Lauschangriff 17/07

Musik Klassik-Kolumne

Jedes Kind erfährt von besorgten Eltern, dass es nicht gut tue, sich im Leben zu weit zu entfernen vom breiten Weg des Üblichen. Heute, fügen Mom und Dad vielleicht hinzu, sollte man auch Spaß haben am häufigen Wechsel von Ort, Beziehung, Beruf, man lande sonst leicht im Abseits. Wäre dem so, der Dirigent und Barockgeiger Sigiswald Kuijken müsste längst auf Hartz IV sein.

Kuijken ist inzwischen 64. Seit Langem lebt er in einem Ort, zwanzig Bahnminuten von Brüssel. Zwei Brüder sind erfolgreiche Barocksolisten. Frau Kuijken heißt Marleen Thiers und spielt länger Bratsche in Kuijkens La Petite Bande, als die beiden verheiratet sind, das Ensemble gibt es seit 1972. Drei der fünf Kinder sind Musiker. Keines hat sich auf den breiten Weg des Üblichen begeben.

Es muss mit diesem Umfeld zutun haben, dass Kuijken, der zur zweiten Generation historischer Aufführungspraktiker gehört, nach 30 Jahren erfolgreicher Karriere mit gelegentlichen Schwächeperioden, wieder an einem neuen Aufbruch angekommen ist.

Ende der neunziger Jahre wirkte er leicht verbissen in seiner Kritik an der Gegenwart historischen Musizierens. Dessen Erfolg, ätzte er, habe zu Mogelpackungen geführt. Man ziehe für einen Abend Darmsaiten auf, stelle das Vibrato ab, besetze ventillose Trompeten und Hörner, und schon ginge man als Barockorchester durch. Er hatte Recht, übersah aber manches positiv Neue.

Dazu gehört er jetzt selbst. Für seine jüngsten Programme hat er sich daran erinnert, dass Josua Rifkin und Andrew Parrott in den Achtzigern mit Aufführungen von Bachs Vokalmusik Aufsehen erregten, in denen - bei entsprechend reduziertem Orchester - die Solisten zugleich die Chorpartien sangen.

Bei Kuijkens Neuaufnahme ausgewählter Bach-Kantaten fehlt nicht nur nichts. Die verkleinerte Petite Bande und der Mini-Cast an Sängern (vier Solisten/Choristen in den vier Stimmlagen) beschert dem Hörer im Gegenteil ein Maximum an Durchhörbarkeit und Klarheit. Wer bei derart karger Besetzung befürchtet, die Musik sei protestantisch streng vom Fleisch gefallen, wird sich üppig überrascht finden. Die Melodie von Oboe und Basssolo in Ich habe genug (BWV 82) etwa legt sich bei entsprechender Hörerdisposition wie tröstender Balsam auf die Seele.

Wirkmacht und Stärke, denken nicht wenige Strategen des Marktes (und, leider, der Musik), seien durch Faktoren wie Größe, Menge oder Lautstärke zu gewährleisten. Dem wäre zu entgegnen, dass in der Kunst, in der Liebe, in allem, was der Menschenseele frommt - ausgenommen gewerkschaftliche Tarifpolitik! -, weniger meist mehr ist.

Für Sigiswald Kuijken hatte Vivaldi mit Le Quattro Stagioni keine Concerti grossi im Sinn. Kuijken kann es weder philologisch noch dokumentarisch beweisen: Es ist sein Musikerbauch, der ihm sagt, Vivaldi habe hier Noten für ein einziges Instrument pro Stimme geschrieben. Und also führt er den Zyklus mit dem Kuijken Quartett auf. "In der kleinen Besetzung ist diese Musik unheimlich lustig", sagt er. "Viel madrigalesker und expressiver als sonst. All die Probleme, die man mit Kammerorchester hat - es ist nie zusammen, ist oft unsauber, hat etwas zu Dunkles, zu Anonymes - sind weg. Jetzt hat jeder sein Ding, wie die Sänger in den Bachkantaten. Es ist völlig anders, völlig frisch."

Bei einem abgenudelten Werk wie den Jahreszeiten ein kleines Wunder. Es verdankt sich der Frische, mit der musiziert wird, die sich dem Spaß verdankt, den es Kuijken bereitet, nicht wie üblich auf einem Cello zu begleiten, sondern auf einer Viola da Spalla - einem wie ein Cello gestimmtes vier- oder fünfsaitiges Streichinstrument, dessen Zarge gut zweimal so hoch ist wie die einer Bratsche und das horizontal, auf dem Oberarm, gespielt wird. "Die Spalla", scherzt Kuijken, "macht mich noch mal jung." Schön für ihn. Und für die Hörer? Super! Super? - Cool!

Bach: Kantaten fürs ganze liturgische Jahr, Vol. 3 BWV 82, 178, 102; Hermans, Noskaiovà, Genz, van der Crabben, La Petite Bande/S. Kuijken; Accent/note 1 ACC 25303. Vivaldi: Cello-Concerto xD RV 403, Le quatro stagioni, La Follia RV 63; S. Kuijken, Viola da Spalla/Kuijken Quart.; Acc./note 1 ACC 24179.

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