zeit die Schwestern Labéque Gedanken. Das berühmte Klavierduo hat sich mit der spanischen Bolero- und Flamencosängerin Mayte Martin ins friaulische Dobbiaco zurückgezogen, um dort die CD De fuego y de agua aufzunehmen: von Feuer und Wasser.

Da fließen gleich im einleitenden Capricho por bulerías nicht allein Flamenco und Jazz zusammen, auch einige Tropfen Débussy. Die Musik wird befeuert von Texten, die unter anderem Lope de Vega und Garcia de Lorca verfasst haben. Mayte Marin singt sie, noch in der Höhe rau, mit einer Stimme, die zärtlich ist, weise und reif vor Leben und Kunst. Es geht um Alltage und Feste, Tod und Liebe, um den Schlaf der Kinder. Duerme, mi alma/duermete, lucerito/de la manana heißt es da, von Manuel de Falla archaisierend einfach und maurisch eingefärbt in Töne gesetzt: Schlafe, meine Seele/schlafe, mein Morgenstern.

Eine Musik im Geist der Gitarre. Aber die Labéques finden auch am Klavier den Ton. Katia Labéque hat mit B for Bang vor Jahren eine eigene Band gegründet, um zwischen Klassik, Jazz und Rock Schnittmengen zu erkunden, die aus gemeinsamen musikalischen Wurzeln resultieren. Sie hält, wie sie mir unlängst in einem Interview sagte, die Hingabe und Energie von Rock- und Jazzmusiker für nachahmenswert – für Klassikspezialisten: „Für mich ist jemand wie Sting, der zugleich Interpreten und Komponisten ist, ein wenig wie der Schubert des 21. Jahrhunderts. Er setzt die Tradition fort von einfachen Liedern, wunderschönen Melodien.“

Von Sting stammen die ersten beiden Songs (und der Titel) der neuen CD Shape of my heart. Labéque begleitet den Singer-Songwriter bei den Aufnahmen in dessen Londoner Haus am Klavier. Das Ergebnis erscheint gelungener als manches, was Sting auf eigene Faust in letzter Zeit an Crossover versucht hat. Labéque spielt an zwei Klavieren mit Herbie Hancock My funny Valentine; verblüffend, wie gut Chopins Prélude Nr. 4 aus op. 28 dazu passt, das Labéque, wie sie sagte, als eine Art Vorspiel zum Rockstück Exit music hört. Erstaunlich, wie gut sie auch die Mischung aus Jazz, karibischer Musik und klassischer Polyphonie in den Fingern hat in Besame mucho, das sie zusammen mit dem Kubaner Gonzales Rubalcaba spielt.

Musiker wie Rubalcaba und die Mitglieder von Labéques Band sind klassisch ausgebildet, leben aber und kommen vom experimentellen Rock (Sonic Youth, Radiohead) oder vom Jazz. Auch das zweite Klassikstück der CD, Eric Saties Gnossienne No. 3, klingt nicht wie ein Fremdling, eher wie Fleisch vom Fleisch guter Musik. Mag sein, dass die Mischung gelegentlich ein wenig an Barmusik erinnert. Wenn schon, dann aber: Was für eine Bar!

De fuego y de agua Mayte Marin, Katia Marielle Labéque, KML/Edel Classics, KML 1119 Shape of my heart Katia Labéque, Herbie Hancock, Chick Corea, Gonzales Rubalcaba, David Chalmin u.a.; KML/Edel Classics

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