Instrumentenbau und Mikroskopie

Lauschangriff Der Flügel, den der Tischlermeister Heinrich Engelhard Steinweg 1836 in seiner Küche in Seesen herstellte, klingt um Welten anders der heute übliche Konzertflügeltyp

Die Gewohnheit der Schallplattenkritik, so genannte Referenzaufnahmen zu empfehlen, verrät eine in der Gesellschaft nicht seltene Neigung zu Rankings und Wettkämpfen. Einer muss besser sein als andere. So was dürfte bei Aufnahmen klassisch-romantischer Klaviermusik nicht mehr so leicht sein. Ob etwa Martha Agerich die Palme gebührt, einem Pollini oder doch eher Lang Lang, ist am Ende Geschmackssache. Oder begründbar aus der aktuellen Hegemonie dieser oder jener Klavier­ästhetik. Die Damen und Herren sind freilich miteinander vergleichbar. Ob Bach oder Stockhausen – alle spielen sie alles auf demselben Konzertflügeltyp.

Der Flügel aber, den der Tischlermeister Heinrich Engelhard Steinweg 1836 in seiner Küche in Seesen herstellte und den der belgische Instrumentenbauer Chris Maene jetzt mit Genehmigung der US-Firma Steinway repliziert hat, klingt um jene Welten anders, die seit den Zeiten untergegangen sind, da Robert Schumann Klaviermusik schrieb. Die im Klavier rollenden, triolischen Akkordbrechungen am Beginn des Klaviertrio op. 63 würden sich auf einem modernen Steinway mit Geige und Cello nie zu dem Orchestralklang verbinden, der Eric Le Sage in der Neueinspielung auf dem alten Piano Steinway mit der Seriennummer 32500 möglich ist. Heilig zu sprechende Momente wie die Durchführung des ersten Satzes, wo die am Steg gestrichene Geige, mondlichthaft fahl und mystisch, ein neues Thema bringt, kann ein moderner Flügel nicht leisten. Seine Standards zielen auf Größe und Vielseitigkeit, nicht auf Transparenz, Obertonreichtum und Farben.

Klar, dass die delikatesten Klavierklänge nichts nützen, wenn der Spieler unter den Möglichkeiten des Instruments bleibt. Klar aber auch, dass Interpreten wie der Belgier Piet Kuijken in seiner Neuaufnahme mit Soloklaviermusik Schumanns so brillant und originell, stellenweise nordlichternd rauschhaft aufspielen kann – und sich trotzdem von anderen Hammerflügelinterpreten Schumanns unterscheidet. Denn der Klang seines von Johann B. Streicher gebauten Instruments hebt sich ab von allen anderen Klavieren aus den Werkstätten des beginnenden Industriezeitalters.

Die Klassikgemeinde hat sich derzeit außer an den Klang alter Flügel freilich noch an weitere neue Interpretationsparameter zu gewöhnen. So klingt die Neuaufnahme von Beethovens Klavierkonzerten Nr. 1 2 mit dem belgischen Hammerflügelspieler Arthur Schoonderwoerd anders. Nicht so sehr, weil Schoonderwoerd Beethoven strikter spielt als üblich, ohne die spezielle Bärenhaftigkeit von dessen Humor zu vergessen. Er besetzt ihn zudem, wie es die ersten Druckausgaben von 1801 vorsahen, mit zwei Geigen, zwei Bratschen, einem Cello, einem Kontrabass und mit – bis auf die eine Flöte – normal, das heißt, doppelt besetzter Bläsergruppe.

Das ergibt einen Beethoven unterm Mikroskop. Im Eröffnungstutti von Nr. 1, das beim frühen Beethoven schon so explosiv klingt wie beim späten, kann man in aller Kompaktheit des ersten Themas überm Unisono die Verzierungen der Flöte hören. Nach lang ausgekosteter Fermate kontrastiert der Einsatz des Solisten dynamisch in einer so zart und silbrig nur auf dem Hammerflügel zu realisierenden Laune. Das Mozart noch nähere Largothema geht vom innigen Gesang in einen Wiener Walzer über, wie man ihn schnarrend burlesker noch nicht hörte.

Schumann Trios op. 63, 80, 110, u.a. Nicolitch/ Coin/Le Sage; Alpha 158/note 1. ders. Novelletten, Kinderszenen, u.a. P. Kuijken; Fuga 562/note 1. Beethoven Klavierkonzerte 1 2 A.Schooenderwoerd/Cristofori; Alpha 155 / note1

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