Lauschangriff 2/03

Kolumne Wenn es irgendwo kriselt in der freien Marktwirtschaft, werden erst einmal Leute entlassen. In der Klassikbranche geht das nicht mehr, denn infolge ...

Wenn es irgendwo kriselt in der freien Marktwirtschaft, werden erst einmal Leute entlassen. In der Klassikbranche geht das nicht mehr, denn infolge anhaltender Strukturkrise sind schon alle weg, die man zwecks Gesundschrumpfen und Kaputtsparen rausschmeißen könnte. Rettende Hypes à la drei Tenöre sind abgegrast; Kreativität und das Bemühen um auch nur mittelfristige Strategien erscheinen utopisch angesichts der Habgier von Shareholders, die sich das Leben nur noch in Quartalsbilanzen denken können. Okay. Müssen eben wagner- und brahmsgestählte Pultstars wie Daniel Barenboim samt ehrwürdiger Eliteorchester wie das Chicago Symphony Begeisterung für Tango oder Duke Ellington mimen, Geiger wie Gidon Kremer, bislang überragend durch hingebungsvollen Einsatz für die Moderne, müssen sich in mittelmäßige Filmmusiker verwandeln, und eindrucksvolle Mozart- und Monteverdi-Spezialistinnen wie Anne Sofie van Otter oder Joy Flemming müssen plötzlich so tun, als wären sie eigentlich dazu bestimmt, Chansons oder Popsongs zu singen. Das Ganze nennt sich Crossover und ist, wie mir Martijn Sanders, Direktor des Amsterdamer Concertgebouw, einmal sagte, "eigentlich nur der Beweis, das eins und eins oft eben nur anderthalb ergibt".

Allerdings, wenn es deutsche Musikhochschulen endlich schaffen würden, Fächer wie Jazz, Improvisation oder Popmusik in ihre Lehrpläne aufzunehmen oder wenn Simon Rattle in seinem ersten Berliner Silvesterkonzert nicht mehr Beethovens Chorsinfonie, sondern klassisch-zeitgenössische Popularmusik von Weill, Gershwin und Bernstein präsentiert - ist das sowenig Crossover, wie Mozarts türkische Märsche, Brahms ungarische Rhapsodie oder die vielen Jazzparaphrasen bei Strawinsky, Prokofjew oder Schostakowitsch. Crossover ist Marketing, klassische Musik als ästhetische Trittbrettfahrerei, folgend nur noch der Logik von Warenproduktion und ergo dem kürzesten Weg zur Maximalrendite.

Musiker wie der mexikanische Sozialist Silvestre Revueltas (1899-1940) haben sich für so etwas nie interessiert. Aus der Folklore seiner Heimat, aus ein wenig Pop und Jazz, einem Schuss Mahler und einem Hauch Zwölftonmusik schuf er stattdessen findig instrumentierte, rhythmisch mitreißende Sinfonik für kleine und größere Orchester, darunter eine fahl melancholische Hommage an Federico Garcia Lorca, den Revueltas während des spanischen Bürgerkriegs kennenlernte (Sensemaya - New Music Group of the Los Angeles Philharmonic, Esa-Pekka Salonen; Sony Classical SK 60676). Die faszinierend fruchtbare Integration des nur in den Augen der Gewohnheit Unvereinbaren gehört zum Selbstverständnis des Frankfurter Ensemble Modern (EM). Unter Leitung des ungarischen Komponisten Peter Eötvös (dessen zeroPoints auf der selben CD zu hören ist) vermittelt die Avantgarde-Kapelle Beethovens 5. Sinfonie mit rockmusikgemäßem Sound-Design. Sie spielt das eher in denkmalhaft monumentaler Interpretation bekannte Werk in Kammerorchesterstärke und auf elektronisch verstärkten Instrumenten. Ergebnis: Ein überraschend fetziger, konturenscharfer und angriffs-lustiger Beethoven (BMC CD 063). Für den britischen Komponisten Mark Anthony Turnage (geb. 1960) ist Jazz offenbar bereits selbstverständliches Ausgangsmaterial für seine Komposition Neuer Musik.

In dem für EM geschriebenen Jazzprogramm Blood on the floor sinnt er musikalisch dem Drogentod seines Bruders nach. Der Fuß wippt mit beim Hören dieser Musik, und Kopf und Herz tauchen ein in den Rhythmus einer grellen und kalten, auf ihre Weise poetischen Welt draußen vor der Tür (argo/Decca/Universal 455 292-2). Thomas Adès, 1971 in England geboren, hat offenbar von Kindesbeinen an Discomusik und Jazz so gut zugehört wie Strawinskys Sacre du printemps und eigenen frühreif genialen Eingebungen. Bläser und Schlagzeug (inklusive Klavier) überwiegen in seiner elegant witzigen Art, Orchesterwerke zu instrumentieren. Und Bravourstücke wie Asyla, Concerto Conciso oder die Chamber Symphony haben offenbar das Zeug, auch unspezialisiert offene Zuhörer für eine Musik zu begeistern, bei der man, nach Adorno, nicht immer schon vorher weiß, was kommt (EMI 5 56818 2).

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