Lauschangriff 21/08

Musik Die Kürze und Substanz, mit der sich Peter Ruzicka auf seiner Homepage über eines seiner neueren Stücke äußert, steht in wunderlichem Kontrast zu ...

Die Kürze und Substanz, mit der sich Peter Ruzicka auf seiner Homepage über eines seiner neueren Stücke äußert, steht in wunderlichem Kontrast zu Länge und Eitelkeit dessen, was er am selben Ort (www.peter-ruzicka.de) andere über seine Musik sagen lässt. In einer für Ruzickas Musik nicht seltenen Anlehnung an einen Dichtertext heißt das Stück Ins Offene... Die Hölderlin´sche Allegorie verweist auf Befreiung. Jemand lässt etwas hinter sich, das offenbar nicht mehr lebbar war. Mit musikalisch avancierten Mitteln wird eine alte Geschichte erzählt; die zum Spiel mit Assoziationen anregt.

Eine atemlose, immer dichter werdende Folge von Streicherfiguren schießt vorüber wie ein Gebirgsfluss im Frühjahr: Was, fragt sich das in klangvariantenreichen, aktionistischen Attacken schwelgende Ohr, stürzt hier mitreißend schnell in Richtung Offenes (Meer)? Würde das Auge, das Ohr nur der Bewegung des Flusses folgen, wäre es das Ufer, das dahin fliegt. Verharrt die Aufmerksamkeit indes auf der Landschaft am Flussrand, rast das Wasser. Es bildet Schaum, Strudel und alle Gestalten erst durch die Widerstände, die ihm das Ruhende - im Strom und an den Ufern - entgegensetzt. Aber was provoziert in der Musik die Illusion von Bewegung? Der mal leise gleißende, mal fahl gellende Liegeton im Hintergrund oder die immer neuen, wie vorbei fliegenden, aggressiven Einwürfe - oder beider Gleichzeitigkeit? Bewegung ist hier Hast, ist Unfrieden, Uneigentlichkeit. Sie schwindet langsam. Das Flussbett wird breiter, das Wasser glatter. Unterbrochen von schwächer werdenden "Energie-Modulen" (Ruzicka), entsteht ein Subtext von Stille, aus der sich, wie in einem Mahler´schen Adagio, die hohen Streicher in einen Traum finden, der Fragment bleibt, rätselhaft und offen wie viele der Zeilen Hölderlins. Das mit nicht wenigen Beispielen zu belegende Wort von den Komponisten, die oft recht ungenügende Interpreten ihrer eigenen Werke sind, hat hier seine Ausnahme: Mit den vorzüglichen Streichern der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen gelingt Ruzicka eine packende Realisierung seines eigenen Texts.

In Sturz, dem fünften Streichquartett Ruzickas, folgen die vier Streicher des Arditti Quartett einem ähnlichen Formverlauf wie bei Ins Offene... Wieder tasten sich die Bestandteile eines Klangfelds zueinander vor, laden sie sich auf gegen ein Offenes, Ruhendes hin, dessen fließender Ton sich schon zwischen und unter den Feldversatzstücken aufgebaut hatte. Im weiten Register des Liegetons zwischen Violindiskant und Cellobass scheint die Fallhöhe des heftigen Sturzes vorgegeben zu sein, der das Zentrum des Stücks bildet, bevor es in langen, auf den Bogenhölzern gestrichenen Noten, "wie ein Klangschatten" (Ruzicka), den das zuvor Erklungene wirft, im Dunkel gänzlicher Strukturlosigkeit verschwindet.

Wer ihm begegnete, wird Ruzicka leicht für einen Beamten gehalten haben, einen Jusitiziar oder Ähnliches (was er bemerkenswerterweise tatsächlich ist oder war als Intendant der Hamburgischen Staatsoper, der Salzburger Festspiele und der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater und als gelernter Jurist). Er sieht gänzlich unkünstlerisch aus, unromantisch, unaufregend in seinem offenbar obligaten blauen Blazer. Seine Musik, besonders, aber keineswegs allein, das dritte Werk auf der neuen CD, Tombeau, ist artifiziell, romantisch, aufregend. Ein archaisch-kraftvolles, farbiges Stück - ein Stück über Verzweiflung und Trauer - fast allein für die Spielerin einer Flöte, Alt- und Bassflöte, zurückhaltend abschattiert vom Arditti Quartett. Am Ende leitet der verklingende Gewaltschlag eines Tamtams zurück in die Stille, aus der die Musik anfangs auftauchte.

Schließlich Hölderlin wörtlich, Lieder auf Fragmente; neben Vertonungen von acht Text-Fragmenten Nietzsches. Wort und Musik - hier dient keiner keinem, sondern beide der melodischen Schönheit, dem kühl und emphatisch begleitenden Klang unpathetisch großer Worte.

Peter Ruzicka: Ins Offene... Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Peter Ruzicka, Arditti Quartett, Cornelia Brandkamp, Thomas Bauer, Siegfried Mauser; Thorofon/Klassik Center Kassel CTH 2509

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